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Mein neuer Lancia, der Grund der Reise

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Warum schreibe ich das? Meine Fahrt war nicht besonders spektakulär, oder war sie das. Ich bin gestern tausend Kilometer durch Deutschland gefahren mit einem Golf VII, TSI der kleinste Benziner mit etwas über achtzig PS. Aber eigentlich war es sensationell.

Ich habe mir einen Oldtimer in Würzburg angeschaut und gekauft. Ein Lancia 2000 i.e. mit Boschtronic und 125 PS aus dem Jahr 1972 war das Ziel meiner Reise und das Objekt meiner Begehrlichkeiten. Damals eine Limousine der oberen Mittelklasse mit sportlichem Anspruch und edlem Ambiente. Die gesamten Armaturen sind in Holz gefasst und das Desgin war dabei sehr „Seventy“.  Alle Instrumente sind quadratisch ausgeschnitten mit weichen Rundungen, bis auf die Borduhr auf Höhe des Handschuhfaches, die ein klassisch rundes Design aufweist. Ich habe mich sofort verliebt. Holzlenkrad und rote Kunstledersitze, ein echtes Spielzeug für Papa!

Daneben mein weißer Golf, Sondermodell Cup, aus dem Jahr 2014. Der stand so harmlos da mit seinen paar PS. Eigentlich ein vollkommen hinreichendes Auto, das alles kann, aber eben ohne Emotion, deshalb sollte der Lancia her. Dennoch, auf der Autobahn habe ich diesen kleinen Golf, der vernünftig seine Kilometer abschnurt, schätzen gelernt. Das war auch gestern während meiner eintausend Kilometer durch Deutschland.

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Alleskönner Golf VII mit schwenkbarer Anhängerkupplung für einen modernen Gepäckträger

Was ihn unterscheidet von den Fahrzeugen der Siebziger, auch von seinem ersten Vorgänger, dem Golf I, der ebenfalls Anfang der Siebziger herauskam (mit italienischem Design übrigens) ist vor allem die Ermüdungsfreiheit. Dieses Auto ermüdet nicht und verkörpert damit den Geist, den Volkswagen schon seit fünfzig Jahren beschwören möchte, perfekt.

Im Gegenteil achtet mein Golf, der auch nach tausend Kilometern nicht lauter wird, nicht unruhiger im Vorderwagen, der auch kein bisschen weicher wird, weder in der Kupplung noch im Fahrwerk, der keine Hitze verströmt, nirgendwohin, weil er angestrengt ist. Dieser Golf achtet sogar auf mich und gibt mir von Zeit zu Zeit Hinweise, dass ich eine Pause machen sollte, weil er „Müdigkeit erkannt“ hat. Wie eine besorgte Mutter! Ich fand das sehr nett von ihr, obwohl ich gar nicht müde war!

Sicher, meine Golf-Mutti irrt sich von Zeit zu Zeit über meinen Seelenzustand, aber ansonsten ist sie perfekt.

Der Golf VII ist perfekt, er ermüdet mich kein bisschen. Die Sitze sind straff und vermitteln jede Menge Halt und Bequemlichkeit, ich würde sogar sagen, Geborgenheit. Die Armaturen sind klar, springen ins Auge und haben dabei ein schönes und sportliches Design. Die Plastik-Verchromungen wirken echt und sind nicht übertrieben. Der Glanz der Mittelkonsole vermittelt Sauberkeit, dunkel und gediegen, ohne zu überziehen. Der Klang des Radios perfekt und auf die Fahrsituation abgestimmt. Wer während der Fahrt Geräusche hören will, muss das Fenster aufmachen oder aber ins Gaspedal treten. Dann meldet sich der kleine Motor drehfreudig und sportlich rauh und ruft: „ Ja, ja, ich bin noch da!“

Mutti ist noch da! Ein Glück, und Mutti fährt mit mir locker über 180 kmh, etwa so schnell, wie der Lancia aus den Siebzigern mit 125 PS.

Ich wollte eigentlich, auf meinem Weg von Berlin nach Würzburg und zurück, nur cruisen, ganz gemütlich. Ich wollte die schöne Bergwelt Thüringens genießen, durch Tunnel fahren und über Pässe klettern. Ich wollte in Gedanken versinken und an früher denken, am mein „früher“ und an das große „früher“ eines romantischen Deutschlands, in dem man noch in Postkutschen und zu Pferde unterwegs war. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, dann und wann herauszufahren, ein paar Schritte zu laufen und vielleicht einen alten Gasthof anzusteuern. Aber die Autobahn hatte mich fest im Griff!

Es denkt sich nicht so schön, wenn man eingequetscht zwischen zwei LKW auf der rechten Spur fährt. Es denkt sich auch nicht besonders gut, wenn man in der Mittelspur auf überholende Fahrzeuge sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit achten muss. Es denkt sich eigentlich gar nicht mehr, auf der Überholspur, auf der mein Golf brav die Spur hält, während ich auf heranbrausende BMWs und Audis im Rückspiegel achte, um rechtzeitig Platz machen zu können, bevor sie an meiner Stoßstange sitzen.

Auf deutschen Autobahnen denkt es sich überhaupt nicht mehr schön! Sie sind hektisch, rastlos und gefährlich geworden.

Wie gesagt, habe ich gestern alles ausprobiert, von weit rechts bis weit links und nichts war angenehm. Kein angenehmes Reisen, wenig Zeit, die schöne Landschaft zu genießen und zu sinnieren. Das war vor vierzig Jahren wirklich anders. Das werde ich wohl auch mit meinem schönen Lancia bestenfalls am frühen Sonntagmorgen noch erleben, bevor die Freizeit-Hatz auf deutschen Autobahnen beginnt!

