Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Schon mal darüber nachgedacht, wie eindimensional unsere Glücksvorstellungen sind? Meistens spielen sie irgendwo in einer großen Metropole, wenn wir jung sind  und wenn wir älter werden, dominiert das ländliche Ambiente. Verbunden ist das immer mit Wohlstand und jeder Menge Lustgewinn durch Konsum. Unsere Glücksvorstellungen sind längst nicht mehr unsere eigenen, man kann sagen, dass wir ausgebeutet werden. Glück ist nur das, wofür man arbeitet und was man hinterher kaufen kann.

Uns wird das Bewusstsein für die Grundlagen des Glückes vernebelt

Manipulation ist überall beteiligt. Ich denke immer an die Parship-Werbung (“Ich parshipe jetzt”), wo gestylte Singles in perfektem Ambiente auf das perfekte Gegenstück hoffen. Aber warum Gegenstück? Mal davon abgesehen, dass hier die narzisstische Partnerwahl in reiner Form beworben wird, gibt es keine echte Gegenstücke mehr. Die Polarität der Geschlechter ist am verschwinden, alles ist gleich oder wird gleich gemacht, auch als Genderpolitik bezeichnet. Da bleiben als Äußerlichkeiten nur noch der männliche Bart und die perfekte weibliche Haarlosigkeit. Geschlechter, die sich angeglichen haben, suchen fast verzweifelt nach Unterscheidungsmerkmalen. Geschlechterpolarität, wie wir sie früher kannten, wo wir uns wirklich gegenseitig ergänzt haben, in Einstellung, Gefühl, in Stärken und Schwächen, gibt es nicht mehr oder nur noch an der Oberfläche. Die Enttäuschung der Perfektionssucher bei Parship (meist weiblich) ist vorprogrammiert. Beziehungen sind langweilig und ermüdend geworden. Glück sieht anders aus und die Aufregung stellt sich auch nicht so ein, wie in der Werbung.

Die eigene Familie – in jungen Jahren gesucht und gleich wieder entwertet

Was ist eigentlich der Zweck der Veranstaltung? Männer und Frauen wollen sich schon immer paaren, um eine Familie zu gründen. Aber was sind Familien heute? Kleinstgruppen, die es mehr oder weniger über die ersten Jahre schaffen und dann irgendwann an ihren hochgesteckten und nicht eingelösten Glücksvorstellungen zerbrechen. Es bleiben dann oft alleinerziehende übrig, meist Frauen, bei denen die Schere zwischen Anspruch und Realität noch weiter aufgeht. Armut, Stress und Ablenkung sind dann die bestimmenden Variablen. Am Ende werden dann Kinder ins Leben entlassen, die auch unter dem Wiederholungszwang stehen, uneingelöste Glückserwartungen doch noch irgendwie einzulösen. Es wird einem doch überall vorgekaukelt, wie das Glück auszusehen hat, bunt, aufregend und käuflich. Wer da nicht hysterisch wird, muss ziemlich starke Nerven haben.

Der Kapitalismus als Gegenspieler der Familien

Der Kapitalismus ist kein kollektives System und unterstützt kollektives Verhalten nur dann, wenn es dem Profit dient. Maßstab ist das Ego, aber das manipulierte Ego, das glaubt, was ihm vorgekaukelt wird. Alles andere fällt hinten runter, auch die Familien, die heute selten länger als zehn Jahre durchhalten.

Ich lebe zwischen Land und Stadt und frage mich ständig, warum wir uns so eklatant um unsere Familien betrügen lassen. Wer aus einer Familie ausbrechen will, hat die volle Unterstützung unseres Sozial- und Erziehungssystems, wer in der Familie bleibt, wird bestenfalls mitleidig beäugt, schlimmstenfalls bekommt Sie keinen Job, weil die Kinder einen Risikofaktor für die Arbeitsfähigkeit darstellen. Zumindest wird genau geguckt und gefragt. Wie alt sind die Kinder, sind sie im Kindergarten oder in der Schule, sind sie gesund? Alles fragen, die man von Einstellungsgesprächen kennt. Arbeitgeber üben keine Solidarität mit der Keimzelle unserer Gesellschaft. In der Werbung sehen wir ja auch überwiegend gut bezahlte Singles.

Das Land verödet sozial auffälliger, als die Metropolen

Wer noch das Glück hat, in einer einigermaßen intakten Familie zu leben, was auf dem Land häufiger anzutreffen ist, als in den Ballungsräumen, kann sich nicht darauf verlassen, dass seine Kinder das genauso sehen. Die derzeit dominierende Rezeption von Familie, die man überall antrifft, ist der psychisch ungesunde Ort, den man möglichst schnell verlassen sollte. Diese Ideologie reicht tief hinein in gesellschaftliche Vorurteile, die durch ein Heer von Erziehugnswissenschaftlern und Psychologen befeuert, aber nicht rational begründet werden. Die Ideologie, dass ein Mensch aus seiner Familie raus muss, um sich weiter entwickeln zu können, fusst auf der Aufklärung und ist durch diverse Bildungsromane und deren vulgäre Nachahmungen verfestigt worden und niemand kommt dagegen an. Es ist das soziale Todesurteil für Menschen, die auf eine Familie angewiesen sind, einschließlich der Alten, Behinderten und vieler Frauen und Männer, die Familie als Lebensinhalt verinnerlicht haben. Diese Auflösungserscheinungen finden sich auch auf dem Land und sind kennzeichnend für die Landflucht, die daneben auch ökonomische Ursachen hat.

