Acte 31

Demonstration am 15.6.2019 in Toulouse (Screenshot Gilets Jaunes)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Derzeit zählen die Gelben Westen für ihre Samstagsdemonstrationen etwa 20000Teilnehmer frankreichweit. An diesem Wochenende etwas mehr als am Pfingstwochenende, an dem die Teilnehmerzahlen bei über 19000 Teilnehmern lagen. Das Innenministerium bleibt konstant bei einem Drittel dieser Zahlen und gibt für dieses Wochenende 7000 Teilnehmer frankreichweit an.

Dabei wurde Toulouse zur „Hauptstadt der Bewegung“ deklariert, was wohl eher auf die Medien zurückgeht, als auf die Gelben Westen selbst. In Toulouse demonstrierten an diesem Wochenende mehrere tausend Teilnehmer, wobei die Demonstration nach kurzer Zeit von der Polizei aufgelöst wurde. Es soll Zwischenfälle mit militanten Demonstranten gegeben haben.

Die Frage, welche Rolle dabei der „Schwarze Block“ gespielt hat, sollte beachtet werden. Denn, bei abnehmender Teilnehmerzahl, kommen die Militanten in eine relative Überzahl, was auch beim Acte 31 zumindest in Toulouse und Paris zu beobachten war.

schwarze wut

Schwarzer Block. Die Militanten bekommen zahlenmäßig mehr Gewicht (Screenshot Gilets Jaunes)

Das gilt aber nicht für ganz Frankreich. Die vielen kleinen Demonstrationen waren eindeutig friedlich und von den Gilets Jaunes selbst dominiert. Es gab Motorradumzüge der Gelben Westen, zum Beispiel in Perpignan oder die bekannten Treffen an den Verkehrskreiseln in vielen Städten. Diskutiert wird, angesichts schwindender Teilnehmerzahlen, weiterhin eine frankreichweite Verkehrsblockade, um der Bewegung mehr Außenwirkung zu verleihen.

Die Medien berichten in Frankreich über die Gelben Westen nur noch am Rande. Die Bewegung gilt als „faible“(schwach) und politisch ausgereizt.

Politisch ausgereizt, kulturell gestärkt

Die Frage, ob die Gelben Westen Geschichte sind, stellt sich dabei nicht. Denn die fortwährenden politischen Diskreditierungen, die meist in die Richtung gehen, dass es sich um geistesschwache Randalierer handele, wobei Regierungsmitglieder sich in beleidigenden Attacken gegen die Gilets Jaunes gegenseitig überbieten,führen zu noch mehr Soidarität, nicht nur in der Unterschicht.  Kürzlich kam der Vorschlag aus der Regierung, IQ Kontrollen an den Einlässen zu den Demonstrationen durchzuführen.

Genau diese Ausgrenzung führt in der Bewegung zu einem bemerkenswerten Zusammenwachsen. Der Trotz der Gelben Westen ist gewaltig und die kulturellen Leistungen für Frankreich bestehen vor allem darin, eine neue, echte Subkultur der abgehängten zu schaffen, die nicht auf einer Migrationsidentität aufbaut, sondern originär französisch ist. Man könnte sogar sagen, dass die Teilnahme an dieser Subkultur einen gewissen Grad an Integration in die französische Gesellschaft voraussetzt. Franzosen mit Migrationshintergrund aus nordafrikanischen Ländern sind mit dabei, aber sie denken nicht im Geringsten daran, eine „Rassen-Revolte“ wie in den USA vom Zaun zu brechen. Sie wollen eine solidarische französische Gesellschaft und tragen die Nationalflagge ebenso mit, wie sie die Marseillaise, als Kampflied für alle Franzosen, singen.

Die Taktiken gegen eine weiterhin brutal vorgehende Polizei werden inzwischen immer kreativer. In der Bretagne hat man in der letzten Woche große Luftkissen vor sich hergeschoben, um die Reihen der Polizei zu durchbrechen.

Weiterhin werden Granaten in die Menge geschossen und auch am Samstag gab es wieder Opfer die Verletzungen durch Granaten und Gummigeschosse davon trugen.

Kampf mit Luftkissen

Kampf mit Luftkissen (Screenshot Gilets Jaunes)

Es ist heiß in Frankreich und es gibt viele Unwetter. Die Gelben Westen aber, wird es weiterhin geben.