2016-12-20 14.06.19

Berlin am Tag nach dem Anschlag. Foto: Gedächtnisbüro 2016

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wann kommt der nächste Anschlag? Eine Frage, die nicht einmal im Ansatz beantwortet werden kann.

Der IS soll hunderte von Terroristen für den Kampf in Europa ausgebildet haben. Bereits im Frühjahr 2016 gingen solche Berichte durch die sozialen Netzwerke und arabische Medien. Bei uns wurde weniger darüber berichtet, vermutlich um Panikmache zu vermeiden, vielleicht aber auch, weil sich das schon jeder denken konnte.

Deutschland hatte bis zuletzt wohl gehofft, als Rückzugsland des Terrorismus, selbst von Terroranschlägen verschont zu bleiben. Diese Hoffnung wurde im Verlauf des Jahres immer dünner, je öfter Festnahmen und Ermittlungen wegen geplanter Terroranschläge bekannt wurden. Die Ereignisse von München und der Anschlag im Zug bei Würzburg und der Bombenanschlag in Ansbach, der nur den Attentäter selbst getötet hatte, wirkten da wie ein unklares Vorspiel, bei dem sich jeder seine Interpretation der Bedrohungslage selbst machen konnte. Manche dachten, wir kämen nochmal dran vorbei.

Diese Illusion ist jetzt erledigt. Der Terror hat mitten in Berlin zugeschlagen und die Handschrift ist unverkennbar. Die Tatsache allerdings, dass sich der IS noch nicht zu dem Anschlag bekannt hat, wirkt dennoch vieldeutig. Sie könnte der Taktik geschuldet sein, unabhängige Einzeltäter, als Mitglieder des IS zu erklären, wenn der Anschlag ausreichend viel Terrorpotential entfaltet. Es könnte aber auch sein, dass es den Islamistischen Terrorzellen, die es ohne Zweifel in Deutschland in großer Zahl geben muss, gar nicht recht ist, wenn ihr „ruhiger Hafen“ in der Mitte Europas plötzlich von Einzeltätern zum direkten Kriegsgebiet gemacht wird.

Eine weitere Erklärung für die bisher fehlende Bekennerschaft zum gestrigen Anschlag in Berlin könnte allerdings noch beunruhigender sein. Möglicherweise ist dieser Anschlag nur ein Auftakt einer umfassenderen und koordinierten Terroraktion die uns über die Feiertage bevorsteht. Sehr wahrscheinlich ist das allerdings nicht. Der IS hat immer überraschende Aktionen mit großer Wucht durchgeführt, was man an den Anschlägen von Paris, Brüssel und Nizza sehen konnte. Warum sollte man also jetzt in Deutschland einen kleineren Anschlag vorausschicken, wenn man größere und koordinierte Anschläge vorhat? Strategisch unlogisch, da jetzt überall in Deutschland höchste Alarmbereitschaft herrscht.

Dennoch ist es alles andere, als sicher, dass es bei dem heutigen Anschlag in Berlin bleiben wird. Der Grund liegt in der anarchischen Struktur des islamistischen Terrorismus. Jede kleine Gruppe von Dschihadisten, kann ihr  „Seelenheil“ auf eigene Faust durchziehen und bekommt dafür den „Segen“ der islamistischen Propagandazentrale, wo auch immer die sich gerade befindet.

Der IS ist eben im Gegensatz zu anderen Terrororganisationen locker gestrickt. Das macht ihn unberechenbar, was auch so gewollt ist. Wir wissen also nicht, wie viele von den hunderten „Kämpfern“, die bei uns sehr wahrscheinlich eingesickert sind, einen Anschlag auf eigene Faust vorbereiten. Wir wissen vor allem nicht, wann sie zuschlagen werden. Viele von denen wissen es wohl selbst noch nicht.