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Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Willkommen auf Lanzarote! Es ist nicht mein Urlaub, „Mutti“ hat ihn sich gewünscht und ich konnte schlecht „nein“ sagen, obwohl ich Pauschalreisen immer vermieden habe.

Schlange stehen am Empfang, als Teil einer Busladung irgendwo ausgespuckt zu werden, zusammen mit anderen Erholungssüchtigen, dann mit einem Armband gekennzeichnet zu werden, auf dem Dein Hotel steht, mit einer Flasche Mineralwasser wirst Du auf Dein Zimmer geschickt. Bitte, werde glücklich!

Das gibt es überall auf der Welt. Aber hier auf Lanzarote findet sich ein Höhepunkt des perfekten Massentourismus. Hier auf Lanzarote hängt kein Blatt schief am Baum. Alle Häuser sind weiß gestrichen. Ich meine dieses perfekte Weiß, wo Du verzweifelt nach Flecken suchst und keine findest. Der schwarze Lavagrund in den Hotelanlagen ist fein säuberlich mit subtropischen Gewächsen bestückt und dazwischen siehst Du die Linie der Harke, nicht nur ein bisschen angedeutet, sondern als perfektes Muster.

Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass die Lanzaroter es so wollen. Gegenüber dem Ressort-Hotel finden sich Kleingarten-Kolonien mit schneeweißen Lauben, die genauso perfekt wirken. Ein eigentümlicher Kontrast zum ursprünglichen, kargen, wilden und rauen Charakter der Insel. Wenig später merke ich, dass es sich um vermietete Ferienbungalows handeln muss, weil dort Zimmermädchen wie Ameisen umherlaufen.

Während ich das schreibe, bin ich abgelenkt. Ein Zimmermädchen wäscht den Balkon nebenan. Sie ist das Kontrastprogramm zu den meisten Gästen hier. Sie wirkt jung, muskulös und geschmeidig, während sie über den Balkon wirbelt – eine Vorführung fast. Ich entriegele meine Zimmertür und hoffe, dass sie meinen Balkon auch putzt, obwohl er ganz sauber ist, wie alles hier. Sie kommt aber nicht.

Die Gäste sind international gemischt, sehen aber sehr ähnlich aus. Alter gleicht an, obwohl es doch eigentlich umgekehrt sein sollte, dass Alter die Individualität herausstellt oder zumindest etwas betont. Das ist eindeutig nicht der Fall. Die Menschen, bei denen das so ist, sind Ausnahmen, die in den Medien hochgejubelt werden. Alter ist so uniform und gleichgeschaltet, wie keine andere Lebensphase, das Säuglingsdasein vielleicht ausgenommen.

Beide Phasen sind ziemlich passiv. Man kümmert sich hier selbst um nichts, geht gelegentlich an den Pool, was man hier schon noch allein können muss. Alles andere wird einem, wenn auch in Massen und für Massen, serviert. In perfekter Vielfalt, an riesigen Buffets, in den Restaurants, die eher wie Speisesäle wirken.

Anschließend sitzt man auf der Terrasse mit Blick auf die Poollandschaft, nimmt seinen Drink und schwätzt in kleinen, meist gleichsprachigen Gruppen, Deutsch, Englisch, Schwedisch, bei garantiert nicht aufregender Live-Musik, eine Gruppe, die Songs aus unserer Jugend vorträgt. Die Gasfackeln auf der Terrasse spenden Wärme.

Abwechslung durch die Rollstuhlfahrer. Die elektrischen Rollstühle haben tatsächlich den gleichen, piepsenden Warnton, wie die LKWs in Deutschland, wenn sie rückwärtsfahren. Tatsächlich ein sehenswertes Spektakel, wie die Rollstuhlfahrer rückwärts an den Terrassen-Tischen einparken. Durch den Warnton haben sie die volle Aufmerksamkeit der anderen Touristen.

Der Zimmerservice ist erschreckend perfekt. Fast wirkte es so, als hätten die Mädchen darauf gelauert, dass ich zum Swimmingpool gehe, um dann die Lücke zu nutzen, meinen Raum exakt zu ordnen und zu säubern. Sogar meine persönliche Wäsche wurde feinsäuberlich zusammengelegt. Die Japaner nennen das Begeisterungsfaktor beim Service, der einen wichtigen Vorteil gegenüber der Konkurrenz bringt. Ich war so baff, dass ich dem Mädchen hinterher lief und ihr einen Schein in die Hand drückte. Sie lächelte bescheiden: „Nada“.

