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Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Versuch über meine Zeit.

Ich habe eine Geliebte, die ungewöhnlicher Weise ständig bei mir ist. Wir trennen uns nie. Manchmal vergesse ich sie kurz. Dann bringt sie sich, ohne zu schmollen, durch irgendeinen besonderen Augenblick, den sie mir schenkt, zurück in mein Bewusstsein.

Sie ist schon anspruchsvoll und möchte ständig beachtet werden. Geliebte sind manchmal so oder oft. Sie kann auch Druck machen, bis mir die Haare zu Berge stehen und ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Meist aber treibt sie mich sanft an, mit einem charmanten „carpe diem“, das nie zu dick aufgetragen ist. Manchmal wird sie hektisch. Ich gebe zu, sie kann mich nervös machen.

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Thermis in der griechischen Mytologie die Mutter der Horen (Jahreszeiten)

Aber ich verzeihe ihr alles, denn ich will nicht, dass sie mich verlässt!

Obwohl sie „nur“ meine Geliebte ist, hänge ich mit jeder Faser meiner Existenz an ihr. Sie ist die heimliche Königin meines Lebens. Sie macht mich sentimental und das oft!

Natürlich habe ich noch andere Verbindungen. Freunde, eine alte Mutter, Schwestern, eine eigene Familie mit Kindern, einen guten Job mit Kollegen, die meist ganz nett sind, Hobbys, ich liebe die Natur, Musik und Kunst, aber auch Technik, je gröber desto besser und ich gebe zu, an dieser Stelle, nur dieses eine Mal, dass ich auch andere Geliebte habe und hatte. Aber niemand weiß etwas von dieser nahen Schönen, mit der ich seit Langem unzertrennlich zusammen lebe.

Wenn ich allein bin oder besser gesagt, die Anderen denken, dass ich allein bin, widme ich mich ihr aus vollem Herzen und wir haben schöne Stunden miteinander. Wir denken miteinander, philosophieren, flirten und werden zärtlich, manchmal auch leidenschaftlich, wie uns eben gerade ist.

Warum schreibe ich darüber?

Ich schreibe manchmal, wenn ich ein Problem habe. Ich habe auch ein Problem – mit ihr.

Sie vergeht allmählich und das schmerzt mich. Es schmerzt mich jeden Tag etwas mehr. Sie wird älter und ich muss dabei zusehen, ohne etwas dagegen tun zu können. Ich muss es einfach akzeptieren, kann aber nicht!

Ihr Haar glänzt nicht mehr so wie früher. Es ist nicht wirklich stumpf geworden, aber ich vermisse das glänzende Licht auf ihren Locken und der Glanz in ihren Augen ist nicht mehr so hell. Die Augenpartie wirkt dunkler als früher, manchmal grau. Ich bin oberflächlich, ich weiß. Ich schäme mich auch dafür, weil ich sie liebe. Nur was hilft es? Ich werde manchmal traurig, wenn ich auf sie schaue.

Was soll´s, denke ich, nichts ist für immer und vieles ist noch sehr schön. Ich werde dann aber noch trauriger und verstehe, dass sie mich verlassen wird. Ich verstehe das Unglaubliche und das Unerträgliche, das mir Angst macht und mir die Tränen in die Augen treibt, ich verstehe, dass sie nicht für immer bei mir bleiben wird.

Ohne zu dramatisieren, sehe ich ruhig und klar auf die Tatsache, dass es mein Ende sein wird, wenn ich sie verliere. Manchmal zieht dabei ein kalter Schatten über mich hinweg und sie wird seltsam still und unbewegt. Schnell greife ich nach ihr und halte sie fest, spüre die Wärme in ihren Armen, die immer noch in ihr ist. Sie lächelt dann kurz und irritiert, denn sie selbst denkt vermutlich gar nicht daran. Genau weiß ich nicht, wie sie denkt und was sie fühlt.

Denn manchmal wirkt sie ganz unbewusst und spielt ihre Tage so dahin, um plötzlich ins Gegenteil zu fallen und voller Energie unser Leben voranzutreiben, tatkräftig und präzise. Auch so kenne ich sie. Sie ist mysteriös. Alle Geliebten sind mysteriös, aber sie ist es ganz besonders.

Wenn ich schon denke, an freien Tagen, an denen wir zusammen sind, wir haben es uns schön gemacht, haben Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart nett vermischt und einen Strohhalm reingesteckt, damit wir schön daran schlürfen können, kann sie mich plötzlich scharf anschauen und fragen: „Bist Du wirklich da?“ Wenn ich dann bejahe, aus voller Brust, wirkt sie unzufrieden und setzt nach.

„Was ist mit den Menschen, die Du geliebt hast, wo sind die Landschaften hin, in denen Du glücklich warst?“

„Fort“, antworte ich und ihr Blick verfinstert sich.

„Aber es sind jetzt doch andere Landschaften da, es sind immer Landschaften da und Menschen und alles.“

Ich sehe in ihren Augen Bäume, Tiere und Häuser aufleuchten, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, den Mond in allen Lagen und Größen, das Meer ruhig und unbewegt oder im Chaos tobend und am Ende Sterne. Sterne an denen unser, ihr und mein, Universum provisorisch festgeklebt ist. Alles kann sich plötzlich lösen und dann ist es wieder anders. Eine kleine Drehung am Kaleidoskop und die Welt ist einem gänzlich unbekannt.

Deshalb brauche ich sie, meine Geliebte, sie gibt mir Schutz und Sicherheit. Sie umhüllt mich mit unserer Vergangenheit, streichelt mich in unserer Gegenwart und bekommt diesen festen Blick, wenn sie in die Zukunft schaut. Sie ist mein Leben. Alle Akteure spielen noch mit, auch die, die schon längst gegangen sind. Solange sie da ist.

Ja, sie muss da sein!

Ich werde sie niemals verlassen, aber sie mich, eines Tages….