Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Russland wappnet sich für die Weltmeisterschaft 2018 und Europa für den Krieg, zumindest die Nato und einige europäische Staaten.

In unserem Ferienhäuschen in Schweden war in der Pfingstwoche mal wieder einiges zu tun. Die Fenster brauchten frische Farbe und die Terrasse auch. Alles war wie immer, sogar der legendäre Sonnenschein im Mai der besonders in der Region Karlskrona in Südschweden nicht zu wünschen übrig ließ.

Aber etwas war anders, als in den letzten fünfzehn Jahren. Trotz des christlichen Pfingstfestes waren überall auf den Straßen Militärtransporte mit schwerem Gerät zu sehen und über uns zwitscherten in diesem Jahr nicht nur die Vögel. Wie ein ständiges Gewitter am Horizont, das keine meteorologischen Gründe hatte, donnerten Kampfflugzeuge im Tiefflug über Blekinge und in die anliegende Ostsee. Schweden übte in diesem Mai den Krieg.

Erklärter Gegner, in einem Prospekt, das an alle Haushalte verteilt wurde und Ratschläge für den Kriegsfall erteilt, ist Russland.

Bei der Nato diskutiert man derweil eine Aufstockung und Mobilisierung der bisher noch 20 000 Mann zählenden schnellen Eingreiftruppe um 10 000 Soldaten. Dies soll ausgerechnet unter der Führung Deutschlands geschehen. Als wir das in Schweden in unserem Häuschen lasen, wollten wir gar nicht mehr zurück nachhause.

Ein Land mit einer maroden und demoralisierten Armee soll zur Speerspitze gegen Russland werden? Dann bleiben wir doch lieber im neutralen, wenn auch paranoiden, Schweden?

Entwarnung ist allerdings angesagt. Denn sowohl die Kanzlerin, als auch der Finanzminister haben höhere Mittel für die Bundeswehr abgelehnt, die Aufstockung des Wehretats ist gering, so dass aus der deutschen Aufrüstung, trotz florierender Kriegsindustrie, wohl nichts wird.

Bleibt die Frage, warum dieses Kriegsgeheul angestimmt wird

Gibt es tatsächlich neue Hinweise für einen erneuten russischen Angriff auf europäische Staaten? Irgendetwas, was wir wissen sollten?

Immerhin hat Russland im letzten Jahr ein sehr hübsches Manöver an seiner Westgrenze unter Einbeziehung Weißrusslands gezeigt. Alle waren beeindruckt. Aber verängstigt?

Wir reden zwar von einem Russland, das 2014 ganz zweifellos die Ukraine überfallen hat und seine Zähne immer noch fest im Fleisch dieses Landes hält, aber wir reden auch von einem Russland, dass im letzten Jahrhundert keinen einzigen substantiellen Angriffskrieg zu verantworten hat, wenn man vom unseligen Afghanistan-Abenteuer der Sowjets absieht. Nun gut, dieses Abenteuer kommt gerade den Westen teuer zu stehen, der ebenfalls dort einmarschiert ist und nicht wieder rauskommt. Eine Mausefalle für Großmächte, die unter Selbstüberschätzung leiden. Derzeit hält gerade der „geschlagene IS“ dort Einzug.

Mal davon abgesehen, dass auch die Russen bis in die Haarspitzen paranoid sind, geht von Ihnen eigentlich keine weitere Gefahr aus, es sei denn, man wolle die Wahl Trumps und den Zerfall der EU tatsächlich dem Kreml anlasten. (Was, mit Verlaub, Schwachsinn ist.)

Psychologisch ist Russland ein schwacher Gegner

In dem Fach psychologische Kriegsführung hat der Kreml zwar etwas dazu gelernt, bleibt aber weiterhin äußerst schwach. Putins Regime wirkt nur deshalb noch ganz akzeptabel, weil der europäische Konterpart und vor allem die USA dermaßen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft verloren haben, dass sogar ein Präsident Xi als Lichtgestalt gegen Trump, Macron, Merkel und May wirken muss und ein Victor Orban, als Stürmer gegen Brüssel von diesen „Staatsmännern und –frauen“ permanent den Ball zugeschossen bekommt, um ihm im gegnerischen Kasten zu versenken. Auch Orban ist lediglich Profiteur der Krise im Westen und nicht der Verursacher. (Hätte der die Grenzen nicht dicht gemacht, sähe es heute in Europa noch viel schlimmer aus – sein einziger Verdienst.) Trotz seiner miesen Performance und der dumpfen Ausschlachtung des Migrationsthemas kann er sich einbilden, irgendwann die Führung Europas an sie zu reißen.

Wer es glaubt?

Derartig paranoide Hirngespinste werden tatsächlich im Kanzleramt bewegt, wohl damit Merkel sich als bedrohtes Reh umgeben von grauen Wölfen unter Kulturschutz stellen lassen kann. Das funktioniert bei den Deutschen tatsächlich noch.