Gibt es also den perfekten Urlaub? Ja, es gibt ihn, auf Lanzarote.

Seltsam berührt allerdings der Kontrast zwischen Gästen und Ambiente sowie Personal. „Fin de Siecle“ denke ich manchmal. Der hässliche, übergewichtige und alte Bourgeois lässt sich bedienen. Allerdings nicht formvollendet, kolonial, sondern lässig, in schief hängenden Badeshorts, über die der Bauch quillt. Der Bodymass-Index ist  hier hoch, sehr hoch, das Durchschnittsalter dürfte bei etwa 70 Jahren liegen, auch wenn man die Kinder mit einrechnet, die es hier auch gibt.

All inclusive verführt zum Futtern, denke ich, wohl wissend, dass die Leute schon dick hierhergekommen sind. Sei es drum. Die Sehnsüchte in den Gesichtern sind dieselben, wie bei den jungen Schlanken. Man sieht es vor allem abends auf der Terrasse, wenn Rentner sich verstohlen nach charmanten Kontakten umschauen. Es hört eben nie auf.

Am Nachbartisch sitzt eine Schwedin mit ihrer Mutter. Sie schaut kurz zu uns herüber und spricht mich an. „Viele Leute hier, nicht?“ Wir bestätigen ihren Eindruck mit einem gedehnten „Jaa, das stimmt“ fast unisono. Sie ist groß, blond und verfügt über eine walkürenhafte Körperfülle, wie viele Frauen hier. Ich betrachte ihr Gesicht, während wir im üblichen Small-Talk über das Hotel reden, dass sie etwas zu lieblos findet. Sie ist, was man hier öfter sieht, nicht nur körperlich aus der Form geraten, sondern auch unsauber geschminkt. Der Lippenstift formt jedenfalls einen Mund, den meine schwedische Nachbarin erkennbar nicht hat, die Lidschatten sind asymmetrisch angelegt. Ihr Anblick erinnert an moderne Malerei, eine Künstlerin? Ihre Mutter sitzt stumm und etwas abweisend ihr gegenüber, sie spricht kein Deutsch, wir sprechen kaum Schwedisch. So ist das Gespräch schnell vorbei. Ich hätte ihr gern zugezwinkert und sie gefragt, wie wir uns denn so fühlen, als sechzigjährige Kinder, die mit ihren Müttern unterwegs sind? Aber für so eine Äußerung wäre ein längerer Kontakt erforderlich gewesen und Mutti drängt zum Aufbruch.

Sie ist etwas krank, hat es mit dem Magen. Ich glaube aber, sie kämpft mit depressiven Gedanken und Stimmungen. Gut, dass wir zwei Zimmer gebucht haben, nebeneinander natürlich.

Heute ist Wind. Die Hauptpalme mitten in der Poollandschaft führt einen aberwitzigen Tanz vor, der durchaus Unterhaltungswert hat. Sie beugt sich tief zum Wasser und schnellt dann nach oben, wobei sie ihren Palmenwedel wie verrückt hin und her schüttelt. Eine Art afrikanischer Tanz, denke ich. Mich packt die Unternehmungslust und ich verlasse die Hotellandschaft, um die Insel zu erkunden. Es ist später Vormittag.

Ein paar Meter die Strandpromenade entlang, der Wind zerrt an mir und scheint mich in das Hotel zurücktreiben zu wollen. „No paseran!!“ scheint er zu pfeifen, hier geht es nicht weiter! Aber es geht weiter. Schwarze Lavabrocken markieren die Strandpromenade und dem ewigen Schwarz der Insel haben die Bewohner ein ewiges Weiß entgegengesetzt. Inzwischen dominiert dieses selbsterschaffendes Weiß und vom vulkanischen Ursprung der Insel wird überall abgelenkt. Angenehmer Nebeneffekt ist die Helligkeit, die durch das Weiß von Haus zu Haus, von Ort zu Ort transportiert wird und sich, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, über die gesamte Insel wölbt.

