Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wir lügen immer mehr, so scheint es. Politiker türken ihre Doktorarbeiten ( Nicht-Politiker auch), in Bewerbungsgesprächen stellen wir uns meist falsch vorteilhaft dar (auch bei solchen in denen es um eine neue Beziehung geht), im Internet sind wir unter falschem Namen mit falschen Daten und falschen Behauptungen unterwegs.

Ein Erfolgsrezept?

Eindeutig ja, wenn man Erfolg als das Erreichen von Zielen definiert. Eindeutig nein, wenn Erfolg mehr sein soll, als Manipulation.

Übrigens ist auch der Titel dieses Artikels gelogen. Denn Per Aspera ad Astra meint eigentlich mehr, dass man mit harter Arbeit sehr großen Erfolg haben kann. Daran allerdings glaubt kaum noch jemand. Der Grund für die neue Sucht zu lügen?

Erinnern wir uns noch an den letzten Spiegel-Skandal, den Fall Claas Relotius, ein viel gelobter Journalist, der gefakte Reportagen geschrieben hat? Der Skandal war gerade veröffentlicht, da war er schon wieder vergessen.

Lügen ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Wer kann sich schon noch an Donald Trumps Lügen vom letzten Jahr erinnern? Aber Präsident ist er immer noch.

Personaler haben in der Regel kein Interesse daran, die Lügen ihrer Bewerber aufzudecken, wenn nur das richtige Bild entworfen wurde, das zur Firma passt. Gewühlt wird erst, wenn das Zerwürfnis da ist. Ganz ähnlich verhält es sich mit Paaren und Vertragspartnern, mit Studenten und Professoren, Lehrern und Schülern.

Dr. House sagt: „Alle Menschen lügen!“

Fast hat es den Anschein, dass die Wahrheit im Zeitalter des Internets ein Ladenhüter ist, eine absolutes Auslaufmodell.

Eine Grundregel lautet: Wenn Du das sagst, was die anderen von Dir hören wollen, lügst Du.  Das ist ziemlich oft der Fall.

Aber es gibt sie noch, die Wahrheit!

Meist werden wir unsanft auf sie gestoßen, wenn wir krank werden, Krisen haben und wichtige Menschen verlieren (manchmal an bessere Lügner, als wir es sind) oder auch wenn es ans Eingemachte geht, ans Sterben!

Die Wahrheit kommt überall da durch, wo wir nicht mehr weiterlügen können. Auch dann, wenn uns unsere eigenen Plastiktüten irgendwo im Pazifik im Urlaub begegnen. Das sind Augenblicke der Wahrheit, wenn auf dem Plastikmüll vor der indonesischen Küste, Aldi draufsteht.

Wenn Greta Thunberg, die Klimaaktivistin aus Schweden vor der UN eine Wutrede hält, dass zu wenig gegen den Klimawandel getan würde, sie aber beim besten Willen nicht weiß, was genau man nun tun sollte, dann ist das einfach wahr. Ohnmacht ist auch so eine Wahrheit, die man gerne weglügt. Ja, sogar der Vorwurf an die Politik, sie wüsste, was zu tun sei und würde es nur nicht tun, ist eine Lüge, die uns davor bewahren soll, die Ohnmacht unserer Politiker ertragen zu müssen.

Aber hat die Wahrheit noch irgendeinen Wert?

Wenn Diktatoren, Autokraten und Demokraten sich die Welt gleichermaßen so zurecht lügen, wie sie ihnen passt, ohne, dass man noch einen grundsätzlichen Unterschied in der Ehrlichkeit zwischen Macron, Merkel, Putin, Trump und Erdogan erkennen kann, kann man ja an ihrem immanenten Wert durchaus zweifeln.

Wahrheit aber hat einen Wert, der sehr substantiell ist. Die Wahrheit ist nämlich unser bestes Wissen darüber, wie die Realität, die uns umgibt, wirklich aussieht, einschließlich unserer eigenen Person. Diese Realitätsnähe hilft ganz frappant gegen Entfremdung. Oft reichen schon ein paar Millimeter Selbstkorrektur in der Wahrnehmung aus, um uns wieder in die richtige Spur zu setzen. Wer wir sind, was wir sind und was die Welt um uns herum ist.

Es gibt sogar einige, die behaupten, dass Wahrheit, wenn man sie zulässt, mit einem unglaublichen, bitter-süßen, Genuss verbunden sei. Das sind allerdings nicht viele. Die meisten stehen auf dem Standpunkt: „Lieber eine starke Lüge, als eine schwache Wahrheit“. Nicht wenige halten Wahrheit ohnehin für subjektiv, nach dem Motto: „Deine Wahrheit, meine Wahrheit.“ Wenn das so wäre, könnten wir unser ganzes Leben mit pubertären Spinnereien verbringen, was einige Menschen auch tun.

Tatsache aber ist, dass Wahrheit nicht subjektiv ist, nicht schwächer als die stärkste Lüge und dem, der sie würdigt, viel Kraft und Trost spenden kann. Die Wahrheit, nicht Gott.

Denn Wahrheit ist genau das, was übrig bleibt, wenn wir die ganzen Unwahrheiten in unserem Leben beiseitelassen und schauen was ist. Die Wahrheit ist der direkte und unverstellte Blick auf die Existenz. Schwer zu erreichen, aber immer wieder aufblitzend in einem Leben, das durch Manipulation und Konsum bestimmt wird.

Wer darauf achtet, achtet auf die eigene Existenz und die Existenz der anderen, der hat tatsächlich den Funken Gottes im Auge und versucht ihn immer wieder anzuschlagen, bis eine Flamme daraus wird. Auch wenn das jetzt etwas religiös klingt, findet die Wahrheit nicht unbedingt in der Kirche statt, man findet sie nicht in Predigten. Was die Kirche aber bietet, ist die Ruhe zur Einkehr und einen Raum der über Jahrhunderte konstant geblieben ist.

Die Kirche ist tatsächlich ein Ort, in den man sich retten kann vor der Lüge und an dem die Wahrheit aufblitzen kann. Nicht indem man den religiösen Ideologen zuhört, die dort häufig in der Kanzel stehen, sondern, indem man den wahren Lauf der Zeit spürt, die Jahrhunderte, in denen Menschen sich ihrer Existenz auslieferten, ohne zu verdrängen, was ist. Einer von denen vielleicht Jesus, andere waren Philosophen, Naturwissenschaftler, Künstler oder auch Bauern und Arbeiter. Selten waren es Bürgerliche, die sich ihrer Existenz hingegeben haben, so wie sie wirklich ist, unausweichlich, als Schicksal, das sich leider nicht optimieren lässt.

Die Wahrheit bleibt auch in unserer heutigen Zeit, in der wir uns wirtschaftlich, mental und als Konsumenten von Blase zu Blase retten, um unser Parallelsystem zur Existenz am Laufen zu halten, eine lohnenswerte Angelegenheit.

Zumindest, wenn man bedenkt, dass wir am Ende unseres Lebens auch wirklich gelebt haben wollen und nicht nur so getan haben wollen, als ob wir leben. Denn wenn wir die Wahrheit opfern, um Ziele zu erreichen, sind diese im Kern für uns und für unseren Kern bereits entwertet, nicht echt, nicht wirklich, nicht wahr.

Es gibt nur ein Ziel.

Wahrheit.