Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wir wissen, wovon wir reden, als wir über die Oberbaumbrücke schlendern. Es ist heiß und wir sehen fast nur junge Leute, ungeschminkt und unisex in Shorts und T-Shirts. Damals waren es Springerstiefel und löchrige Klamotten aus dem Second-Hand-Discount, den es, etwas entfernt, in der Bergmannstraße gab. Straßenmusiker haben sich aufgestellt, vom Typen mit dem E-Bass, der heiße Rhythmen spielt und um den sich eine Gruppe Halbwüchsiger in den besagten Shorts geschart hat, bis zur Folkrock-Band, einige Meter weiter.

Alles klingt hier irgendwie angelsächsich. Alles schon einhundertmal gehört, ganz besonders in Kreuzberg. Oben an der Ecke, auf der East-Side, von der wir uns nach Feierabend aufgemacht haben, residiert Universal Music in einem ultrateuren Gebäude, für das mindestens eine große Speicherhalle weichen musste, die da vorher stand.

Wir erinnern uns noch an den Blick auf die Oberbaumbrücke von Westen her. Die Brücke selbst mit zahnlosen Stümpfen, statt der schicken neuen Turmspitzen, auf denen damals viel Gras wuchs. Nach dem Mauerfall haben wir uns dort oben auf diesen verwilderten Zementplateaus ins Gras gelegt und gesonnt. Der Blick ging noch nach Osten auf die Speicherstadt an der anderen Seite, die jedoch auch zu DDR-Zeiten kaum genutzt wurde, weil es unmittelbares Grenzgebiet war.

Hier hat sich der Mauerfall wohl kaum gelohnt

Keiner von uns beiden behauptet, dass es schlecht ist, auf das „Transithäuschen aus Blech“ zu verzichten, in dem die Vopos die wenigen Grenzgänger kontrolliert haben. Gut dass es vorbei ist.

Jetzt gehen wir durch SO36, in dem vor allem englischsprachige junge Leute in besagten Shorts,  mit kurzen Haaren, wenn es Jungen sind und mit langen Haaren, wenn es Mädchen sind, in den geschätzt über eintausend Cafes, Bistros, Dönerbuden und Restaurants abhängen und irgendwie bedeutungslos ins Leere schauen.

Mein Freund und ich wissen, wovon wir reden, als wir feststellen, dass sich für diesen Kiez der Mauerfall nicht gelohnt hat und denken zugleich, wie man nur so etwas sagen kann. Wir sind gespalten beim Anblick dieses Zoos von uninteressanten Menschen, die uninteressanten Menschen hinterher gaffen. Wir sind gespalten, wie das damalige Deutschland und wissen das.

Wir gehen das Ufer entlang in Richtung Köpenicker und landen vor dem alten Fabrikgebäude, das modernisiert wurde und wo nun Flux-Bau firmiert. Der Durchgang ist nur für Bewohner und Besucher gestattet (was gibt es denn sonst noch?) und wir gehen auf den ersten Hof mit Blick auf die Spree und die andere Seite, die East-Side-Galerie und die dahinter liegenden Neubauten.

Früher gab es in den Höfen Werkstätten, da haben wir unsere alten Autos repariert. In einer der Fabriketagen, die zu Wohnungen umgebaut wurden, hat mir ein Anästhesist einmal seine ganze depressive Lebenssicht auseinandergelegt und mir erklärt, dass er sich mit diesem Projekt „Fabriketage“ selbst versklavt habe und keinerlei Lebensfreude mehr empfinde. Schade, dachte ich damals, ich wollte gerade anfangen die tolle Etage zu bewundern. Damals musste man schon an die 200000 D-Mark für eine solche Etage berappen, natürlich unausgebaut. Heute gehen Etagen aus diesem Block für mehrere Millionen (man hört von 10 Millionen) über den Tisch.

Wenn der Anästhesist seine Depression überlebt hat, könnte er jetzt vielleicht mehrfacher Millionär sein.

Dazu passen die profitablen Gebäude gegenüber auf der Ostseite. Zalando, Mercedes Benz-Arena und das angeblich teuerste Wohnhaus von Berlin, ein verschachtelt gebautes Hochhaus mit diversen kleinen Vorbauten und Balkonen sowie einer stolzen Dachterasse.

Was soll man hier eigentlich noch suchen?

Wer als Goldgräber kommt, wird enttäuscht. Die Preise hier sind längst auf Weltniveau. Wer als Künstler kommt, muss jeden Tag mit den Short-Touristen und ihren leeren Blicken leben können, die einen Rummel veranstalten, wie eine Gnu-Herde (mit ebenso leeren Blicken). Er hat aber, wenn er Musiker ist, immerhin Universal um die Ecke und eine Riesenarena, angesichts derer er sich vorstellen kann, einmal berühmt zu sein. Ansonsten hat er, wie jeder andere Mensch heute, sein Handy, mit dem er sich mental von hier wegbeamen kann. Immerhin.

