12042015389

Foto: Gedächtnisbüro 2015

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Eigentlich sollten es Ende 2012 etwa zehntausend Spanier sein, die in Berlin leben, offiziell zumindest. Keine besonders hohe Zahl, wie ich finde, da fast alle EU-Länder in dieser Größenordnung in Berlin vertreten sind. In diesem Jahr aber, gehe ich in den westlichen Stadtteilen Berlins von gefühlten einhunderttausend Spaniern aus, auch wenn das mit Sicherheit viel zu hoch gegriffen ist.

Trotzdem. In der BVG spricht plötzlich alles spanisch und nicht nur am Zoologischen Garten lacht einem die spanische Zeitung „El Pais“ so ziemlich als erstes ins Gesicht. Wenn man vor ein bis zwei Jahren noch russische Zeitungen an den Ständern in ihrer Vielfalt bewundern konnte, ist das heute lediglich eine Randerscheinung. Natürlich gibt es auch weiterhin viele Russen in Berlin, aber die Spanier sind auf dem Vormarsch.

Nun ist die spanische Kultur schon immer ziemlich stark in Berlin vertreten gewesen und umgekehrt erinnere ich mich an Zeiten, wo alle Kommilitonen nur nach Barcelona wollten und der Rest nach Mallorca. Die spanisch-deutsche Affinität gibt es schon lange und was wäre aus Volkswagen geworden ohne spanische und italienische Arbeitskräfte? Damals in den Sechzigern?

Die aktuelle Wanderungswelle hat zumindest in Berlin mit Arbeitsmigration weniger zu tun, als man denkt. Eine Online-Umfrage unter 500 meist jungen Spaniern ergab zwar eine deutliche Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation in Spanien, aber nur ein Drittel der Befragten war dort wirklich arbeitslos gewesen. So gab auch eine deutliche Mehrheit an, nicht so sehr wegen der Jobsuche gekommen zu sein. Auch wenn die befragten Spanier hier etwas mehr verdienen, als in ihrem Heimatland, sind ihnen die Lebenshaltungskosten in Berlin etwas zu hoch und sie überlegen, ob sie wirklich lange bleiben wollen. Viele dieser jungen Spanier sind hoch qualifiziert, die meisten haben einen Studienabschluss, kaum einer kommt aber zum Studieren oder wegen einer Ausbildung nach Berlin.

Schade, denke ich, während ich in der U-Bahn die Leute mustere, als ein Spanier hektisch mit seinem Handy spricht. „Na, auch aus Spanien“, denke ich, während ich die Mehrzahl der südeuropäisch aussehenden jungen Fahrgäste mustere. Tatsächlich, sprechen dann zwei junge Frauen auf Spanisch miteinander. Im Straßencafe Joachimsthaler/Ecke Tauentzien dasselbe Bild. Vor mir zwei spanisch sprechende Touristinnen und hinter mir ein Spanier mit langen Haaren im mittleren Alter, der höflich fragte, ob er seinen Capuccino bei mir abstellen darf und sich dann gleich dazu setzte. Die Spanier, so scheint es, mögen die Öffentlichkeit, guten Kaffee und rauchen auch noch ganz gern. Alles sehr angenehm, wie ich finde.

Da ich kein echter Spanien-Urlauber bin, werde ich auch gleich mal ein paar mutmaßlich falsche Eindrücke los, die zu so einer Betrachtung aber dazugehören. Die Spanierinnen sind nicht selten etwas dicklich, auch die Jungen und die Männer haben nicht dieses perfekt frisierte Aussehen anderer Südeuropäer. Oft wirken sie durch lange Haare, wilde Locken und allzu lockere Kleidung wie Überbleibsel aus den Siebzigern. Die Stimme ist meist rau, aber ruhig, manchmal hektisch, aber nie aggressiv.

Ob die sich in Berlin wohlfühlen?

Man müsste es mal herausfinden. Die mir bekannte Umfrage, die man unter dem Link des „Proyecto Nueva Migración“ findet, ist zwar sehr interessant, klärt diese Frage aber nicht richtig. Viele haben Probleme mit der Sprache und oft fühlen sie sich von den deutschen Behörden unwirsch behandelt. (Ja, man ist schließlich in Berlin.) Ihnen fehlt auch oft die Hilfe durch spanische Institutionen und persönliche Netzwerke haben hier auch nur wenige. Viele wissen nicht, wie sie an einen Job kommen sollen und nur die Wenigsten haben ihren Aufenthalt in Berlin gründlich vorbereitet. Soweit die Umfrage. Dennoch sind die spanischen Neuberliner hartnäckig und finden häufig eine Arbeit, wenn auch deutlich unterhalb ihrer Qualifikation. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese überwiegend jungen Leute hier nicht abschrecken lassen und irgendwie Fuß fassen.

Für alle, die fürchten, der Spanien-Boom in Berlin könnte schnell wieder abebben, meine Empfehlung:

Ran an die Spanier!

Eine Bekannte, die Fremdsprachen-Korrespondentin werden will, hat sich kürzlich in ein italienisches Cafe´gesetzt und einfach gefragt, ob dort italienische Sprachpartner wären, die mit ihr Italienisch sprechen würden. Am nächsten Tag hatte sie fünf Anrufe und kann jetzt von morgens bis abends Italienisch sprechen, wenn sie es will.

Vielleicht klappt das bei den Spaniern ja auch? Der Phantasie sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt.