Erdogan-Umfrage

Screenshot. Umfrage bei Spiegel-Online Lesern Stand 22.7.2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die aktuell einbrechenden Toruismuszahlen, insbesondere bei deutschen Touristen, die weniger in die Türkei fahren, haben mit den Rückschritten der türkischen Demokratie wenig zu tun. Den Touristen geht es vor allem um Ruhe und Ordnung.

Es ist warm, es ist Urlaubszeit, aber nur 5,8% der Teilnehmer eine Umfrage von Spiegel online, ist der Meinung, dass man aktuell in die Türkei fahren kann. 81,6% meinen, dass man das auf keinen Fall tun könne und 11% meinen, man sollte eher nicht fahren.

Die Buchungen von Türkeiurlauben sind allerdings nur um die Hälfte gegenüber Anfang 2016 eingebrochen. Viele Leute fliegen also noch in die Türkei und die Veranstalter werben mit absoluten Dumpingpreisen für türkische Urlaubsparadiese.  Insgesamt sind auch nach türkischer Statistik die Einnahmen aus dem Tourismus um 30% eingebrochen.

Türkeitourismus findet aber international gesehen weiterhin statt. Die Ankunftszahlen auf dem Flughafen in Istanbul zeigen zwar eine deutliche Reduzierung der Besucher, aber von einem katastrophalen Einbruch kann hier nicht die Rede sein.

Tourismuszahlen Türkei

Ankunftszahlen von Fluggästen auf dem Flughafen Istanbul 4/2015 bis 4/2017 Quelle: Statistika (Screenshot)

Übrigens fliegen viele Russen wegen des geringen Preisniveaus und des vergleichsweise guten Service in die Türkei und kompensieren das Ausbleiben westeuropäischer Touristen teilweise.

Die Frage ist auch, ob ein wirtschaftlicher Einbruch in der Tourismusbranche tatsächlich eine Art von wirksamer Sanktion gegen das “System-Erdogan” sein kann. Viel eher zeigt das Beispiel von Nordkorea, dass Diktaturen je isolierter sie sind, umso radikaler werden. Wir sollten uns also nicht wünschen, dass die Türkei international isoliert wird. Denn im eigenen Land hat Erdogan die Zügel fest in der Hand. Je weniger Türken von internationalen Kontakten profitieren, desto weniger Mut und Unterstützung für die Gegner Erdogans.

Die Vorteile einer internationalen Isolierung der Türkei sind also äußerst fragwürdig, genauso fragwürdig, wie im Falle Russlands.

Ob nun deutsche Touristen mit den Füßen gegen die Diktatur in der Türkei abstimmen, ist ebenfalls sehr fraglich. Viel eher spielt die medial überspitzte Sicherheitslage im Land eine Rolle.

Deutsche Touristen hatten noch nie ein echtes Problem mit wohlgeordneten Diktaturen.  Thailand, einer der beliebtesten Reiseziele für Deutsche, ist eine Militärdiktatur. Viele Thailandtouristen nehmen das nicht einmal wahr und halten das Land für eine Demokratie.

Ähnlich siehst es aus mit Ägypten (bis 2011 durch Mubarak mit Notstandsgesetzen autoritär geführt) und Tunesien, das spätestens seit 2009 autoritär geführt wurde und wo die Touristenzahlen erst mit der Revolution 2010/11 einbrachen. Die Sicherheitslage war jeweils entscheidend und nicht der Stand der Demokratieentwicklung.

Zusammenfassend sind Touristen für Ruhe und Ordnung, egal unter welchen Bedingungen, ob autoritäres Regime, Militärdiktatur oder Demokratie. Wenn die Türkei zur Ruhe kommt, was tatsächlich im Rahmen einer Konsolidierung der Diktatur Erdogans passieren kann, werden die Touristenzahlen wieder deutlich steigen, auch aus Deutschland.

Dann heißt es wieder:

Auf in die Türkei!