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Das Meer schlägt rau dagegen und es soll immer wieder Fluten geben, bei denen es die Häuser und Hotels erreicht. Dokumentiert wird das durch den Stil der größeren Hotelanlagen, deren Mauern teilweise wie mächtige Wellenbrecher aussehen. An der Strandlinie finden sich Türme aus schwarzen porösen Lawasteinen, die so massiv gebaut sind, dass sie sicher einer plötzlichen Flut standhalten. Man hatte hier in Puerto del Carmen auch schon Tsunamis, Erbeben sind hier nicht unbekannt.

Das Hinterland erkunden wir zunächst mit dem Bus. Die Infrastruktur ist beeindruckend. Auch das kleinste Dörfchen ist mit einer perfekten Straße angeschlossen. Niemand muss hier auf seiner Finca sitzen bleiben, alle Straßen führen zur kleinen Hauptstadt, Arecife.

Viele sind hier mit sehr gut erhaltenen, japanischen Geländewagen unterwegs, die locker ihre dreißig Jahre auf dem Buckel haben, aber im besten Lack glänzen. In einer Werkstatt in Arecife, einer Art Garage mit Ausfahrten zu beiden anliegenden Straßen, frage ich nach dem Geheimnis dieser perfekten Oldtimer. „No rust,“ antwortet der Meister in recht gutem English und weist damit auf die trockene Landschaft draußen, die selbst im Winter nicht viel Regen bekommt.

Regenwasser und somit auch Trinkwasser sind knapp auf der Insel. Das stark gechlorte Wasser aus der Leitung sollte man nicht trinken. Das wird uns auch im Hotel klar gesagt. Wir bekommen gratis Mineralwasser an der Rezeption.

Mutti ist gefrustet. Ihr gefällt Arecife nicht und sie muss dringend pinkeln. Da der gesamte Innenstadtbereich für den Verkehr nur eingeschränkt frei gegeben ist, spukt uns der Bus an der schönen, palmenbestandenen Tangente der Stadt aus. Den Weg durch die Innenstadt müssen wir uns dann selbst bahnen. Schließlich rennt sie verzweifelt in einen Matrazenladen, weil im Straßengewirr keine Cafés auftauchen und bittet um ein Klo. Man hilft bereitwillig. Muttis Laune wird aber danach auch nicht besser. Sie tippelt unlustig hinter mir her und ihre Schritte sehen immer mehr nach einem psychogenen Parkinson aus.

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Der Tiefpunkt ist schon erreicht, als sich plötzlich die Uferpromenade von Arecife vor uns auftut. Nur wenige Meter hatten uns von der verwinkelten Einwohnerödnis zum Touristenparadies gefehlt. Hier gibt es alles. Cafés, Souvenirläden, Schmuck und Mode und eine grandiose Hafenkulisse mit vorgelagerter Festung auf der einen Seite und einem riesigen Kreuzfahrer, der in dem Tiefwasserhafen auf der anderen Seite liegt. Die kleine Festung befindet sich auf einer vorgelagerten Insel, die durch zwei alte Steinbrücken mit der Promenade verbunden ist. Auf der Insel neben der Festung, kleine Sandstrände mit hellem Sand. Einige Leute baden dort, junge Paare liegen in der Sonne und die Romantik wird durch ein lagunenhaftes Wasser im Festungsbereich noch gesteigert.

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Der Rückweg war wieder durch Muttis mädchenhafte Launen (sie ist erst achtzig) gekennzeichnet. Insbesondere fand sie es total daneben, dass wir zwei Buslinien brauchten, um von der Uferpromenade in Arecife über die Biblioteca Publica, wo wir umsteigen mussten, nach Puerto del Carmen zu kommen, wo sich unser Hotel befindet. Man mache sich das mal klar: Zwei verschiedene Buslinien!

Der nächste Tag ist zum Ausruhen. Ich vermisse am späten Vormittag mein Hungergefühl. Am Swimming-Pool liegend, frage ich mich, ob es den anderen Gästen auch so geht? Ich werde unzufrieden dabei, wenn mein Bauch immer nur satt ist. Die andern vielleicht auch? Im Fitnessraum gibt es zumindest ein paar Gäste, die das Bedürfnis haben, ihre Kalorien wieder zu verbrauchen, aber meist ist der leer und man ist allein dort.

