Acte 17 Dijon

Deutschland sucht nach Rebecca, die französische Welt sucht nach Gerechtigkeit

Es ist schon sehr auffällig, wie wenig die deutschen Medien die Gelbwesten-Proteste in Frankreich wahrnehmen. Vor einigen Tagen gab es Beschwerden, dass die Tagesschau nicht über den Fall des Verschwindens der fünfzehnjährigen Rebecca berichtet, obwohl das öffentliche Interesse so groß sei. Da fragt sich nur, wer das öffentliche Interesse definiert, wer es forciert und wer es beendet? Wenn mehr über die Protestwelle in Frankreich berichtet würde, denn hier hat auch die Tagesschau das Interesse verloren, würden wir dann von einem erhöhten öffentlichen Interesse ausgehen?

Auch die heftigen Proteste gegen eine erneute Präsidentschaft des algerischen Präsidenten, Abd al-Aziz Bouteflika, der eigentlich gar nicht mehr regierungsfähig, weil stark gebrechlich und krank, ist, finden in unseren Medien nur bedingt Platz. Fast scheint es so, als würden Sprachgrenzen inzwischen wieder das Interesse begrenzen, wobei die französische Sprachgrenze inzwischen diejenige ist, hinter der Aufruhr und ziviler Ungehorsam üblich ist, während hinter der deutschen Sprachgrenze eigentlich nichts passiert, weshalb über verschwundene, junge Mädchen berichtet wird.

Wie auch immer.

Die Gilets Jaunes waren auch diesen Samstag wieder auf der Straße und haben nach eigenen Angaben etwa neunzigtausend Teilnehmer mobilisiert, nach Angaben des Innenministers, Castaner, waren es knapp über Dreißigtausend. Die Bilder und Videos, die vor allem von Live-Reportern der Gelben Westen selbst stammen, weil viele Medien in Frankreich die Proteste geradezu boykottieren und niemanden mehr schicken, zeigen einen Rückgang der Teilnehmerzahlen.

Die Reihen in den Demonstrationszügen lichten sich, was auch zu erwarten war.

Viele fragen sich nun, wie es weitergeht, mit der Bewegung, die von Staat und Medien schnell bekämpft wurde und aktuell vor allem noch Brutalität produziert. Denn die Bilder der Verletzten, insbesondere auf der Seite der Demonstranten, häufen sich.

Die Gelbwesten scheinen mehrere parallele Strategien auszuprobieren.

acte 17 flashmob CDG

In Paris gab es einen Flashmob auf dem Flughafen „Charles De Gaulle“, der bei den Fluggästen Erheiterung erzeugte, weil getanzt und musiziert wurde.

Es gab ein Sit-In vor dem Eifelturm, welcher von der Polizei aufgelöst wurde, bevor die Teilnehmerzahlen ansteigen konnten.

Es gab wieder Straßensperren in verschiedenen Teilen des Landes, eine Erfolgsnummer, welche die Gilets Jaunes offensichtlich beibehalten wollen.

Es gab Diskussionen an der Pariser Universität mit vollbesetzten Hörsälen an einem Samstag.

acte17 tarbes

Es gab vermehrte Mobilisationen auch im Süden Frankreichs, beispielsweise in Tarbes (Pyrenäen), Perpignan und wieder Marseille und Bordeaux.

acte 17 paris

Schließlich gab es ein Phänomen, das man als Wohnzimmerprotest bezeichnen könnte. Die Live-Reporter der Gelben Westen hatten auf Facebook teilweise fünfstellige Zuschauerzahlen, was in den letzten Wochen nicht der Fall war. Eine mögliche Interpretation ist, dass viele Sympathisanten der Bewegung zuhause geblieben sind, aber die Ereignisse auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken genau mitverfolgt und so zahlreich wie nie, kommentiert haben.

Die Gelben Westen stehen unter Druck

Die französischen Medien haben so etwas wie einen Börsenkurs für die Gilets Jaunes etabliert. An jedem Samstag wird geschätzt, wie der aktuelle Kurs, gemessen in Teilnehmerzahlen, beruhend auf den Angaben des Innenministeriums, steht. Wie im Börsenkapitalismus üblich, werden dann vor allem die Teilnehmerzahlen kommentiert, nicht aber Art und Inhalte der Proteste.

Der Effekt besteht darin, dass sich die Bewegung für ihre Zahlen rechtfertigen muss und nicht für ihre Forderungen und die Art ihrer Aktionen. Ein neoliberales Druckmittel, die Währung sind Teilnehmer, welches auch manipulierbar ist. So schätzen Innenministerium und Teile der Medien grundsätzlich niedrige Teilnehmerzahlen, während eine Polizeigewerkschaft hohe Zahlen und die Gilets Jaunes selbst, die auch über eine entsprechende Website (Nombre Jaune, Facebook) für die Teilnehmerzahlen verfügen, mittlere Zahlen. Veröffentlicht werden allerdings überwiegend die niedrigen Schätzungen des Innenministeriums, häufig versehen mit Kommentaren aus Regierungskreise oder dem Präsidenten selbst, dass die Bewegung immer schwächer werde.

