Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Belügen wir uns weiter – uns selbst und die anderen. Der Hauptjob unserer Psyche besteht darin, die eigenen Illusionen zu retten und unseren Weltbezug als eng und bindungsreich darzustellen. Von der eigenen Familie bis zu den Kollegen vom ganz persönlichen bis zum politischen.

In Wirklichkeit wissen wir nicht was wir tun und wir wissen vor allem nicht, mit wem wir es zu tun haben. Deine Frau kann sich als Betrügerin erweisen, Dein bester Freund als Intimfeind und schließlich ist Dein Team vielleicht ein Haifischbecken, ohne dass Du es bisher gemerkt hast?

Was gibt uns eigentlich das Recht in immer größeren Bezügen zu denken, politisch nach immer größeren Einheiten zu streben und uns dabei einzubilden, dass andere Menschen dasselbe wollen wie wir, ja sogar andere Völker dasselbe wollen?

Absurd.

Niemand will dasselbe, wenn auch viele das gleiche wollen. Wie geht das auf?

Ganz einfach.

Ich will von einem vielleicht Freundschaft, der vielleicht seinerseits von mir nur Geld will. Er selbst sucht auch nach Freundschaften, aber nicht bei mir. Ich suche eine Liebschaft, die von mir vielleicht eine Freundschaft will oder auch nur eine kurze Phase der Unterstützung ihrer angeschlagenen Psyche. Vielleicht suche ich auch eine Freundschaft, die mich ermutigt, etwas neues zu tun, eine Stufe weiter zu kommen in meinem Leben und jene Freundin sucht jemanden, dem sie ihre Macht beweisen kann?

Die Missverständnisse fangen an, wenn man sich „Guten Tag“ sagt. Der eine meint es wirklich so, der andere nicht. Der eine hält es für eine Begrüßung, der andere für eine Verabschiedung.

Ein Lächeln ist da noch die beste Mitteilung, weil es alles heißt, aber stilles Einverständnis einschließt. Ja, ja, wir sind beide auf der Welt, um uns nicht zu verstehen – wirklich nicht! Aber Du gefällst mir gerade in dieser Sekunde.

Was ist Dein Thema? Ich weiß es nicht. Du kennst mein Thema nicht und wir suchen unser Heil in der Manipulation, damit wir uns nicht ehrlich sagen, müssen, was wir voneinander wollen. Vielleicht bringe ich den anderen ja auch dazu, mein Spiel zu spielen, ohne dass er davon weiß?

Was ist mein Spiel?

Warum trösten uns immer die, welche wir nicht lieben? Ganz klar, weil wir von jemandem, den wir lieben, keinen Trost benötigen. Dann wäre nämlich alles gut.

Die Absurdität. Wir kennen unser eigenes Spiel nicht und noch viel weniger das Spiel der Anderen, obwohl wir alle das gleiche Spiel spielen, aber mit versetzten Rollenzuweisungen. Selten trifft die richtige Rolle die passende Person, dann haben wir einen Volltreffer. Vielleicht einen tollen Freund oder die große Liebe.

Das Schlimme ist, dass jeder seinen eigenen Film hat und wir die Rollen nach eigenen Überzeugungen besetzen wollen wie ein Regisseur. All diese Akteure sind selbst Regisseure und wollen ihre eigenen Filme produzieren. Ein riesiges Durcheinander. Welche Rolle spielen wir bei wem? Wir kennen unsere Rollen oft gar nicht.

Das ist auch egal, so lange wir uns Illusionen darüber machen dürfen.

Genau das ist unsere Psyche. Ein Geflecht von Illusionen, die Anknüpfungspunkte bei anderen haben, die ebenfalls voller Illusionen sind. Im günstigsten Fall tanzen wir in unseren Träumen durch den Alltag. Wenn der Alltag zu wenig bietet, träumen wir uns notfalls fort.

Jedem seine Insel.

In dem Film Matrix erkennt ein gewisser NEO (der Name ist Programm) schrittweise die Irrealität der Realität, die von Maschinen gestaltet wird. Der Punkt ist nur der (und hieran scheitert der Film), dass auch die Maschinen Produkte unserer Träume sind, Funktionsträger von Illusionen.

Und nun?

Weder Mensch noch Maschine können uns dauerhaft beglücken. Bleiben wir rastlos und suchen weiter? Noch mehr Beziehungen, noch mehr Wachstum?

Unser Leben wird dann nach der Größe und Bedeutung der eigenen Geschichte beurteilt. Der Mensch als Narrativ?

Cut!

Vielleicht sollten wir lieber in unseren Fingerspitzen leben, in unseren Knien oder auf ihnen, in unserem schmerzenden Rücken, statt dem Verwirrspiel unserer Köpfe zu folgen.

Aber was wäre ein Leben ohne Ideen?

Die Idee der Bindung und der Familie ist überpersönlich. Könnten wir uns wenigstens daran halten? Auch wenn wir dabei ständig betrogen werden und betrügen, auch wenn wir von Tag zu Tag desillusionierter werden.

Wir brauchen das doch!

Ich habe mich entschieden, mich meinen Illusionen hinzugeben und sie nicht zu verwerfen, wenn sie mich enttäuschen. Sei es die Liebe, die Familie oder der Sozialismus.

Diese drei Illusionen haben nämlich einen gemeinsamen Nenner.

Sie wurzeln in dem Wunsch des Menschen, zu teilen!

Teilen ist die Grundform von Bindung.

Halten wir uns daran?