Später zurück mache ich eine neue Erfahrung mit dem Begeisterungsfaktor. Das heutige Zimmermädchen hat die Tagesdecke auf meinem Bett wie eine Blume drapiert, eine Blüte, besser gesagt. Mutti kennt sowas schon, aber ich habe das noch nie erlebt. Sie meint, es handele sich um eine unmissverständliche Aufforderung, Trinkgeld zu geben. Ich bin mir nicht sicher, denn wir haben jeden Tag ein anderes Zimmermädchen, wie soll man da solche Zeichen beachten? Ich halte es einfach nur für eine kreative Tat, ein kleines Geschenk der Schönheit, über das ich mich freuen kann.

Am nächsten Tag reizt mich wieder die Insel. Ein Motorroller ist schnell besorgt. Es gibt ihn im Café Berlin, wo tatsächlich über WLan den ganzen Tag RBB-Radio läuft. Na, danke! Ich stelle fest, dass ich auf der ganzen Insel noch keinen einzigen Ton spanische Musik gehört habe. Was ist schlecht daran, spanische Musik zu spielen. In den Cafés, am Abend auf der Terrasse, in der Diskothek, die es hier auch gibt, hört man keinen Ton davon.

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Die junge Dame vom Café ist auch für die Motorroller zuständig und gibt mir eine 125er für 32 Euro am Tag. Mit der kleinen, roten Honda geht es dann über die Insel.

Zuerst fahre ich ein bisschen die Strandpromenade entlang, die touristisch überfüllt ist, trotz des kühlen Windes, mit  Halbnackten. Nach kurzer Zeit reicht es mir und ich fahre ins Hinterland, was sich einfach gestaltet, da man auch ohne Karte, einfach nur darauf achten muss, aufwärts zu fahren. Der Roller tut das tadellos und kräftig. Später begeistere ich mich gegenüber der Kleinen so sehr über den Roller, dass sie mir beschwichtigend an den Arm fasst. Halb gerührt und halb beunruhigt, dass sich jemand in meinem Alter so kindlich über einen Motorroller freut.

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Die Tour hat es in sich. Tias und St. Bartolomé, kleine Orte in den Bergen von denen Wanderwege in alle Richtungen gehen. Auch ein bekannter Treckingpfad über die Insel, führt hier entlang. Die Häuser alle Weiß, sauber gestrichen, was langsam irritiert. Ein Dorfplatz mit schönen einfachen Cafés und Selbstbedingung. Hier sind keine Touristen oder nur sehr wenige. Man grüßt sich auf der Straße, wie ich es aus meiner Kindheit auf dem Dorfe kenne.

Die Frauen hier lächeln ständig, schauen aber sofort irritiert, wenn man zu lange zurücklächelt. Das fällt überall auf. Die Blicke sind sehr kurz bemessen, wenn auch überaus freundlich. Ein zu langer Blick wird sofort abgewehrt. Aber das stört nicht einmal, weil es wie ein Reflex wirkt. So kann jeder nett zu jedem sein, auch wenn man den anderen nicht so interessant findet oder nicht besonders mag.

Der Espresso kostet 80 Cent. Ich genieße ihn besonders und fahre dann weiter den Berg hinauf. So langsam kommt mein Hungergefühl wieder, was ich als Emanzipation vom Hoteldasein empfinde. Nur mein rotes RIU-Armband erinnert noch daran, dass ich ein „Pauschaler“ bin, ansonsten fühle ich mich frei. Das erste Mal in diesem Urlaub.

Es gibt zwei Möglichkeiten in die Berge zu kommen. Entweder fährt man durch kleine Ortschaften bergauf und wartet dabei geduldig, bis das Ende der Straße kommt. Dann geht es auf Schotterwegen weiter aufwärts, die gut beschildert sind. So ist es in Tias. Diese Variante wähle ich zuerst und gehe neben schwarzen Feldern, die durch Steinmauern quadratisch begrenzt sind, auf denen aber im Augenblick nichts wächst, bergauf.

