Botschaft equador

Die Botschaft Ecuadors in London aus der Vogelperspektive (Google Maps), gegenüber das Kaufhaus Harrods mit Hubschrauberlandeplatz

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die totale Überwachung, die Julian Assange 2012 in seinem Buch „Cyberpunks“ ankündigte, ist zumindest für eine Person absolut real geworden. Für den Wikileaks-Gründer selbst.

Nicht einmal so tendenziöse Nachrichtensendungen wie die Tagesschau und die Tagesthemen, die immer darauf achten, dass über Assange nicht positiv berichtet wird, können die Behauptung halten, dass es sich bei ihm um einen gewöhnlichen Sexualstraftäter handelt, der sich gewissermaßen widerrechtlich in das ecuadorianische Asyl begeben hat.

In fast allen seriösen Medien wird für die schwierige Situation des „Chefs eines feindlichen Geheimdienstes“, wie es in Amerika gesehen wird, eingeräumt, dass Assange von der Auslieferung in die USA bedroht ist. Dies auch dann, wenn offiziell in Washington keine Anklage gegen ihn vorbereitet wurde.

Im Januar schrieb James Ball im Guardian, dass das einzige Hindernis für den Wikileaks-Chef, die Botschaft zu verlassen, sein Stolz ist. Ball führt aus, dass niemand mehr ein wirkliches Interesse an ihm habe und eine Verhaftung, gar Auslieferung in die USA, sehr unwahrscheinlich sei.

Die Frage, ob das stimmt, braucht man sich eigentlich nicht zu stellen.

Assange ist in seiner Botschaft von Geheimdiensten geradezu umzingelt. Das Interesse an ihm ist riesig. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zum Interesse, seiner Person habhaft zu werden.

Wer überwacht Assange?

Natürlich der ecuadorianische Geheimdienst selbst. Die Operation „Gast“ und später die Operation „Hotel“, welche Assange vor ausländischen Geheimdiensten, Entführungen und Attentaten schützen sollten, sind inzwischen zu einem teuren Selbstläufer geworden, in den auch ein private Sicherheitsfirma involviert ist. Aber eben diese Überwachung durch Ecuador führte auch zur Entdeckung von Spy-Ware in Assanges Zimmer, die vermutlich von Botschaftsangestellten in sein Bücherregal geschmuggelt wurde. Das war 2013 und man ging (nach der „Novichok-Logik“, dass das, was in einem Land entwickelt wurde, bei seiner Anwendung auch aus diesem Land kommen müsse) davon aus, dass es sich um eine Aktion des US-Geheimdienstes handelte, wobei sowohl CIA, als auch NSA in Frage kommen. Zugegeben hat es bisher keiner der beiden Clubs.

Ein ganz anderer Club, der britische MI6 zeigt dagegen erhebliches Interesse an Assange und vor allen daran, ihn in England festzusetzen.

Als Assange Ende letzten Jahres durch seine Anwälte den Antrag stellte, dass der englische Haftbefehl gegen ihn aufgehoben wird, bekam der Wikileaks-Gründer exakt die richtige Richterin, die sein Anliegen abschmetterte. Emma Arbuthnot, langjährig verheiratet mit James Arbuthnot, ehemaliger Verteidigungsminister und Safety and Defense-Experte, der einer entsprechenden Beratungsfirma angehörte, die sich S.C.Strategy nennt. Diese wird vom ehemaligen MI6-Chef, Sir John Scarlett, geleitet und berät international über Sicherheitsfragen, Cyber-Terrorismus und Spionageabwehr.

