2016-07-31 18.55.14

Foto: Gedächtnisbüro 2016, ganz in der Nähe der russischen Botschaft aufgenommen!

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nachdem sich Erdogan als oberster Islamist vor den Toren Europas aufgebaut hat und sein Land gegen Demokratie, Meinungsfreiheit, EU und USA in Stellung zwingt, während seine Schergen zuhause mit dem Foltern von Andersdenkenden begonnen haben, bleibt die große Frage, wie der Kreml zu all dem steht?

Putin hat sich bisher nicht geäußert, will sich aber in der nächsten Woche mit Erdogan treffen. Dieser hofft mit dem vor wenigen Wochen noch „feindlichen“ Russland seine Drohgebärden Richtung Westen aufwerten zu können. Die Frage ist nur, ob Putin sich darauf einlassen wird?

Autokrat zu sein, ist nämlich das eine. Sich mit einem diktatorischen Islamisten zusammen zu tun, der gerade die Demokratie in seinem Land durch den Turbo-Schredder jagt, etwas ganz anderes.

Vergleichbar distanziert wirken dann auch die Kommentare in den russischen Medien. Der Kommersant titelt ironisch, dass Erdogan wohl Verwendung für Russland finden würde, wenn die Eiszeit mit dem Westen anhält. Die Zeitung verschweigt auch nicht, dass Putin über mehr Einfluss in der Türkei wohl nicht ganz unglücklich wäre. Insgesamt aber bleibt man distanziert. Man weiß, dass Russland in Syrien ganz andere Interessen vertritt, als die Türkei Erdogans. Nebenbei bleiben die Sanktionen gegen die Türkei bestehen.

In fast schon guter Tradition geben die deutschsprachigen Russlandmedien vor allem kritischen Stimmen Gewicht, die die türkische Demokratie am Ende sehen und wenig Hoffnung auf eine Wiederannäherung der Türkei in Richtung Westen erkennen.

Für Putin könnte diese Entwicklung durchaus eine ganze Reihe von Vorteilen bringen.

  1. Möglicherweise erkennen Europa und die USA nun, dass sie Russland als Verbündeten im Kampf gegen den Islamismus dringender brauchen, als den Islamisten Erdogan?
  2. Die Türkei stürzt derzeit auch ohne Militärjunta in eine derartige Folterdiktatur ab, dass Russland dagegen wie der Hort der Demokratie wirkt. Eine Wiederannäherung zwischen Russland und der EU ist also durchaus denkbar. Washington hat das wieder früh bemerkt und beginnt erneut Botschaften über die „russische Gefahr“ durch die deutschen Medienkanäle zu schicken. Heute schreibt die Bildzeitung über den schon etwas älteren Report des Atlantic-Council (Nato-Think-Tank) nach dem Russland Polen über Nacht einnehmen könnte. Klar kann Russland das, aber nicht erst seit heute! Europa ist durch die Nato denkbar schlecht gesichert. Das wissen doch alle oder ahnen es zumindest. Es muss aber noch ein bisschen mehr Paranoia her, damit man wirklich daran glaubt, dass Russland unser Hauptproblem ist und nicht der Islamismus. Dafür ist der Springer-Verlag immer gut.
  3. Mit dem Absturz der Türkei ist die europäische Sicherheitsarchitektur endgültig im Eimer und muss neu aufgebaut werden. Russland steht bereit und sollte das jetzt auch etwas deutlicher sagen. Denn die Russen fürchten sich vorm Islamismus genauso, wie wir Europäer.
  4. Wenn Erdogan weiter um Russland wirbt, könnte es sein, dass der Kreml plötzlich einen Universal-Joker gegen die USA und EU in der Hand hat. Allerdings einen sehr, sehr unberechenbaren Joker, was die Russen ziemlich vorsichtig sein lässt. Erdogan ist auch für Russland eher ein Risiko, als ein Verbündeter. Bei der ersten guten Gelegenheit, die sich jederzeit in Syrien ergeben kann, wird er die Russen gegen die Amerikaner ausspielen. Keine schönen Aussichten für den Kreml.

Fazit: Der russische Bär wird wohl auch zukünftig ohne Kopftuch besser aussehen und weiß das auch. Wenn wir uns nicht von den Amerikanern ins Boxhorn jagen lassen, ist das eine gute Gelegenheit, sich mit Putin zusammenzusetzen und eine echte europäische Sicherheitsarchitektur zu entwickeln, in der Russland eine gewichtige Rolle spielt, wir Europäer aber auch. Denn eines ist bei der amerikanischen Angstmacherei in Polen und Osteuropa durchaus korrekt. Europa hat keine ausreichende eigene Verteidigungsfähigkeit und könnte bei einem (eher unwahrscheinlichen) Angriff noch nicht einmal die türkische Armee stoppen, die über den Balkan bis nach Deutschland marschieren würde, ehe ein nennenswerter Widerstand entsteht. Gegen die russische Übermacht gibt es sowieso keine militärische Option, wenn man nicht gerade den Atomkrieg in Europa beginnen wollte. Da haben die amerikanischen Militärstrategen schon Recht.

Die Folge daraus ist allerdings, dass man mit Russland wieder eine echte Partnerschaft beginnt, die ja nicht unkritisch sein muss. Schließlich hat auch Russland die Demokratie bis zur Unkenntlichkeit zurückgestutzt. Mit dem was Erdogan jetzt vorhat, ist das aber nicht zu vergleichen.