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Die andere Möglichkeit ist, dass man Passstraßen ansteuert, die meist ziemlich gerade nach oben verlaufen und auf ihrem Scheitelpunkt ebenfalls gut Möglichkeiten für eine kleine Bergwanderung eröffnen. So auf der Verbindungsstraße zwischen Tias und St. Bartolomé. Diese Möglichkeit wähle ich danach und komme nach kurzem Fußweg schließlich auf dem Gipfel eines Sechshunderters an, der einen Blick über die Hauptstadt, den Flughafen und die gesamte südöstliche Küstenregion eröffnet. Sehr starker Wind, aber bei klarem Himmel ein wunderbarer Ausblick auf die karge Insel mit den vielen weißen Häusern. Kleine Blüten säumen den Weg und es gibt Stellen, wo man aufpassen muss, dass einem der Boden nicht unter den Füßen wegrutscht. Man bleibt besser auf den Schotterwegen.

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Lanzarote ist eine Insel der kurzen Wege. Von oben in den Bergen, bis hinunter zur Hauptstadt benötige ich eine viertel Stunde mit der Honda, die glückselig den Berg hinunter schnurrt. Begleitet von einer kargen Landschaft, neugierig beäugt von eine paar Maultieren, die an die Straße kommen, während ich eine Pause mit Zigarette mache, kehre ich nach Aricife zurück. Vor mir donnern die Passagierflugzeuge, während sie mit Schubumkehr auf der begrenzten Landebahn des Aeropuerto bremsen. Über mir üben Kampfjets den Tiefflug und ich erwische mich dabei, wie ich einmal den Kopf einziehe, obwohl das Kampfflugzeug sicher ein paar hundert Meter über mir die Straße kreuzt.

In Arecife wieder dieses Straßengewirr, dass ich auch mit dem Roller nur so bewältigen kann, dass ich auf der Pracht-Tangente der Stadt bis zum Hafen fahre und das Maschinchen dort abstelle. Ein einfaches Restaurant lädt zum Essen ein. Ich probiere Ensalada, was dort ein kleiner Kuchen aus Kartoffelsalat und Ei mit Majonaise bedeutet, der tatsächlich schmeckt und sehr gut satt macht. Ein Wasser und ein Espresso dazu für 4,30 Euro, was sicher nicht zu viel ist.

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Auf der Straße fällt mir auf, dass die Spanierinnen feminin und modisch gekleidet sind und sich dadurch sehr wohltuend von den Touristinnen aus Skandinavien, England und Deutschland abheben. Was die wohl über uns denken, frage ich mich, während ich eine gewöhnlich Straße ohne Rummel entlanglaufe, die vom Hafen in die Oberstadt führt.

An den alten Häusern, sofern sie noch nicht modernisiert sind, fallen die Elektrizitätsleitungen auf, die gut sichtbar oberhalb der Fenster des ersten Stocks entlanglaufen. Dadurch entfallen in den älteren Vierteln die Strommasten, die in den neueren Vierteln ohnehin nicht mehr zu finden sind.

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Das wirklich alte Arecife sucht man eigentlich vergeblich. Dafür gibt es große Abrissgrundstücke, auf denen neu gebaut werden soll. Die Aquarelle im Hotel, die auf das ursprüngliche Arecife verweisen, sucht man in der Realität ohne Erfolg. Für Romantiker ist das eher kein guter Urlaubsort. Vielleicht gibt es ja im Süden oder im Nordwesten der Insel noch diese alten Fischerorte?

Ich weiß es nicht. Ich fühle mich auch nicht verpflichtet, dass herauszufinden. Wie gesagt, nicht mein Urlaub, sondern der von Mutti.

Sonntag auf Lanzarote – Domingo.

Ich habe ziemlich wild geträumt. Gestern Abend vor dem Schlafengehen war der Atlantik immer lauter geworden. Die Flut schien bis an die Promenade vor dem Hotel zu schlagen. Vielleicht deshalb so unruhige Träume gehabt. Heute Morgen bin ich ziemlich müde aufgewacht. Aber nun spielt das Licht sonntäglich an meinen Zimmerwänden und erzeugt eine ruhige Atmosphäre. Dazu das Gurren der Tauben. Ein perfekter Sonntag. Ich hätte Lust, mir ein weißes Hemd anzuziehen und mich auf einen Dorfplatz zu setzen, dem sonntäglichen Treiben dort zuzuschauen. Wie die Leute aus der Kirche kommen und ein Schwätzchen halten. Bei einer Tasse spanischen Kaffees wäre das sicherlich sehr beschaulich und sonntäglich. Aber der nächste Dorfplatz ist weit. Besser ich betrachte den Swimmingpool als Dorfplatz, wo im Augenblick allerdings noch wenig los ist. Sonntag eben.