Auch die große Debatte, welche in den Händen der Regierung und des Präsidenten ruht und mehr oder weniger vertikal organisiert ist, zieht Aufmerksamkeit von den Kundgebungen ab und reduziert vor allem die Legitimation der Gelben Westen. Immer mehr Franzosen fragen nun, warum die Leute noch auf der Straße sind, wenn längst woanders über ihre Forderungen debattiert wird. Solche Kommentare kommen auch immer wieder in TV-Diskussionen über die Forderungen der Gelben Westen zur Sprache.

Es sieht ganz so aus, als hätte sich die Revolutionsstimmung der Franzosen eingetrübt. Diese echte Basisbewegung der Gelben Westen hat aber dennoch eine gute Überlebenschance, weil sie deutliche Merkmale einer sich entwickelnden Subkultur mit eigener Musik, eigenen Aktionen und einem hohen Abgrenzungsbedürfnis gegen Staat und etablierte Medien auf der einen Seite und einer hohen Solidarität auf der anderen Seite aufweist.

Es gibt allerdings einige Anzeichen, dass diese Basisbewegung neoliberalen Fehlentwicklungen unterliegt. Der Machtkampf mit der Regierung kann weder durch Zahlen noch durch Brutalität gewonnen werden. Auch scheint das typische neoliberale Kampfschema den Gegner als moralisch verwerflich zu diskreditieren, eher der Regierung und der führenden Organisation EnMarche in die Hände zu spielen, wobei die Medien, die sich regierungstreu verhalten, entscheidenden Anteil haben.

Nach einer aktuellen Umfrage sind nur 36% der Franzosen der Meinung, dass die Medien angemessen über die Gilets Jaunes berichten, während 53% die Berichterstattung explizit schlecht finden und kritisieren, dass die Medien die Forderungen der Bewegung nicht angemessen reflektieren.

Hier liegt der Hase des fehlenden schnellen Erfolges und der zunehmenden Schwäche der Bewegung vermutlich im Pfeffer. Auch wenn die Konsumenten der Medien sich schlecht informiert fühlen, schlucken sie in der Regel das, was ihnen medial vorgesetzt wird. Das weiß auch die französische Meritokratie und bedient sich dieser medialen Manipulation äußerst schamlos. Von falschen Zahlen der Größe der Demonstrationen angefangen, bis zu Generalverurteilungen in Richtung Antisemitismus und Nationalismus (die Gilets Jaunes singen die Marseilleise aber als Revolutionslied und nicht aus nationalistischen Gründen).

Die Gelben Westen werden aber vermutlich nicht an der medialen Hetze und der neoliberalen Diskreditierungskampagne scheitern, sondern an der Beibhaltung eines neoliberalen Denkmusters, das auf kurzfristigen Erfolg schielt. So fordert einer der Anführer der Bewegung, Eric Drouet, sehr drastische und mit Gewalt verbundene Methoden, welche die Regierung auch bei der Beteiligung relativ weniger Aktivisten massiv unter Druck setzen sollen.

Angedacht ist die Blockade von Häfen und Raffinerien, was ganz sicher die staatliche Gewalt noch massiver mobilisieren wird, als bisher.

Diese Radikalisierung in den Methoden führt allerdings zum Verlust von etwas, was die Bewegung jetzt dringend braucht, um wachsen zu können. Sympathie in der Bevölkerung und Ruhe, um sich kennenzulernen und näher zusammen zu rücken.

Die Unrast der Gelben Westen in der Konkurrenz um die Macht, ist hier auch destruktiver Faktor. Ein Subkultur, welche die Gelben Westen ausprägen und noch intensivieren könnten, besteht auch in Abgrenzung und der Entwicklung eigener Werte, Regeln und Rituale, einer eigenen Kultur. Genau das verpasst die Bewegung, wenn sie sich weiter radikalisiert. Sie würde es allerdings auch verpassen, wenn sie nach den Regeln der Demokratie spielt und eine Partei gründet.

Beides, Radikalisierung und Institutionalisierung sollte vermieden werden, damit die Bewegung sich weiter entwickeln kann. Interessanterweise ahnen das eher die Mitmacher, als ihre Anfürer, die ein hohes Niveau in der Solidarität erreicht haben, sich gegenseitig mit Nahrungsmitteln und Kleidung, mit Wohnplätzen und Netzwerken versorgen. Genau das geht in die richtige Richtung.

Man wird sehen.

 

 

 

https://www.facebook.com/revoltonsnous2/videos/332314740738595/

Zahlreiche Polizeiübergriffe gegen Demonstranten fanden auch am 09.03.2019 statt.