Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

175 Jahre Haft drohen Julian Assange wegen Verschwörung, nach seiner Auslieferung in die USA und dass er ausgeliefert wird, ist so gut wie sicher. Das britische Innenministerium hat bereits zugestimmt, ein geeigneter Richter, der die Sache rechtlich absegnet, dürfte sich finden lassen.

Julian Assange ist aber nicht nur das Opfer der britischen Regierung, der schwedischen Staatsanwaltschaft unter Marianne Ny und der Falken in den USA, die den Whistleblower möglichst öffentlichkeitswirksam in einem Schauprozess für immer unschädlich machen wollen. Assange ist vor allem das Opfer unserer so genannten kritischen Öffentlichkeit, gemeint sind die Medien, die den Wikileaksgründer über Jahre kaputt geschrieben haben.

Als Narzisst, als Egomane und Exzentriker, später nach seiner Flucht in die ecuadorianische Botschaft, als Paranoiker und schließlich als russischer Agent wurde Assange systematisch heruntergeschrieben. Man hat aus einem investigativem Kämpfer für die Wahrheit, der Kriegsverbrechen, Folter und politische Intrigen veröffentlichte, einen Troll gemacht, den keiner ernst nehmen muss und für den sich niemand einzusetzen braucht.

Gerade ehemals linke und linksliberale Medien haben sich an dieser Hetzkampagne gegen den Chef einer Institution der Pressefreiheit beteiligt. Der Makel, der sich dadurch auf unsere Demokratien gelegt hat, dürfte nicht mehr zu tilgen sein. Der Schaden, den tausende von Journalisten angerichtet haben, ist irreparabel!

Assange ist vor allem das Opfer einer medialen Elite, die stark transatlantisch orientiert ist und in der von oben nach unten durchzensiert wird. Chefredakteure und Herausgeber (die Liste wäre lang) mischen in Europa fast durchgehend in transatlantischen Netzwerken mit und sind damit den USA ebenso verpflichtet, wie Geheimdienste und Regierungen in der EU.

Bei der derzeitigen Stimmung, die sich auch gegen unsere medialen Eliten richtet, fragt man sich, ob sich deren Nibelungentreue gegenüber den USA wirklich lohnt?

Tatsächlich kommt nirgendwo in Westeuropa ein bedeutender Politiker, Wirtschaftslenker oder Chefredakteur dauerhaft nach oben, wenn er den Kotau gegenüber Washington verweigert hat.

Dabei ist die enge Bindung an die USA tatsächlich ein reines Elitenphänomen.

Wenn man beispielsweise die deutsche Bevölkerung befragen würde, wie viele Amerikaner man persönlich kenne, würden die Antworten gegen Null tendieren. Wenn man die Leute aber fragt, wie viele Russen sie zu ihrem Bekanntenkreis zählen, wären das sehr wahrscheinlich deutlich mehr. In den Spitzenämtern unserer Republik kehrt sich dieses Verhältnis allerdings um.

Der Fall von Assange ist offensichtlich und die USA sind offen gelegt, ihre transatlantischen Hilfstruppen ebenfalls. Hier wurde ein Mann zerstört, auf den nun lebenslängliche Haft wartet, weil er rücksichtslos die Wahrheit veröffentlicht hat, nicht in China, nicht in Russland, der Türkei oder dem Iran, nein, in Europa.

Wie im Mittelalter wurde Julian Assange in den letzten Jahren, auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, vom öffentlichen Pöbel (gemeint sind unsere Medien) bespuckt, beschimpft und geschlagen, damit wirklich klar ist, dass hier ein ganz Böser hingerichtet wird, der es verdiene.

Allein ist davon kein Wort wahr. Es ist die Propaganda einer transatlantischen Elite, die gern noch Karriere machen möchte oder ihre Position an der Spitze zu halten gedenkt. Dafür braucht man eben Washington.

Das vereinzelt geäußerte Entsetzen von Journalisten über diese Art, einen Boten des Schlimmsten hinzurichten, Assange sprach einmal von „character assasination“ (Persönlichkeitsmord), kommt zu spät. Alle, die etwas zu sagen haben, haben sich schuldig gemacht und keiner von denen wird einen Rückzieher machen.

Julian Assange ist verloren und damit die Pressefreiheit. Beides wurde in den letzten Jahren der Lügen und Diskreditierungen tausenden von Karrieren geopfert, die sonst hätten Schaden nehmen können.

Das Problem ist nur, dass das System unserer Eliten kein geschlossenes System ist, es ist nicht unangreifbar und Assange ist nicht der einzige Fall von Lügen und Manipulationen zugunsten einer zerfallenden Supermacht, die immer noch in der Lage ist, zu bestimmen, wer bei uns in Europa nach oben kommt und wer nicht, die uns immer noch kulturell die Richtung vorgibt, auch wenn die Richtung einen moralischen Zerfall bedeutet, der seinesgleichen sucht.

Unsere Eliten, egal ob medial, wirtschaftlich, wissenschaftlich oder politisch, werden sich ihre Legitimation immer schwerer durch Washington beschaffen können, durch ihre Nähe zur transatlantischen Partnerschaft und immer häufiger danach beurteilt werden, was sie für die Demokratie unserer Länder in Europa leisten. Die Tendenz westliche Schlagworte zu entlarven, die scheinbare Freiheit, die Transparenz, den Wohlstand und die Gerechtigkeit, die Gleichbehandlung und schließlich die Demokratie selbst, nimmt in den europäischen Bevölkerungen erheblich zu.

Diese werden desto renitenter, je glatter und geschmeidiger unsere Spitzenkräfte ihre Karriere verfolgen. Genau das ist die eigentlich Wurzel des politischen Umbruches, den wir gerade erleben. Es gibt für diese Leute eigentlich nur die Chance, sich als radikale Vertreter von Partialinteressen zu profilieren, weil die Bevölkerung als Ganzes ihnen längst ablehnend gegenüber steht. Man hofft also auf die weitere Zersplitterung unserer Gesellschaften, um an der Macht bleiben zu können.

Das ist zwar ein Prozess der in Europa stattfindet, aber als Antithese dieser Hoffnung auf Machterhalt, bekommt der Populismus, der größere Bevölkerungsgruppen erreicht, immer mehr Macht. Das Konzept unserer transatlantischen Eliten dürfte also brüchiger werden.

Das ist gut so.

Denn ihre Glaubwürdigkeit haben diese Leute nicht nur im Fall des politischen Gefangenen, Julian Assange, verloren. Da gibt es viele andere Punkte, vor allem, nachdem die Frage der sozialen Gerechtigkeit in unseren Ländern von eben diesen, oft ehemals linken, Eliten drangegeben wurde.

Julian Assange mag als Mensch verloren sein, aber als historische Persönlichkeit dürfte er auch nach seinem politischen Schauprozess in den USA, viele Menschen motivieren, gegen unsere smarten Diktaturen zu kämpfen.