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Ein kleines Schwätzchen mit Mutti, von Balkon zu Balkon, und ich werfe mich wieder auf mein breites und äußerst komfortables Bett.

Gestern habe ich den Trekking-Pfad von Puerto del Carmen nach Tias ausprobiert, der über Schotterstraßen durch die karge steinige Landschaft führt. Ich hatte ein Fun-Bike dabei, mit extrem breiten Reifen, das man an der Promenade ausleihen kann. Bergauf war es sehr viel Tretarbeit, aber die Gangschaltung war gut abgestimmt und die Reifen des leichten Bikes schluckten die meisten Steine und Schlaglöcher klaglos, so dass die Fahrt ganz vergnüglich wurde.

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Natürlich war das in den späten Nachmittagsstunden, weil es gegen Mittag viel zu heiß war, für so eine Exkursion. Zwei Stunden bergauf und eine halbe Stunde bergrunter, teilweise in Schussfahrt. Eine runde Sache. Dazwischen kleine Pausen, in denen ich immer wieder ungläubig diese karge Steinwüste bewunderte, zwischen den Steinen nach mediterranen Pflanzen Ausschau hielt und nach Eidechsen, die hier auf der Insel zahlreich sein sollen. Ich bekam keine einzige zu Gesicht. Der Trekkingpfad war übrigens kaum benutzt. Ab und zu mal ein Geländewagen, sonst nichts. Vermutlich ist das Frühjahr hier Saison, wenn in Folge der Regenfälle die Flora anfängt zu blühen. Kleine Blümchen findet man jetzt allerdings schon im Februar.

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Am Abend dann, Mutti ging früh zu Bett, habe ich auf das Nachtleben im Hotel gewartet, auf der Terrasse natürlich. Allein es kam nicht. Keine Musik,  die Diskothek geschlossen und lediglich vom Strand her, hörte man das Trommeln einer Gruppe, die schon seit Donnerstag da ist und die Abende rhythmisiert. Für den subtilen Genießer gab es dann noch diese Kellnerin, die mir beim Abräumen irgendwelche Worte zuflüsterte, die ich nicht verstand. Das eigentliche Erlebnis bestand darin, zu sehen, wie sie mit mir redete, aber so beiläufig mit dem Abräumen beschäftigt, dass niemand es mitbekam. Wir lächelten uns kurz an. „Muchas Gracias, Signora“, sagte ich leise und das Schauspiel wiederholte sich in einer halben Stunde zweimal. Einbildung oder nicht – ich fühlte mich angesprochen – ja geschmeichelt. Die Worte klangen irgendwie nett, auch wenn ich sie nicht verstanden habe. Wollte sie nur Trinkgeld? Habe ich das mal in irgendeinem Film gesehen, wie eine Frau einem Mann in vollendeter Heimlichkeit etwas zuflüstert? Vielleicht wollte sie mir auch nur zu verstehen geben, dass die Terrasse bald geschlossen wird?

Auch für einen Pauschaltouristen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Sei es drum. Heute habe ich sie wiedergetroffen und festgestellt, dass ich wohl über keinerlei Erinnerungswert für sie verfüge. Es gab nur einen fremden, gleichgültigen Blick. Sei es drum.

Morgen fliege ich wieder. Einigermaßen erleichtert. Denn inzwischen ist Germania pleitegegangen und man hat mich einfach auf einen Eurowings-Flug nach Hamburg umgebucht. Ich muss aber nach Berlin! Nach telefonischen Verhandlungen mit der Reisegesellschaft fand sich dann aber doch noch ein Flug nach Berlin. „Warum nicht gleich so?“ dachte ich, wohlwissend, wie oft Urlauber schon irgendwo gestrandet sind, nachdem ihr Reiseveranstalter plötzlich insolvent wurde.

Man wird sehen. Auch in Deutschland bleibt das Leben also spannend. Außerdem will ich endlich aus dieser Urlaubsblase heraus. Ich freue mich auf den Augenblick in dem mir jemand von der Rezeption das rote RIU-Armband  abschneidet. Ich will endlich wieder ich selbst sein!

Tschüss Mutti – bis bald, aber nicht mehr auf den Kanaren und auch nicht pauschal! Nicht mein Ding.