Acte 12

Gespenstische Bilder am Abend in Paris. Blaulicht überall und Tränengas, das heute ausschließlich dazu diente, größere Gruppen von Demonstranten auseinanderzutreiben oder ihre Entstehung im Keim zu verhindern. Dafür wurde auch Tränengas gezielt in Metrostationen geworfen. Im Prinzip wurde die Bevölkerung von den Straßen und Plätzen vertrieben. Ist die nächste Stufe eine Ausgangssperre für den kommenden Samstag?

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Acte 12: Solidaritätskundgebungen in Paris und Valence und der Kampf um den Place de la Republique

Nach offiziellen Schätzungen des Innenministeriums waren heute in Frankreich nur 17500 Gelbe Westen unterwegs. Ob diese Schätzung als Kalkül der Regierung zu verstehen ist, die Proteste kleinzureden oder ob die Kraft der Demonstrationen tatsächlich nachgelassen hat, kann noch nicht beurteilt werden.

Klar ist jedoch, dass allein in Paris mindestens 13500 Menschen (10500 nach Schätzungen der Polizei) gegen Polizeigewalt und aus Solidarität mit den Opfern der Gewalt in den letzten Wochen, friedlich auf die Straße gegangen sind. Viele haben sich Wunden geschminkt oder die Augen mit Verbänden drapiert, um gegen die gefährlichen Schockgranaten der Polizei (LBD) zu protestieren, bei deren Einsatz auch ein prominenter Mitstreiter der “gilets jaunes”, Jerome Rodriguez, vermutlich ein Auge verloren hat.

Vollkommen ungerührt von diesen Protesten haben die französischen Ordnungskräfte heute wieder häufig diese Anti-Umzingelungs-Granaten in die eingekesselte Menge geworfen, auch heute gab es Verletzte. Der französische Innenminister, Castaner, hat in einem Video verbreitet, dass es ohne Gesetzesverstöße auch keine Verletzungen geben würde.

“Si la loi était respectée, il n’y aurait pas de blessés”

Allerdings scheint es der Regierung im Augenblick nicht mehr um friedliche Proteste zu gehen, sondern darum, den Machkampf mit den Gelben Westen möglichst umgehend für sich zu entscheiden.

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Überall standen die Demonstranten “Face a Face” mit der Polizei, wie hier auf dem Place de La Republique in Paris (Screenshot)

Absurdes Reportage-Bild: Nur noch Polizei

Die Polizei hat in Paris quasi die Straßen besetzt, was zu einem absurden Reportagebild am heutigen Samstag geführt hat. Man sieht sehr viele Ordnungskräfte und vergleichsweise wenige Gelbe Westen. Besonders auf dem Place de La Republiqe, einem französischen Symbolplatz in Paris, den man ohne weiteres mit dem Maidan in Kiew vergleichen kann, war die Polizeipräsenz erdrückend. Fast alle Zufahrtsstraßen waren abgeriegelt und die wenigen Demonstranten, die auf den Platz kommen konnten, standen überall „Face a Face“ mit der Polizei, die größere Ansammlungen sofort zerstreute.

Interessant war dabei vor allem die Taktik der Polizei die Demonstranten vom Zentrum des Platzes fern zu halten, während die anliegenden Straßen mit Geschäften und Restaurants effektiv nicht geschützt wurden. Offensichtlich erwarteten die Sicherheitskräfte keine Gewalt von den Gelben Westen, sondern wollten den Platz als Versammlungsort für die “gilets jaunes” unbenutzbar machen. Ein politisches Signal, eine politische Taktik. Paris wird von der Polizei besetzt.

Am heutigen Samstag lässt sich ohne weiteres konstatieren, dass Paris von der Polizei quasi besetzt ist.

In anderen französischen Städten sah es dagegen eher so aus, wie an den letzten Samstagen. Die größte Demonstration außerhalb von Paris fand in Valence statt, wo mindestens 5500 Teilnehmer gezählt wurden. Auch hier waren die Verletzungen durch Polizeigranaten das Hauptthema der Demonstration. Des Weiteren gab es große Demonstrationen in Bordeaux, Toulouse, Marseille und anderen Städten, jeweils mit mehreren tausend Teilnehmern.

Proteste gegen Poliezigewalt in ganz Frankreich und in den Medien

Auch die vielen kleinen Demonstrationen zum Thema Gewalt in den kleineren französischen Städten summierten sich. Teilweise waren es nur wenige hundert Teilnehmer. Insgesamt muss von einer wesentlich höheren Zahl von Demonstranten ausgegangen werden, als vom Innenministerium behauptet, keinesfalls weniger als 50 000 Teilnehmer landesweit.

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Diskussion über Polizeigewalt in den Medien heute (Screenshot Direct TV)

Die friedlichen Proteste, insbesondere in Paris, haben heute auch wieder für eine bessere Resonanz bei den Medien gesorgt. Die Polizeigewalt, insbesondere mittels Granaten und Gummigeschossen, aber auch Wasserwerfern und exzessivem Einsatz von Tränengas, wurde in verschiedenen französischen Reportagen kritisch diskutiert. Es sieht ganz so aus, als würden sich die Medien wieder mehr auf die Seite der Gelben Westen schlagen, als während der gewaltsamen Proteste im Januar.

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