Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Das Dilemma der islamischen Welt zeigt sich besonders deutlich in Afghanistan. Dem Land kommt eine Schlüsselrolle in der Bekämpfung des Islamischen Staates zu.

Die Deutschen Soldaten bleiben vorerst in Afghanistan und werden auf annähernd eintausend Mann aufgestockt. Die Frage ist allerdings warum? Kritische Stimmen sehen keinen Sinn in einem verlängerten Einsatz der Bundeswehr, weil die Strukturen in Afghanistan stark unübersichtlich sind.

Durch die Korruption in der Regierung und Verwaltung des Landes, weiß man nicht, welche indirekten Unterstützer die Taliban im Staatsapparat des Landes haben. Die Armee ist nicht unbedingt schlagkräftig und kommt regelmäßig zu spät zum Einsatz. Die Katastrophe bei der Einnahme von Kandahar durch die Taliban, in deren Verlauf auch das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen durch einen amerikanischen Bomber zerstört wurde, spricht hier Bände.

Afghanistan ist aus inneren und strukturellen Gründen nicht in der Lage, sich selbst zu schützen und das wird sich auch so bald nicht ändern.

Man muss ehrlich sein. Alle westlichen Länder gehen von einer erneuten Machtübernahme durch die Taliban nach ihrem Truppenabzug aus. Dieser Grund bremst den internationalen Abzug, auch den der Bundeswehr. Offiziell ist die Bundesregierung der Meinung, dass Kabul weitere Unterstützung braucht und man möchte das Land so friedlich wie möglich halten, um weitere Fluchtursachen zu bekämpfen. Denn es kommen viele Flüchtlinge auch aus Afghanistan zu uns.

Inoffiziell ist die Lage wesentlich dramatischer.

Der Islamische Staat breitet sich auch in Afghanistan erfolgreich aus. Sein Prinzip überall dort hinzugehen, wo es ein Machtvakuum oder ein korruptes System gibt, geht auf. Wie in der Geschichte mit dem Hasen und dem Igel bekämpft die internationale Allianz die Kämpfer des IS zwar einigermaßen erfolgreich im Irak und in Syrien, aber währenddessen erfolgt die Ausbreitung in Libyen und Nordafrika sowie in Afghanistan. Putin fürchtet sogar ein Infektion des  gesamten Kaukasus mit der islamistischen Terrorarmee. Der Weg dorthin führt auch über Afghanistan.

Allein das reicht als Grund, weiterhin internationale Truppen im Land zu halten.

Der Geburtsfehler bei der Demokratisierung Afghanistans

Bereits bei Einmarsch der internationalen Allianz in Afghanistan vor mehr als 14 Jahren war klar, dass es bei der Demokratisierung des Landes ein gravierendes Problem geben wird. Die mittelalterliche Herrschaft der Taliban, die große Ähnlichkeit zum jetzigen Islamischen Staat aufwies, wurde von einer Bevölkerungsmehrheit ausgeübt, den Paschtunen. Bei den herrschenden Stammes- und Klanstrukturen im Land konnte man nicht davon ausgehen, dass diese Mehrheit sich erst militärisch entmachten lässt und sich hinterher demokratisch verhält. Genauso ist es gekommen. Der militante Arm der Paschtunen, der bei uns gemeinhin als Taliban bezeichnet wird, ist nur ein Teil des Problems. Die Infektion sämtlicher staatlicher Strukturen mit ihren Klanmitgliedern und Sympathisanten stellt den viel größeren Teil dar.

Es ist völlig klar, dass eine fundamentalistisch, archaisch und patriarchalisch eingestellte Bevölkerungsmehrheit sich die Macht zurückholen wird, wenn die Besatzung des Landes endet.

Dauerbesetzung Afghanistans ist absehbar

Die Tragik der Afghanistan-Problematik besteht vor allem darin, dass da keine beteiligte Nation mehr raus kommt, ohne dass der Status Ante in der betroffenen Region wieder hergestellt wird. Die Taliban warten weiter ab und profitieren weiter von den immensen Geldern, die seit dem Krieg in das Land fließen. Währenddessen profitieren die Klans im Norden des Landes weiterhin vom Opiumhandel.

Die Alternative ist aber die, dass Afghanistan nicht erneut im islamischen Mittelalter versinkt, sondern viel schlimmer. Es entsteht bei Machtübernahme der Taliban eine Achse vom Irak bis in den Kaukasus, in dem der Islamische Staat sein nazistisch wirkendes Staatsmodell etablieren kann und dann eine ständige Bedrohung auch für Russland, die Türkei und Pakistan darstellt. Der gesamte islamische Gürtel der Erde könnte auf diese Weise destabilisiert werden und schließlich ins Mittelalter zurückfallen!

Die tausend Soldaten der Bundeswehr sind also nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass bei Erstarken der Taliban (und das findet gerade statt) die internationale Allianz wieder deutlich mehr Bodentruppen ins Land schicken muss, um die Gefahr zu beherrschen. Der Krieg könnte dann erneut Aufflammen und an Heftigkeit zunehmen.

