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Screenshot Live-Video vom 01.06.2019 in Paris

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wenn man den Medien glaubt, ist die Bewegung der Gelben Westen tot. Das hören die Leute, die gestern in Frankreich auf der Straße waren, gar nicht gern. Immerhin waren das noch zwischen zehn- und zwanzigtausend Menschen frankreichweit und sie wollen weitermachen.

Im Allgemeinen rechnen die Teilnehmer, die befragt wurden, mit einer weiteren Abschwächung der Demonstrationen über die Sommermonaten und einem erneuten Anstieg der Zahlen im Herbst.

Frust gibt es auch.

„Am Ende haben wir nichts gewonnen“

Eine Teilnehmerin macht gegenüber einem französischen Magazin ihrer Frustration Luft.

« C’est la première fois qu’il y a si peu de monde à Toulouse, ça me fait mal au cœur. Le gouvernement, le pouvoir, ils sont trop forts, au final on n’a rien gagné et en plus on s’est fait insulter et taper dessus »

Es sei das erste Mal, dass es in Toulouse (eine Hochburg der Bewegung) so wenige seien. Die Regierung und die Mächtigen seien zu stark. Am Ende hat man nichts gewonnen und „darüber hinaus wurden wir beleidigt und angegriffen.“

Die Angriffe durch die Polizei haben seit Beginn der Bewegung etwa 2500 Verletzte gefordert, darunter Schwerverletzte und mehrere Dutzend Demonstranten, die durch Granaten der Polizei ein Auge verloren haben.

Die Haupttaktik der Regierung Macron gegen die Gelben Westen wäre allerdings ohne massive Unterstützung durch die Medien nicht aufgegangen. Man hat die Bewegung bereits früh als nicht nachhaltig, bröckelnd und politisch nicht relevant dargestellt – mit anderen Worten wurden die Gelben Westen in den Medien spätestens seit Beginn diesen Jahres massiv entwertet.

Grand Debat hat ihre Funktion erfüllt

Die große Debatte von Macron (grand debat) war ein Schachzug, mit dem man den Gelben Westen die politische Legitiamtion entzogen hat. Jetzt, wo die die Bewegung für tot erklärt wurde, hört man logischerweise auch von der “großen Debatte” in den Medien nichts mehr. Sie hat ihre Funktion erfüllt, die Gelben Westen zu schwächen. Ohne die Medien wäre auch das nicht möglich gewesen.

Teilnehmerzahlen konsequent zu niedrig angegeben

In den letzten Monaten hat das Innenministerium konsequent zu niedrige Teilnehmerzahlen von den Demonstrationen veröffentlicht, die durchgehend bei etwa dreißig Prozent der Teilnehmerzahlen lagen, welche die Gelben Westen selbst angegeben haben. Die Wahrheit liegt hier wohl nicht in der Mitte, sondern nähert sich eher den Zahlen der „Nombre Jaune“, der Website auf der die Teilnehmer gezählt werden, an. Wer die Demonstrationen in den letzten Monaten verfolgt hat, kann das nur bestätigen.

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Gilets Jaunes, Grafik Gedächtnisbüro 2019

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Gilets Jaunes, Grafik: Gedächtnisbüro 2019

Die Bewegung verstetigt sich

Daraus ist so etwas wie Trotz entstanden, der nun dazu führt, dass sich die Bewegung verstetigt. Es sind vor allem noch diejenigen Samstag für Samstag auf der Straße, die nichts zu verlieren haben und die den Schutz und die Unterstützung einer breiten sozialen Bewegung suchen. Eine Keimzelle, die tatsächlich nicht zu unterschätzen ist.

Separatistenbewegungen weisen häufig solche Merkmale auf, dass der Brand, den sie verursachen, in eine Glut übergeht, die dann nicht mehr zu löschen ist. Solche Bewegungen schwelen über Jahre und Jahrzehnte vor sich hin und können jederzeit wieder auflodern. Die Gelben Westen sind aber keine Separatisten, kommen fast schon repräsentativ aus allen Regionen Frankreichs und sind dadurch geeint, dass sie das massive Gerechtigkeitsproblem der französischen Gesellschaft aufgegriffen haben. Dabei spielt es dann nicht so eine große Rolle, ob einhunderttausend oder  nur zehntausend jeden Samstag auf den wunden Punkt der Franzosen drücken. Der Schmerz dürfte dadurch nicht in Vergessenheit geraten.

Solange Frankreich sein Gerechtigkeitsproblem nicht löst, es sieht im Augenblick überhaupt nicht danach aus, als könnte das demnächst geschehen, wird es diese Bewegung der Gilets Jaunes geben.

Wir sollten unsere Aufmerksamkeit weiter auf Frankreich richten, denn was dort geschieht, ist wie eine Prognose für ganz Europa. Sie soziale Frage ist in der EU vollkommen ungelöst!