2016-05-31 15.30.39

Plötzlicher Regen in der Friedrichstraße, Foto Gedächtnisbüro 2016

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

(Be-)Zuglos in der Friedrichstraße

Ich habe mich eigentlich auf die Bratwurst gefreut, aber der mobile Bratwurststand am Bahnhof Friedrichstraße war heute nicht da. Ratlosigkeit.

Wie so oft, gehe ich zwei-dreimal hin und her, kann mich nicht entscheiden, was ich essen soll, die Enttäuschung wirkt noch nach. Die Currywurst unter der S-Bahnbrücke ist zwar Hip, aber viel zu teuer, also gehe ich nochmal in den Bahnhof, schaue mir ratlos diese Dauerbaustelle an, weiche den Menschen aus und lande schließlich vor Ditsche. Eine Laugenstange mit Debreziner Würstchen für 2 Euro. Das muss reichen.

Es ist drückend schwül, aber die Leute hier ziehen alle tapfer ihre Bahn. Vor der Volksbank der übliche Türsteher mit Bettelbecher. Der nervt. Ich beachte ihn nicht, was eine besonders intensive Art der Beachtung darstellt. Jemanden nicht sehen zu wollen, ist fast wie ein Kontaktangebot. Das Gegenüber merkt es meist. “Ich will die Tür allein aufmachen”, möchte ich schreien, aber da merke ich schon, dass es heiß ist und ich schon etwas nervenschwach geworden bin.

Nachdem ich mir zwanzig Euro aus dem Automaten geholt habe, denke ich, was ich eigentlich hier will? Alles Leute hier, die entweder mit Besichtigungen, Politik oder Mittagspause beschäftigt sind. Ich habe überhaupt nichts zu tun, mit diesen Rudeln aus aller Welt, mit den Lobbyisten in der Mittagspause, den Büromädchen, die sich einen Pappbecher mit Kaffee holen. Aber irgendwas sieht man immer.

Mir fällt eine schwarzhaarige Frau auf, die vor Starbucks sitzt und wartet. Sie wartet, was sich gut erkennen lässt, weil sie weder etwas trinkt, noch raucht, noch herumschaut, sie guckt einfach geradeaus und wartet. Sie ist stark geschminkt, rote Lippen, irgendetwas wirkt missglückt, aber ich komme nicht drauf.

Als ich mich bei Starbucks in die Schlange stelle, um meinen Espresso zu holen, steht sie plötzlich hinter mir. Ich möchte immer hinschauen, weil ihr Mund so ungewöhnlich aussieht, aber ich verkneife es mir. Irgendwann schaue ich doch und stelle fest, dass sie einfach eine ausdrucksvolle Mimik hat – das ist alles. Ihre Augen sind tiefbraun und wirken groß, wie das ganze Gesicht, sie wirkt einfach gefühlvoller als der Durchschnitt. Schluss – ich bekomme meinen Espresso. Jelena muss ihren Namen sagen, weil sie etwas zum Mitnehmen bestellt. Üblich bei Starbucks und manchmal ganz lustig. Sie spricht ihren Namen etwas unwillig und leise aus, das Mädchen am Service aber versteht ihn sofort und schreibt Jelena auf den Becher.

Ein Mensch, der sich etwas Besonderes wünscht und alles doppelt fühlt, denke ich, ohne zu sehen, wie sie fortgeht. Später sehe ich noch zwei drei stark geschminkte Frauen, eine mit einem typischen Puppenmund in knallrot. Eine junge Frau mit Faltenrock und blonden Haaren, die streng zurückgebunden sind. Dazu dieser Mund. Das passt nicht. Vielleicht ist hier irgendeine Veranstaltung. Ich weiß es nicht.

Neben mir liest eine Frau um die fünfzig ein Buch um die hundert und hält es ganz sorgsam in ihren aufgeschlagenen Händen. Sie genießt dieses antike Buch offensichtlich.

Als  ein Taxi an der Trambahn hält und der Schlange dahinter den Weg versperrt, beginnt ein Hupkonzert, das sofort aufhört, als ein Mädchen mit Krücken aussteigt und Richtung Ärztehaus humpelt. Das Taxi fährt an, still und leise folgen die anderen nach.

Ein junger Tourist spricht mich auf Englisch an und fragt ob ich einen Hund mit einem weißen T-Shirt gesehen habe. „No, sorry“, antworte ich und denke, dass ich etwas falsch verstanden habe. Kurze Zeit später kommt er mit seiner Reisegruppe an mir vorbei, der Reiseführer hat ein weißes T-Shirt. Alles klar.

Ein paar Meter weiter „Unter den Linden“ gibt es das Microsoft-Café. Ich bestelle schnell einen Cappuccino und setze mich an eines der Notebooks. Auf Google suche ich die Nummern von zwei drei Musikschulen heraus und rufe an. „Ja, es ist für unsere Tochter, sie möchte gern Keyboard lernen.“ Ein Probetermin wird vereinbart.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof Friedrichstraße beginnt es zu regnen. Dicke Tropfen fallen vom Himmel, so dick, dass bereits zwei bis drei Treffer ausreichen, um sich nass zu fühlen. Ich flüchte mit einigen anderen in einen Hauseingang. Die Leute laufen an uns vorbei, manche springen in unseren Crowd um sich vor der Dusche zu retten.

Ich denke an Jelena oder vielleicht auch nur an eine Art von Seelentiefe und Gefühl, die mir zu diesem Gesicht einfiel. Dann springe ich in den Bahnhof. Die S-Bahnen fahren mal wieder unregelmäßig.

Signalstörung, lese ich. Signal and Noise, denke ich. Es gab wieder viel Noise in der Friedrichstraße aber auch ein Signal, das herausstach, oder war es eine Signalstörung?

Schwer zu sagen. So viel Seele in so einer Umgebung!