Russland, als bedrohlicher, psychologischer Gegner ist eine Chimäre und es ist unschwer zu erkennen, warum.

Die Russen verfügen über eine Psychologie, die nur nach innen wirkt (zu viele Idioten) und nach außen regelrecht abstößt (immer dieselbe Taktik). Abstreiten und beleidigt sein.

Was der Kreml auf dem geopolitischen Schachbrett gut beherrscht, schnelle Rochaden und ungewöhnliche Wendungen (Beispiel Erdogan) schaffen sie in der psychologischen Kriegsführung mit dem Westen nicht annähernd. Sie legen immer dieselbe Platte auf, wie damals bei der Frontagitation mittels Megaphon, sind zu Unrecht beschuldigt, angegriffen und dämonisiert und haben nie auch nur irgendetwas verbrochen.

Das glaubt natürlich global kein Schwein!

Damit die Welt ihnen lieber glauben soll, haben sie ihre Armee modernisiert und auf Effizienz getrimmt, arbeiten an neuen Hyperwaffen und sind auch ansonsten sehr umtriebig, der Welt einen Schrecken einzujagen.

Aber macht sie das glaubwürdiger? Wohl kaum. Eine zweite psychologische Falle, in die der Kreml seit Jahren denkbar ungeschickt tappt. Die Hoffnung, dass die Menschheit den Mächtigen glaubt, weil sie Angst vor ihren Waffen hat (zuletzt gesehen bei den Nationalsozialisten), stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert und ist im Informationszeitalter in einer Multi-Globalisierung ein Witz, den man nicht einmal den Tschetschenen erzählen kann, schon gar nicht den Ukrainern – und den Europäern und Amerikanern?

Letztere nutzen den psychologischen Anachronismus der Russen, um diese noch möglichst weiter zu diskreditieren, aber vor allem für ein ganz eigenes paranoides, psychologisches Interesse.

In Europa rechnet man nämlich mit neuen Sezessionskriegen, die, wenn sie am Ostrand der EU (Bulgarien, Rumänien) oder auf dem Balkan, in Griechenland (Zypern) oder in Spanien, Irland, vielleicht auch wieder in Italien auftreten, eine schnelle Eingreiftruppe erforderlich machen können. Weil das betroffene Land, dann meist auf Regierungsebene gelähmt wird.

Voraussetzung für den Bündnisfall ist aber, dass man den Konflikt einer „fremden Macht“ in die Schuhe schieben kann. Damit ist Russland nicht nur durch seine geografische Lage (weit genug weg, um als fremde Macht durchzugehen und nahe genug dran, um als bedrohlich zu gelten), sondern auch durch seine dreimal dämliche Psychologie, die dem Westen immer wieder Vorwände liefert, das Land zu diskreditieren, geradezu prädestiniert.

Ein Land wie ein Sündenbock – gemacht für den Westen!

Man darf fragen, warum China in diesem Sinne nicht als Sündenbock taugt? Immerhin kaufen die Chinesen gerade Europa vom Atlantik bis nach Piräus auf. Genau, die Chinesen sind psychologisch gesehen nicht so relevant, weil sie weit genug weg sind. Wirtschaftlich aber sind sie zehnmal so gefährlich wie Russland und militärisch den Russen ebenbürtig.

Nun gut, der Kreml lässt keine Chance aus, den westlichen Sündenbockmechanismus zu bedienen, sei es in der Ukraine oder in Großbritannien. Aber dass wir eine schnelle Eingreiftruppe gegen Russland brauchen, weil es sonst militärisch in Natostaaten interveniert, glaubt noch nicht einmal meine Oma, die so einige ungute Erfahrungen mit den Russen hat.

Eine völlige Überschätzung dieses Volkes, das vor allem dann in seinem Element ist, wenn es (auf welche Art auch immer) angegriffen wird, selbst aber nicht die geringste Lust hat, sich mit noch mehr Völkern anzulegen, als ohnehin schon auf seinem Staatsgebiet und in der unmittelbaren Nachbarschaft leben.

Die Russen haben einen Vielvölkerstaat und wissen genau, was Unfrieden bedeutet. Sie haben nicht die geringste Lust darauf.

Der Westen braucht den angriffslustigen Russen und hat ihn im Falle der Ukraine auch bekommen (direkt im russischen Vorgarten, möchte man meinen). Zu mehr sind die Russen wohl kaum bereit.

Schade für die Nato und gut für uns.

Denn nach diesen Überlegungen verlassen wir unser Ferienhäuschen im kriegerischen Schweden und fahren zurück ins dusselige Deutschland, wo eine Kanzlerin die Aufrüstung zum Nulltarif propagiert.

Sehr beruhigend.

Der Krieg kann warten.