Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Ich wollte eigentlich gar nicht raus. Ein ruhiges Silvester wäre nach meinem Geschmack gewesen, aber mein Zahn.

Am Nachmittag tat er schon so weh, dass ich zum Notdienst ging. Die Zahnärztin hielt mir mein Röntgenbild vor die Nase und riss dabei die Augen weit auf: „Der Zahn muss raus!“ Ich war schon bereit, ihn sofort ziehen zu lassen, als sie abwiegelte. Das könne man im Notdienst nicht machen. „Die Komplikationen, wissen Sie?“ Sie könne dann die anderen Schmerzpatienten nicht mehr versorgen, wenn etwas passiert.

„Haben Sie schon mal an Implantate gedacht?“

Ja, gedacht hatte ich schon daran, aber den Gedanken so lange wie möglich verworfen. Jetzt erschien der geschraubte Zahn fast schon wie ein Rettungsanker. Ich war fest entschlossen, mir so etwas einsetzen zu lassen. Fest, mechanisch und unkaputtbar. Aber bis dahin sollte ich Clindamycin nehmen, das ich noch zuhause hatte und viel Ibuprofen.

Der Sylvesterabend war damit programmiert.

Tabletten nehmen und mich innerlich auf die Zahn-OP vorbereiten. Das heiße Wummern an meiner Zahnwurzel wurde auch kaum besser. Draußen knallten sie schon. Wir aßen unser Silvesterbuffet in der Küche, ausnahmsweise mal alle zusammen. Meine Frau hatte sich Mühe gegeben und die Spezialitäten schmeckten trotz Zahnschmerzen. Nur viel sagen konnte ich nicht. Ich war schon halb im NSAR-Rausch. Gemeint ist dieses komische Gefühl im Kopf, wenn man mit Ibuprofen und anderen Mitteln dieser Art einen Schmerz bekämpft, der dann eigentlich nur dumpfer wird, während man sich selbst gleichgültiger fühlt.

Wir haben dann eine Batterie Feuerwerk hochgejagt, mit den Kindern. Der Hund wollte flüchten und zog meine Frau ins Treppenhaus. „Er hat ein leichtes Trauma“, sagte sie. Ich nahm es nicht mehr so wahr, wie vieles heute Abend. Unserem Cockerspaniel hatte ich auch schon versehentlich auf den Schwanz getreten, worauf er wütend aufheulte. Man ist eben nicht voll da, in so einer Situation.

Gegen Mitternacht gingen dann alle ins Bett, bis auf die Teenager, die noch Abenteuer erleben wollten und sich ins Getümmel stürzten. Für mich begann zu dieser ersten Stunde im neuen Jahr das Martyrium. Die Schmerzen wurden unerträglich!

Ich telefonierte alle Nachtnotdienste ab und erreichte niemanden, nur eine Apotheke, die Hilfe versprach und auch das richtige Antibiotikum vorrätig hatte. Ich musste nur dort hingehen und tat dies auch. Denn an Schlafen war nicht zu denken.

Also ging ich hinaus in die Silvesternacht in der es knallte, zischte und leuchtete, mit übergezogener Kapuze mehr als zwei Kilometer zu Fuß durch das Feuerwerk.

Ich tröstete mich anfangs in meiner misslichen Situation mit dem Gedanken, dass das Adrenalin das mein Körper jetzt ausschüttete, der Stress, den ich empfand, als Böller direkt neben mir explodierten und dunkle Menschenansammlungen ihr Feuerwerk in meine Richtung schossen, dass diese Stresshormone also ganz gut gegen die Entzündung in meinem Zahn wirken würden. Tatsächlich ließen meine Schmerzen während dieses kriegsähnlichen Ereignisses nach.

Kurz vor der Apotheke am Friedrich Wilhelm-Platz, kamen dann die großen Granaten. Um die Kirche herum hatten sich geschätzt einhundert junge Leute positioniert und warfen unter lautem Gejohle Böller auf die Straße.

Ich musste da lang.

Bei dieser Gelegenheit erkannte ich, was den Unterschied ausmacht, wenn „Polenböller“ neben einem explodieren. Im Unterschied zu unseren normalen Knallern, entwickeln diese tatsächlich eine gewisse Explosivkraft, die man sogar an einer Druckwelle spürt. Zweimal kurz nacheinander passierte mir das. Ich bekam Angst und begann zu laufen.

In der Apotheke angekommen, kamen die Zahnschmerzen wieder und ich entschied mich für ein weiteres Schmerzmittel, nur um überhaupt irgendetwas in der Hand zu haben, mich gegen meinen Zahn zu wehren. Das Antibiotikum war vorrätig und ich holte meine Wasserfalsche aus der Tasche, nahm die Medikamente gleich vor Ort ein. Die Apothekerin trank derweil im Nebenraum etwas Neujahrssekt, den sie sich wegen dieser heldenhaften Öffnungszeiten auch redlich verdient hatte.

Ich dagegen musste wieder nachhause und sann auf eine Strategie, unbeschadet durch das Schlachtengetümmel zu kommen. Denn inzwischen hatten sich Gruppen von Jugendlichen zu kleinen Armeen entwickelt, die sich von Straßenseite zu Straßenseite mit Feuerwerk beschossen. Manche warfen das Zeug auch völlig anarchisch durch die Gegend.

Meine Taktik war schließlich sehr erfolgreich. Ich lief im Laufschritt auf jeweils eine Gruppe zu und erzeugte damit eine Schrecksekunde, in der niemand etwas nach mir warf. Nachdem ich die Gruppe dann erreicht hatte, passierte ich völlig friedlich und langsam, um dann wieder martialisch auf die nächste pubertäre Gruppe zu zu rennen. Das System mit der Schrecksekunde schien zu funktionieren. Ich wurde nicht mehr beworfen. Es schien mir zumindest so.

Überhaupt erschien mir in einer solchen Situation, in Bewegung zu bleiben, als beste Lösung.  Ich kam so unbeschadet wieder nachhause, wo mich mein Zahnschmerzen erwarteten.

Ich saß dann noch eine ganze Weile herum und dachte an Operationen kleineren und größeren Ausmaßes, recherchierte Nachtkliniken im Internet und entschied mich schließlich für die Medeco-Zahnklinik, die auch an Feiertagen Dienst tut. Mit diesem beruhigenden Gedanken, am Neujahrstag die Klinik aufzusuchen, versuchte ich zu schlafen und es gelang mir tatsächlich.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, gegen neun Uhr, war alles um mich herum friedlich und ruhig. Die Zahnschmerzen waren weg.

Ich entschloss mich trotzdem zu dieser kleinen Schilderung, in der ich die Schmerzen auf Papier gebannt habe. Ich hoffe, dass sie mir auf diese Weise möglichst lange vom Hals bleiben werden.