Mein Golf aber war gestern in seinem Element. Dieses Auto regt sich praktisch nie auf, und was noch besser ist, es regt auch die anderen nicht auf, weil es so unauffällig ist.

Wer in einem Golf VII Abenteuer erleben will, sitzt tatsächlich im falschen Film. Aber man kann von seinem Golf aus, vortrefflich die Abenteuer der anderen beobachten. Beispielsweise mit 180km/h auf der linke Spur fahren und schauen, was von hinten noch so angeprescht kommt.

Da habe ich gestern einiges gesehen, auf diesen tausend Kilometern! Einen BMW X6, der bei 220km/h in einer langgestreckten Linkskurve auf feuchter Fahrbahn den Halt verlor und von seinem ESP harsch abgebremst und wieder in die Spur gesetzt wurde. Der Fahrer hat wohl nur gedacht „War was?“ und dann wieder aufs Gas getreten. Diese Autos vollbringen Wunder, auch wenn vollkommene Idioten am Lenkrad sitzen.

Einer kam so schnell von hinten, ein Jaguar, dass ich versucht war, bei Höchstgeschwindigkeit, hektisch die Spur zu wechseln. Aber mein Golf gab mir den nötigen Widerstand ins Lenkrad, damit ich smooth Platz machen konnte. Der Jaguar musste kaum von seinem Tempo runter, das wohl bei knapp 300km/h lag, er war schnell wieder verschwunden. Eine Art Heimsuchung mit Todesdrohung.

Aber es gab auch völlig andere Abenteuer, auf die ich unvorbereitet traf. Bei der Fahrt über die wildromantische A71, von Schweinfurth nach Erfurt, geht es durch mehrere Tunnelabschnitte, hinter denen sich Brücken über wilde Täler biegen, teilweise in recht scharfen Kurven.

Schnellfahrer kommen hier auf ihre Kosten, immer den drohenden Abflug über die Leitplanke vor Augen. Ich stelle mir vor, was mit einem SUV passiert, das auf einer solchen Brücke die Leitplanke mit hoher Geschwindigkeit touchiert. Bei Kontrollverlust müsste beispielsweise ein Porsche Cayenne oder ein Mercedes der M-Klasse an einigen Stellen locker durchbrechen und ein paar hundert Meter tiefer an einem Felsen zerschellen.

Bei diesem Gedanken fahre ich gleich noch etwas langsamer und lasse die anderen entspannt überholen.

Ausgangs des fast acht Kilometer langen Rennsteigtunnels, dann eine kleine Sensation. Dort ist ein LKW auf einer ungesicherten Hubschrauberplattform zu Stehen gekommen. Das Führerhaus direkt vor dem Abgrund, alle Bremsleuchten hell auf Alarm gestellt, im Flackerlicht der Warnblinkanlage. Ein berauschender Anblick, von dem ich nicht weiß, ob der Fahrer das so geplant hat. Der ausländische Lastzug wollte wohl nur schnell nach dem Tunnel rechts ranfahren und hat den Landeplatz wohl mit einem Parkplatz verwechselt.

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Ungesicherter Hubschrauberlandeplatz am Ende des Rennsteigtunnels

Die Crux war, dass die Zufahrt zur Plattform bei nasser Straße stark abschüssig ist und der Fahrer wohl auf trockenes Wetter oder fremde Hilfe warten musste, um rückwärts wieder hinauf zur Autobahn zu kommen. Ich wüsste gern, wie das kleine Drama ausgegangen ist.

Die wilde Fahrt durch den Thüringer Wald, war wohl das Aufregendste bei diesen tausend Kilometern, ein Teilstück von knapp zweihundert Kilometern auf der A71.

Trotz der vollen Autobahn und der Raserei auf der linken Spur, trotz extremer Nässe und diversen Baustellen, habe ich auf dieser Fahrt keinen einzigen Unfall gesehen. Ich glaube das war Glück, denn Gelegenheiten dafür gab es viele. In der Luftfahrt spricht man von „Near-Misses“ oder „Incidents“. Ereignisse, die beinahe zu Unfällen geführt hätten. Eine schweizerische Versicherungsgesellschaft hat in Statistiken nachgewiesen, das auf etwa dreihundert „Incidents“, also Beinahe-Unfälle, eine Katastrophe kommt, bezogen auf die kommerzieller Luftfahrt allerdings.

Mein Golf gehört wohl nicht in diese Statistik. Er ist ja auch kein Flugzeug. Dieser Wagen kann alles, was ich mir wünsche. Er konnte mich nur nicht begeistern. Seit gestern kann er das. Die tausend Kilometer über deutsche Autobahnen haben mir gezeigt, dass dieser Wagen ein echter Profi ist, der meine äußerste Wertschätzung hat.

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Der heimliche Held meiner Reise war der Golf VII. Er hat meine höchste Wertschätzung und man kann fast schon sagen, Begeisterung.

Selbst bei Starkregen kurz vor Würzburg hat er mich nie im Unklaren gelassen, wie gut seine Bodenhaftung noch ist. Während wir über die Autobahn geschwommen sind, meldete er mir mit seiner präzisen Lenkung, die plötzlich weich wird, wenn ein Vorderrad keinen optimalen Gripp mehr hat, jederzeit zurück, wie weit ich vom Gas gehen musste.

Aber beim Golf ist es eben anders, als bei einem alten Lancia. Die Begeisterung wächst mit dem Verstand. Der Lancia hat noch nicht einmal Sicherheitsgurte! Ich werde ihn wohl als besondere Schönheit in meiner Garage stehen lassen.