Screenshot trump

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Man kann Donald Trump vieles vorwerfen. Rassistische Ressentiments, ein veraltetes, teilweise sexistisches Frauenbild, schlechtes Benehmen im jedem Fall und die Neigung, um es vorsichtig zu sagen, sich die Welt so zurecht zu deuten, wie sie ihm passt.

Aber Trump ist ganz ohne Zweifel Trump, seit wir ihn kennen.

Alles war er als Präsident der Vereinigten Staaten umgesetzt hat, hat er tatsächlich im Wahlkampf angekündigt und er hat es sogar auf die Weise getan, die zu erwarten war. Breitbeinig, frech und weitgehend skrupellos.

Der amerikanische Präsident, Donald Trump, ist authentisch.

Ist das sein Erfolgsgeheimnis? Gehen wir dieser Frage einmal nach. Barack Obama war schließlich auch ein erfolgreicher Präsident und wurde nicht minder gehasst, als der jetzige Präsident, nur eben von den anderen. Aber war Obama als Person authentisch?

Zumindest war er schwerer zu durchschauen und hat mehr Dinge zugelassen, die seiner eigenen Überzeugung widersprachen, welche er als Senator und Präsidentschaftskandidat vertrat. So hatte er in den Vorausscheidungen der Demokraten einen schwerwiegenden Dissens mit Hilary Clinton, was den Umgang mit Diktatoren anging. Obama meinte, mit jedem Diktator auf der Welt sprechen und verhandeln zu wollen, was Clinton strikt ablehnte. Diese Diskussionen wurden amerikaweit kommentiert und beachtet.

Am Ende redete Obama nicht mit Gaddafi, sondern lies an seiner Beseitigung arbeiten, er redete nicht mit Assad, er redete nicht mit Janukowitsch und er redete nicht mit Kim Jong Un, er redete auch nicht mit den Ajatollahs im Iran oder dem damaligen Präsidenten Rafsanjani. Eine magere Bilanz, die er mit Regime Changes und Kriegen, Sanktionen und Subversionen in den bezeichneten Ländern pointierte.

Obama, der Politiker, der seine Feinde umarmte? Innenpolitisch vielleicht, außenpolitisch nicht im Mindesten.

Obama war als Präsident schwer einschätzbar und nicht authentisch.

Aber gehen wir, auf der Suche nach Authentizität als Erfolgsfaktor, noch einen Schritt weiter und klopfen die erfolgreiche Kanzlerin Angela Merkel auf diese Eigenschaft ab.

Angela Merkel war dafür bekannt, nach Umfragen zu regieren. Ihr Credo war es lange Zeit, den Deutschen nicht auf die Füße zu treten und es möglichst allen Recht zu machen. Als Kanzlerin der klaren Kante galt sie nicht und besonders authentisch wirkt so ein Regierungsstil ebenfalls nicht.

Das änderte sich erst über mehrere Krisen hinweg, in denen Merkel an Kontur gewann. In der Bankenkrise, in der sie schnell Position für die deutschen Finanzinstitute bezog und ihren Rettungskurs als Rettung der Kleinsparer verkaufte, war sie noch nicht sehr echt. Dann aber in der Eurokrise, in der sie sich bei den Südeuropäern unbeliebt machen musste, wurde sie schon sehr viel deutlicher, als Sparkanzlerin, die von gemeinschaftlichen finanziellen Bürgschaften in der EU wenig hielt und vor allem den deutschen Haushalt konsolidieren wollte.

Widersprüchlich zu dem rigiden Wirtschaftskurs in der Eurokrise, wurde Merkel mit Fukushima und dem plötzlich verkündeten Atomausstieg zu grünen Kanzlerin, die sie bis heute geblieben ist. Erst ab diesem Punkt konnte man von einem klaren Profil Merkels ausgehen. Ein Profil das in dem Augenblick vermanscht wurde, als Merkel sich von ihrer Flüchtlingspolitik, dem Versuch also, die grüne Welle komplett abzureiten, distanzieren musste und statt zwei Schritten gleich drei Schritte zurücktrat. Nach ihrer Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik war sie zwar noch die grüne Kanzlerin, aber nicht mehr die Kanzlerin der Grünen.

Merkel hat es in mehreren Anläufen nie geschafft, authentisch zu werden, wenn sie für die Deutschen auch zunehmend einfühlbar wurde. Sie blieb eine typische Politikerin der komplexen Sachzwänge, was das Gegenteil von authentisch bedeutet, weil es mit ständigen Richtungswechseln einhergeht.

Merkels anfänglicher Busenfreund und aktuell schärfster Konkurrent um die Macht in Europa Emmanuel Macron, ist ebenfalls nicht mit dem Begriff authentisch zu erreichen.

Macron hat bereits in seinem Wahlkampf zur Präsidentschaft ein ganz anderes Prinzip angewandt, welches George Soros einmal sehr ausführlich, als reflexivity, beschrieben hat. Damit ist ein Stil gemeint, eigene Positionen erst dann öffentlich zu beziehen, wenn klar ist, dass sie mehrheitsfähig sind. Die Außenwirkung ist dabei immer das Wichtigste und wird quasi zum Programm erhoben. Folglich hat Macron mit seiner Organisation En Marche sein politisches Programm erst kurz vor der Wahl veröffentlicht (im März 2017) und dabei stark widersprüchliche gesellschaftliche Positionen scheinbar vereint. Insbesondere die partielle Abgabe von Souveränität an Brüssel und die gleichzeitige Betonung der nationalen Souveränität des Landes passten in diesem Programm überhaupt nicht zusammen.

