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Plakat des neuen Films von Francois Ruffin über die Gilets Jaunes

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wenn am Samstag den 6.4.2019 so wenig Gelbe Westen auf Frankreichs Straßen waren, wie seit Beginn der Mobilisation nicht, mag das stimmen. Das Innenministerium spricht von dreißigtausend Teilnehmern an den frankreichweiten Protesten. Die Gilets Jaunes selbst zählten etwas über siebzigtausend Demonstranten. Die Wahrheit liegt vielleicht in der Mitte.

Auf der anderen Seite weiß man, dass Pflanzen sich verwurzeln müssen, um dauerhaft leben zu können. Die Bewegung der Gelben Westen tut das gerade. Entscheidend ist dabei, wie hoch das Identifikationspotential der Gelben Westen in der französischen Gesellschaft ist. Kulturelle und subkulturelle Manifestationen der Bewegung spielen hier eine große Rolle, aber auch der Zusammenhalt der Gilets Jaunes in den einzelnen Kommunen. Das Problem, dass fast neun Millionen Franzosen an der Armutsgrenze leben ist jedenfalls in den Köpfen der Allgemeinheit angekommen und die Reaktion der Gelben Westen lautet nicht nur „Protest“, sondern auch Identifikation mit den Verlierern des modernen Kapitalimus, der Menschen einfach aussortiert, wenn sie nicht mehr auszubeuten sind.

Die Gelbwesten sind im besten Sinne eine Bewegung von Menschen für Menschen und sie haben die Pseudobewegung „En Marche“ des französischen Präsidenten längst als Elitenorganisation entlarvt. Einige der Demonstranten hatten Plakate dabei, auf denen „La dictature En Marche“ paraphrasiert wurde. Das ist die Überzeugung der Leute die für ein gerechteres Land und mehr Gleichheit kämpfen und zunehmend durch Demonstrationsverbote und aggressive Polizeieinsätze daran gehindert werden.

Die Kultur der Gelben Westen und aus den Gilets Jaunes wird Kultur

Der französische Filmemacher und Aktivist Francois Ruffin hat den Gilets Jaunes nun ein vollkommen unprätentiöses filmisches Denkmal gesetzt, indem er in einer einfühlsamen Dokumentation nicht ihre Anführer, sondern die Leute an der Basis, an den Verkehrskreiseln und auf der Straße zu Wort kommen lässt. Ein sehr emotionales und zugleich leises Dokument der Menschlichkeit und, wie der Autor selbst sagt: „Eigentlich ein Film über die Liebe“.

je veux du soleil

Ruffin und Perret (Filmemacher)  im Interview

Die Absicht Ruffins war es, den besonderen Umstand zu zeigen, dass gerade die Menschen die bisher unsichtbar waren, plötzlich im Rampenlicht des Protestes stehen und mit der Bewegung „hyper-visibel“ werden. Dies spürbar zu machen, ist Ruffin gelungen. Sein Film ist ein Renner, der in diversen französischen Kinos zu sehen ist. Leider bisher nicht in Deutschland.

Frankreich ist seltsam gespalten, wobei die Große Debatte, die von Macron noch einmal verlängert wurde, weil er den kanalisierenden Effekt der Diskussionsforen sucht, eine eigentlich unpolitische Grundeinstellung vieler Franzosen zu Tage fördert, was den regierenden Politikern offensichtlich Mut macht. Besonders die Beschwerden der Franzosen, die an der materiellen Ungleichheit weit vorbei gehen und Fragen des öffentlichen Lebens in den Vordergrund stellen, ohne deren Ursachen zu beleuchten, werden dieser Tage gern publiziert. So die Beschwerden über Schmutz auf den Straßen, aggressive Autofahrer und Respektlosigkeit. Ganz im Sinne von Macron, der die Franzosen auf dieser Ebene gern abholt, weil sie im Grunde unpolitisch ist.

grand debat

Übliche Beschwerden in der großen Debatte über Hundekot und Aggression, die eigentlich unpolitisch sind und von der Politik deshalb gern zur Abwiegelung genutzt werden (Große Debatte)

Der eigentliche Systemprotest sammelt sich dagegen bei den Gelbwesten und geht zugleich über deren Anliegen hinaus. Die große Debatte wird von diesen Leuten als Ablenkungsmanöver gesehen und abgelehnt. Stattdessen greifen sie immer wieder brisante Themen auf, wie die Umweltprobleme die in Frankreich durch die großen Agrarchemiekonzerne (Bayer-Monsanto) produziert werden oder die Steuerflucht von Google und Co. Auch am letzten Samstag gab es Aktionen, diese Konzerne zu besetzen, die allerdings nicht sehr erfolgreich waren.

https://de.euronews.com/2019/04/06/21-akt-gegen-steuerflucht-gelbwesten-wollen-unternehmen-besetzen

Da die Mainstreammedien in Frankreich wenig Interesse zeigen, die Gilets Jaunes wirklich zu Wort kommen zu lassen und lieber Zweifel an dieser Bewegung streuen, haben russische Sender, wie Sputnik und RT, die Lücke füllen können und geben dem Protest ein Forum. So gab es gerade ein Interview von Jerome Rodriguez, der die Stärke der Bewegung noch einmal betont hat, die sich sicher nicht an der Zahl der Demonstrationsteilnehmer bemessen lässt. Es entsteht derzeit in Frankreich ein neues Bewusstsein, das Solidarität an erste Stelle setzt.

https://fr.sputniknews.com/france/201904081040655758-rodrigues-gilets-jaunes-mobilisation-ne-faiblit-pas/

Solidarität ist das Besondere, das die Gelbwesten sowohl von der ehemaligen Linken in Europa absetzt, aber auch im deutlichen Gegensatz zu den europäischen Rechtspopulisten steht. Auch wenn gerade die Parteien, die aus Basisbewegungen entstanden sind, wie die europäischen Grünen und die Linken mit den Gilets Jaunes nichts zu tun haben wollen und sie lieber diskreditieren um ihre bürgerliche Macht zu verteidigen. Ist dies die Kraft und die Wahrheit der französischen Gelbwestenbewegung, die mit Sicherheit weitergehen wird.

Cohn Bendit

Vom Umstürzler zum Lakai der Macht (Daniel Cohn-Bendit, Grüne) Aufgeschnappt auf der Facebook Seite der Gilets Jaunes.