Es geht schon lange nicht mehr nur um Afghanistan

Die Frage, ob und auf welche Weise der mittlere Osten wieder zur Ruhe kommt, stellt sich im Augenblick nicht mehr. Die Situation ist derart destabilisiert, dass die Region in den nächsten Jahrzehnten keine funktionierenden Regierungen und stabile Staaten nach unserem Maßstab mehr hervorbringen wird. Stattdessen wird es eine Politik der Eindämmung geben, in der die anderen beteiligten Länder, auch die westlichen Allianzen und Russland lediglich Übergangsregime etablieren können, die von außen garantiert werden müssen. Auch in Ägypten gibt es derzeit, viel zu wenig beachtet, ein solches Übergangsregime, das keinesfalls schnell zur Demokratie zurückkehren wird, weil diese Staatsform sich unter der Bedrohung einer erneuten radikalen Islamisierung schnell zu einem korrupten Beifraß-Modell entwickeln wird, das westliche Gelder verbraucht, mit denen Loyalität erkauft wird. In Ägypten ist das mit El Sisi längst der Fall. Seine gesamte Armee würde es ohne die finanzielle Unterstützung der USA gar nicht geben.

Dabei stellt Ägypten für westliche Verhältnisse noch ein relativ gelungenes Modell der Eindämmung dar, welches das islamische Mittelalter derzeit noch aufhält. In Libyen, Syrien, dem Irak und dem Jemen sieht das schon ganz anders aus.

Wie man diese Länder aus den Klauen des IS befreien und stabilisieren will, ist derzeit völlig offen.

Der Islamische Staat hat erst angefangen und ist noch lange nicht am Ende

Die Armut in der arabischen Welt stellt den idealen Nährboden für den Islamischen Staat dar und niemand hat eine Idee, wie man diesen Nährboden verändern könnte. Denn das westliche Modell beruht auf Rechtsstaatlichkeit und liberalen Marktwirtschaften, die in der islamischen Welt keinesfalls Fuß gefasst haben. Es gibt dort, zumindest was den arabischen Raum angeht, keine einzige Nation deren Wirtschaft nicht rohstoffbasiert ist. Es geht also im Wesentlichen nur darum, wie man die Bevölkerung ernährt, nicht darum, wie man sie in eine funktionierende Wirtschaft integrieren kann. Auch der Iran hat dieses Problem und funktioniert auf Grund gigantischer Umverteilungen in ein Sozialsystem welches die bitterarme Bevölkerung ruhig hält und gleichzeitig ausreichend repressiert. Von Demokratie und freien Märkten ist der Iran trotz gewisser neoliberaler Tendenzen Lichtjahre entfernt. Das Land wir von einer Machtelite beherrscht, die sich aus den ehemaligen Revolutionsgarden rekrutiert hat und ihren Einfluss vor allem mit Geheimdienstmethoden aufrechterhält. Der Iran ist faktisch eine Diktatur geblieben, wenn auch die religiöse Radikalität etwas nachgelassen hat.

Angesichts der Verhältnisse in der arabischen Welt ist Fatalismus angesagt

In dieser Situation wird jeder Ausrutscher eines Regimes, jede Krise eines Staates zu einem Erstarken radikaler Islamisten führen und einen erneuten Machtzuwachs des Islamischen Staates provozieren. Selbst wenn man den IS in Grund und Boden bombt, das System der Unterdrückung, das nicht so unterschiedlich vom Faschismus ist, hat in der Region Schule gemacht. Es wird immer wieder islamistische Gruppen geben, die sich mit ihrem Modell des Staatsterrors auf einen faulen Baum setzen und ihm den Rest geben. Das war im Irak so, das ist jetzt in Libyen so, das war in Afghanistan so und das wird überall so sein, wo westliche orientierte Regime ins Wanken geraten.

Nicht die westliche Demokratie ist das Modell, das die arabische Welt stabilisieren kann, sondern der politische Islam

Staaten die in dieser giftigen Gemengelage überleben wollen, brauchen vor allem drei Eigenschaften. Sie müssen autoritär sein und die Bevölkerung einschüchtern können, sie müssen hinreichend sozial sein, um die gröbste Armut abzufedern und sie brauchen eine starke Ideologie. Das alles bietet der politische Islam.

Der Iran hat vorgemacht, wie man sein Land in dieser Art und Weise stabil hält. Erdogan entwickelt derzeit, leider ohne Not, sondern nur aus Gründen der Macht, eben dieses Modell für die Türkei und die Saudis vertreten das Paradebeispiel eines politischen Islams, der sich über Jahrzehnte, seit der Staatsgründung, bewährt hat.

Möglicherweise wäre ein Land wie Saudi Arabien, das jetzt eine Führungsrolle in der arabischen Welt anstrebt, am ehesten in der Lage, Systeme des politischen Islams in den Nachbarländern zu sponsern oder zu etablieren. Bisher haben die Saudis aber leider nur den Islamistischen Terror von Al Quaida und IS unterstützt, so dass eine konstruktiv, stabilisierende Rolle des Landes erst noch nachzuweisen wäre.

Die Situation ist dementsprechend offen. Ohne Systeme des politischen Islam lässt sich die islamische Welt, die ja viel weiter reicht, als die arabische Halbinsel wohl nicht stabilisieren. Gemeint sind hier auch Länder wie Pakistan, das mit seinen Atomwaffen wohl weiterhin unter der Aufsicht der USA bleiben muss, die Philippinen und natürlich der Kaukasus mit seiner noch jungen, aber nicht minder bedrohlichen Islamisierung.

Die Antwort auf die Krise der islamischen Welt ist also leider nicht mehr Demokratie, sondern die Etablierung relativ autoritärer Systeme des politischen Islam, denen es gelingt die schlimmsten Terrorauswüchse des Islamismus einzudämmen. Positive Beispiele findet man vor allem in Algerien und Tunesien sowie Marokko, wobei die demokratischsten dieser Länder, Tunesien und Marokko auch die anfälligsten sind.