Ein bekannter Kunde der Firma, für die Arbuthnot, nach eigenen Angaben, seit Ende 2017 nicht mehr arbeitet, dort aber immer noch Einkünfte erzielt, ist der staatliche Quatar Wealth Fund. Die Leistungen für den Fond, dem unter anderem massive Terrorismusunterstützung vorgeworfen wird, gerade auch islamistischer Terroristen, einschließlich des Islamischen Staates, sind nicht beschrieben.  Vorwürfe, die ganz massiv durch Veröffentlichungen von Wikileaks aus dem Jahr 2010 gestützt wurden. Vermutlich aber ging es um militärische Logistik. Denn Babcock International, der über S.C. Strategy mit Arbuthnot abrechnete, ist ein militärischer Logistikdienstleister. Möglich ist aber auch, dass sich die Zusammenarbeit auch auf die Beseitigung des gemeinsamen Feindes Wikileaks, also Julian Assanges, erstreckt hat.

Ganz nebenbei ist zu bemerken, dass „Quatar Wealth Authority“ 2014 Harrods gekauft hat. Das Londoner Kaufhaus befindet sich wo? Direkt gegenüber der ecuadorianischen Botschaft mit Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach und Blick auf Julian Assange.

Sieht ganz so aus, als ob die private-public-partnership im Geheimdienstbereich im Falle von Julian Assange so richtig floriert. Weder MI6 noch CIA oder NSA wollen sich bei der Sache die Finger schmutzig machen, aber alles spricht dafür, dass eine ganze Menge „Privates“ an ihm dran sind.

Ein weiterer Kunde von S.C. Strategy war übrigens General Hayden, ehemaliger CIA und NSA Director, jetzt ebenfalls mit Beratungsunternehmen im Secret-, Security- und Defense-Bereich

Zurück zu Emma Arbuthnot, die stellvertretende Chefin des District Courts 6 ist und Magistratsrichterin. Warum ausgerechnet Frau Arbuthnot für Assanges Antrag zuständig wurde, weiß niemand. Aber man kann problemlos recherchieren, dass sie als Spezialistin für Auslieferungen gilt und in diesem Zusammenhang einem Komitee angehört, das das „House of Lords“ (britisches Oberhaus) berät. Entsprechende Transskripte liegen vor.

Nun kann man das ja alles für einen Wahnsinns-Zufall halten und über mögliche Verschwörungstheorien, die sich hier andeuten, die Nase rümpfen.

Bitte, gerne!

Die Vernetzung von ein paar MI6-, CIA- und NSA-Rentnern beweist überhaupt nichts und warum soll die Richterin, die Assange in Großbritannien festhält, keine Familienbande mit einer zentralen Figur dieser Dienste haben, die Interesse an der Festsetzung von Assange haben müssen? Schließlich, was hat der Großkunde dieser Leute aus Quatar schon mit Harrods zu tun, außer dass er Eigentümer wurde und was hat Harrods schon mit Julian Assange zu tun, außer, dass es direkt gegenüber seines Incils liegt und über einen Hubschrauberlandeplatz verfügt?

Warum hat der ecuadorianischer Geheimdienst dieses aufwändige Überwachungssystem über Jahre betrieben? Um sich vor Assange zu schützen, oder um Assange vor einer Entführung zu schützen.

Auch in diesem Falle behauptet die Tagesschau mal wieder, dass Ecuador sich vor Assange schützen wollte, der Spiegel dagegen ist so ehrlich, die Operation Guest und Hotel als das zu beschreiben was sie ist. Eine Schutzmaßnahme vor Attentaten und Entführungsversuchen fremder Geheimdienste.

Wie hier gezeigt wurde, können ja sogar die Quataris ein erhebliches Interesse daran haben, sich bei Assange zu revanchieren oder ihn gar zu beseitigen. Immerhin hat Wikileaks die Quataris in erhebliche Nöte gebracht und die Sunday Times hat eine riesige Kampagne gegen Harrods gefahren, um auf den Fond und seine Terrorismusfinanzierung aufmerksam zu machen.

Wenn ich Assange wäre, würde ich nicht einfach so auf die Straße gehen und auch nicht so oft ans Fenster. Die Gefahr der Auslieferung an die USA ist das eine Problem, Kidnapping und Attentate das Andere. Es sieht ganz so aus, als ob da draußen eine ganze Menge Leute auf ihn warten.