Genauso widersprüchlich und unberechenbar regiert Macron, als französischer Präsident. Er fördert den französischen Liberalismus wie kein Präsident vor ihm und geht in der Bekämpfung von basisdemokratischen Bewegungen, wie den Gelben Westen, nach Polizeistaatsmanier vor. Er betont die enge Partnerschaft mit Deutschland und macht zugleich in Brüssel einen Alleingang in der Flüchtlingsfrage, beim Aufbau eines europäischen Finanzministeriums und einer europäischen Armee.

Macron ist jung, politisch sehr beweglich und eng mit dem Finanzadel in Frankreich verbündet, der auch seinen Wahlkampf wesentlich mitfinanziert hat. Seine reflexive Strategie lässt ihn meist das tun, was gerade mehrheitsfähig ist, er rudert sofort zurück, wenn die Mehrheiten kippen. Diese Strategie hat er von seinem “Franchisegeber”, George Soros, übernommen, der scheinbar auch die Konzeption für seine NGO-Partei “En Marche” geliefert hat.

Fazit: Macron ist vollkommen nicht-authentisch und zeigt eher einen Regierungsstil der für Technokraten typisch ist, den er allerdings mit idealistischen Attitüden (Stichwort Europa) aufzupeppen weiß.

Technokratische Politiker kommen allerdings beim Volk schlecht an, weil man nicht weiß, was man von ihnen zu erwarten hat. Die Leute misstrauen diesem Politikstil.

Das Erfolgsrezept ist ganz offensichtlich, diesen Politikstil möglichst verborgen zu halten und wenig wahrnehmbar zu machen.

Aber es gibt noch eine andere grundsätzliche Frage, die zum Erfolg von authentischen Politikern beiträgt. Nicht jeder der authentisch auftritt, ist auch erfolgreich. Politiker müssen die Seele ihres Volkes verkörpern oder wenigstens der Mehrheit des Volkes, um dauerhaft am Ruder zu bleiben.

Hier ist wieder Angela Merkel ein Beispiel, wie eine Politikerin die deutsche Befindlichkeit tatsächlich verkörpert, ohne ein besonderes Profil oder große Authentizität zu vermitteln. Denn die Deutschen sind nicht authentisch.

Merkel hat die zerrissene, deutsche Seele in ihrem Charakter, wie kein zweiter Spitzenpolitiker. Sie ist zögerlich, im Kern hart, in der Sache kompromissbereit, wenn es etwas zu gewinnen gibt und hält sich selbst nur für genießbar, wenn sie eine dicke Schicht moralischer Skrupel und Ideale darüber legt. So sind die Deutschen und so ist das deutsche Erfolgsrezept. Im Kern absolut profitorientiert und perfektionistisch, aber sehr zögerlich und skrupulös, wenn das moralische Abseits droht.

Merkel ist als nicht authentische Politikerin trotzdem die perfekte Verkörperung der deutschen Seele. Deshalb ist sie so alternativlos.

Donald Trump dagegen ist ein extrem authentischer amerikanischer Präsident, der von vielen gehasst wird, aber nach dem amerikanischen Motto, „I am the greatest“, die grundsätzliche Befindlichkeit der Bürger in den Vereinigten Staaten perfekt abbildet.

Trumps Erfolgsrezept ist der typische Amerikanismus, den er authentisch vertritt (America First).

Ähnlich typisch repräsentieren Präsidenten wie Putin und Erdogan ihre Völker. Sie sind nicht besonders smart und auch nicht liberal, aber sie verstehen es, für das authentisch zu stehen, was die Mehrheit der Bevölkerung in Russland und der Türkei fühlt. Ein ausgeprägter Nationalstolz gehört in beiden Ländern dazu.

Stille Technokraten haben gegen solche Führer keine Chance

In Europa hat es keine Technokratenregierung, sei es Monti in Italien oder Ciolos in Rumänien, sei es Hollande in Frankreich oder Medwjedew in Russland über mehr als eine Wahlperiode geschafft. Aus unterschiedlichen Gründen vielleicht, aber der tiefere Grund ist die mangelnde Popularität, der fehlende emotionale Anschluss ans Volk.

Der derzeitig vorherrschende Stil der bürgerlichen Parteien in Europa, Regierung als technokratische Problemlösung aufzufassen, ist somit verfehlt und erweckt falsche Eindrücke und ist somit auch nicht authentisch. Denn Technokraten bauen den Kontinent, überwiegend von Brüssel aus, derzeit ebenso emotionslos wie folgenreich um. Ein modernes Europa, das in diesem Stil errichtet wird, wird auch in Zukunft nicht die positiven Emotionen der Europäer mobilisieren können. Regierungen und Politiker bleiben an ihre Völker gebunden und müssen in dem Maß, in dem Europa zu einem komplexen Gebilde zusammenwächst, dass kaum noch zu überschauen ist, populistische Techniken anwenden, um überhaupt noch gewählt zu werden.

Hat Macron eine Chance auf eine zweite Amtszeit? Wohl kaum, alle Umfragen sprechen gegen ihn. Hat der viel gehasste Donald Trump Aussichten, 2020 als Präsident wiedergewählt zu werden? Eindeutig. Die amerikanischen Democrats versuchen nicht umsonst, den authentischen Politiker mit allen rechtlichen Mitteln aus dem Amt zu drängen. Sie wissen, dass sie keinen erfolgversprechenden Kandidaten gegen Trump aufstellen können. Allen fehlt die Authentizität!