Die zunehmende Aufgabe des Landes, als Lebensraum ist für uns fatal. Die Lebensvorstellungen orientieren sich an den Metropolen und nicht an den Dörfern. Das Dasein wird dabei virtuell, widersprüchlich und letztlich einsam, weil der Kontakt zum Land und zur Familie fehlt. Einsamkeit ist die häufigste Klage, von Menschen, die in Großstädten leben. Das Land bietet ungeahnte Glücksmöglichkeiten, ist aber sozial verödet, es gibt noch viele Alte, aber immer weniger Familien.

Auffällig intakte Familien in der Oberschicht und Auflösungserscheinungen in der breiten Bevölkerung

Allerdings gibt es noch Milieus, in denen Familien mit ihren Glücksmöglichkeiten die Normalität darstellen. Der Befund gibt zu denken, da es sich hier um die gesellschaftliche Oberschicht handelt. Warum haben die Reichen und Mächtigen intakte Familien, die über Generationen hinweg stabil bleiben? Warum gibt es dieses Phänomen noch an der erfolgreichen Spitze unserer Gesellschaft und in der Breite nicht mehr?

Liegt es nur daran, dass bei den Quandts und bei den Schefflers Eltern und Großeltern sitzen, die für ihren Nachwuchs mehr tun können, als ihn großzuziehen und dann ins Leben hinaus zu schicken? Unsere Obersdchicht lässt sich soziologisch nicht untersuchen, man verweigert sich Interviews und Studien und deshalb wissen wir es nicht. Die reichen Familien sind tatsächlich die gesellschaftliche Gruppe, die soziologisch und psychologisch am schlechtesten untersucht ist. Aber eines weiß man. Reiche Familien überdauern Jahrhunderte.

“Der Proletarier hat keine Familie,” lautet ein Zitat aus dem kommunistischen Manifest. Auch wenn wir heute nicht mehr so leben müssen, wie die breite Masse der Städte im ausgehenden neunzehnten Jahrundert. An der Familie oder ihrem Fehlen und permanenten Scheitern, erkennt man ohne weiteres den Klassenunterschied. Das sollte doch zu denken geben, ob die breite Bevölkerung, in der Stadt oder auf dem Land, tatsächlich einfachster Daseinsbedingungen, die eng mit Lebensglück verbunden sind, beraubt wird und die Oberschicht von diesem Trend unberührt bleibt?

Glück entsteht durch Gemeinschaft. Wenn wir uns vereinzeln lassen, können wir nicht mehr glücklich werden

Glück entsteht durch Familien und Gemeinschaften, bestimmt nicht in erster Linie am Arbeitsplatz (Mär von der Selbstverwirklichung) und bestimmt nicht durch Konsum, sondern durch intakte Beziehungen. Der Kapitalismus scheert sich einen Dreck darum, unter welchen Bedingungen ein Individuum konsumiert und arbeitet. Je unglücklicher, desto besser für die Suche nach Ersatzbefriedigungen und seien sie nur virtuell. Wir müssen selbst erkennen, dass virtuelles Glück, wie der Name schon sagt, kein wirkliches Glück ist und uns fragen, warum wir das wichtigste, um das Männer und Frauen in jungen Jahren kämpfen, um es dann nach einigen Mühen für wertlos zu erklären und wegzuwerfen, die Familie, unserem Konsum und unseren Freiheitsvorstellungen untergeordnet haben.

Nur Manipulation? Nur Gedankenlosigkeit? Oder Zwang durch ökonomischen Druck, der wieder nur der Oberschicht unserer Gesellschaft zu Gute kommt?

Politische Konsequenzen?

Dier Familie ist der Ausweg aus der globalen Sackgasse des ungehemmten Wachstums.

Wir sollten erkennen, was wir uns haben nehmen lassen und stark dagegen steuern. Das ist nicht reaktionär, sondern vernünftig, wenn wir wieder glücklich werden wollen, ohne durch unseren Konsum den Globus zu zerstören.

Sehr seltsam, dass die Grünen, diese Partei der Apokalypse, die Rettung der Familien nicht im Programm haben. Genau das wäre nämlich der Ausweg aus der Sackgasse des Wachstums.Die AfD, die derzeit den konservativen Pol der Gesellschaft repräsentiert, hat die Stärkung der Familien im Programm. Ziehe jeder seine Schlüsse daraus.