Wer aber als Depressiver hierher kommt, wird sich garantiert umbringen, weil ihn die Sinnlosigkeit hier an jeder Ecke anspringt.

Wir wissen, wovon wir reden, denn wir waren Depressive. Allerdings war es keine leere Depression, unter der wir litten, sondern eine wütende, geladene und stets zur Explosion bereite Form dieses Zustandes.

Wir waren blass, aber nicht farblos

Heute sind die Leute, die man hier sieht, nicht blass, sondern weisen einen recht gesunden Teint auf, nur eben, dass einem zu diesen Leuten, die hier massenhaft die Straßen bevölkern, nichts einfällt, außer dass sie jung sind und man bei ihrem Anblick nicht entscheiden kann, ob sie nun langweilig aussehen oder nur gelangweilt. Sie sprechen ganz überwiegend Englisch, was stark dafür spricht, dass sie irgendwo aus der angelsächsischen Welt kommen, vielleicht auch nur aus der deutschen Provinz, was dann eben niemand merken soll.

Natürlich hatten wir damals den Vorteil, dass wir nicht viele waren. Wir hatten die Situation, dass Berlin eine Insel war und Kreuzberg das Klo, wo es nach allem stank, was unappetitlich war, aber eben nicht nach Geld.  Und wir hatten einen starken Bezug zu Kreuzberg, haben es zehn Jahre oder länger ausgehalten, hier zu leben und dazu nebenbei die Weltgeschichte miterlebt, während wir unsere Depression, unsere Nullbock-Weltverachtung und unsere Beziehungslosigkeit beklagt haben.

Natürlich waren wir Looser, aber keiner von uns konnte sich vorstellen, dass unser Stadtteil einmal auf diese Weise untergehen würde, wie es heute Abend in der sommerlichen Wärme unverkennbar ist. In kompletter und total langweiliger Beliebigkeit junger Leute mit einem, ganz sicher völlig sauberen und politisch korrektem Mind-Set.

Pfui Deibel!

Aus der Subkultur ist ein ekelhafter Mainstream geworden, zu besichtigen in SO36.

Gibt es überhaupt noch eine Subkultur?

Kann es eine Subkultur geben, wenn man Universal-Music in seiner hochpolierten „Schönheit“ vor der Nase hat?

Natürlich haben wir uns über die Typen geärgert, die sich hier für ein paar Monate ausgetobt haben, um dann wieder in ihren Provinz-Dörfern zu verschwinden, um Golf zu fahren. Natürlich, aber es gab eine Subkultur. Die Leute haben Pogo getanzt und die Weltrevolution geplant, sie haben geschaut, wie weit sie runterkommen können und doch weiter zu leben, sie haben in kleinen Bars getanzt und sie haben den ersten Mai neu erfunden. Alles keine Ruhmestaten, aber irgendwie mit Identität.

“Ach Karolin, was ist hier bloß draus geworden…”

Genau diese Identität fehlt den jungen Leuten, die hier auf der Straße herumlaufen. Sie brauchen ein eigenes Fahrrad mit dem sie auf den Bürgersteigen herumgondeln, um wenigstens auf diese Weise zeigen zu können, dass sie wirklich hier wohnen und keine Touristen sind. Ein eigenes Fahrrad, sonst kann niemand mehr entscheiden, wer hier eine Rundreise macht und wer ein eigenes Zimmer bewohnt. Wer studiert, wer abhängt, wer Künstler ist und wer Dealer.

Auf diese Weise ist natürlich auch Multikulti möglich, wenn alle gleich sind und Gendermainstream erst recht!

Wir wollten uns damals unterscheiden und wenn wir uns nicht mehr unterscheiden könnten, wollten wir lieber sterben.

Wir wissen, wovon wir reden, von welcher schmerzhaften Zeit, die so anders war, in dem einsamen SO36, das in drei Himmelsrichtungen mit einer vier Meter hohen Betonmauer endete. Wo wir sonntags versonnene Spaziergänge unter grauem Himmel, an der Mauer machten und nach dem Mauerfall, mit dem Fahrrad, den verkehrsberuhigten Todesstreifen entlang fuhren, bis wir Kreuzberg fast umrundet hatten. Wir wissen, wie Kreuzberg war und das es nie wieder so sein wird.

Wir beide wissen das und auch unsere Freunde und Geliebten von damals wissen das. Die meisten kommen nicht mehr zurück. Wir nur noch dann und wann nach Feierabend.

Aber froh macht das nicht.