Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der heutige Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua kommt nicht ganz überraschend. Brückeneinstürze hat es in Italien bereits gegeben, zuletzt 2012 nahe der Schweizer Grenze als ein Schwertransporter über die marode Brücke fuhr. Damalige Bilanz, ein Toter und mehrere Verletzte.

Die heutige Bilanz des Brückendesasters ist weit schlimmer. Man geht von mindestens 35 Toten aus. Der vierspurige Viaduct ist auf einer Länge von 0,2 km während eines Unwetters eingestürzt und hat über dreißig Autos und mehrere LKWs mit sich gerissen.

Die Konstruktion aus den Sechzigern sollte saniert werden und derzeit fanden erste Bauarbeiten statt. Eine Fahrbahnverstärkung wurde eingezogen. Ob hier Zusammenhänge mit dem Einsturz zu suchen sind, ist noch unklar. Allerdings geschah der Einsturz heute Mittag während eines Unwetters, so dass die Brücke möglicherweise in Schwingungen versetzt wurde, die der Flexibilität des Baumaterials nicht mehr entsprachen. Hinzu kam ein Blitzeinschlag in einen der Betonpfeiler, welcher danach auch zusammenbrach.

Die Katastrophe gibt zu denken.

Europaweit sind Autobahnen sanierungsbedürftig und viele Brücken können nur noch eingeschränkt benutzt werden, weil sie altersschwach sind. EU-Konjunkturprogramme im Straßenbau haben meist neue Projekte zum Gegenstand und dienen nicht selten als Leuchtturmprojekte für die eine oder andere Regierung. Für die Instandhaltung der vielen vorhandenen Brücken gibt es allerdings weder EU-Programme noch Lorbeeren.

Nicht nur Italien ist durch jahrelange Sparprogramme infrastrukturell heruntergekommen. Auch das vorbildliche Deutschland leidet unter massiven Investitionsstaus im Straßenbau, aber nicht nur dort.

Vielleicht hört man demnächst, dass eine öffentliche Schule einstürzt. Hier gibt es in Deutschland einen Investitionsstau von hunderten Milliarden Euro, der von den Kommunen immer wieder angemahnt, aber von der Politik nicht angegangen wird. Stattdessen auch hier Leuchtturmprojekte. Unterm Strich macht es keinen Unterschied, ob Straße, Bahn oder Schule. Der Erhalt ist unattraktiv und teuer, neue Projekte bringen EU-Gelder, politische Motivation und Öffentlichkeit. Der Fortschritt zerstört die Substanz auf der er errichtet wurde.

In Italien kommt die Mafia dazu, die gerade bei Straßenbauprojekten kräftig absahnt. Sei es, dass EU-Gelder veruntreut werden, was in den letzten Jahren mehr als einmal durch Medien ging, sei es, dass Mafia-Unternehmen direkt am Straßenbau beteiligt werden und dann Sand in den Beton mischen. Es gibt alle Varianten. Auch hier, ist es für die Politik unattraktiv, seriös zu arbeiten, Korruption aufzudecken und zu bekämpfen, solange nichts Gravierendes passiert.

Das ist heute aber geschehen.

Ob der Staat als lernende Organisation die richtigen Konsequenzen daraus zieht, ist fraglich. Weder in Deutschland noch in Italien und in anderen europäischen Ländern, verändern sich dadurch die politischen Mechanismen, die Sorgfalt und Substanzerhalt links liegen lassen, um spektakulärere Projekte aus der Wiege zu heben. Auch wenn die dann nicht funktionieren, wie Stuttgart21 und der BER wirken die trotzdem wie eine Verheißung, während das, was heute geschehen ist, wie ein Untergang wirkt.

Die Aussichten sind trübe und die Brücken sind alt. Die Politik ist das Problem und in sofern hat der heutige Brückeeinsturz etwas symbolisches.