Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Glauben Sie noch an eine friedliche Zukunft? Dann meiden Sie PC-Games und leben ihr Leben einfach weiter, während Millionen von Männern schon dabei sind, sich auf den Dritten Weltkrieg vorzubereiten.

Natürlich kommen diese Spiele in erster Linie aus den USA, wo grundsätzlich immer die härtere Variante (mit mehr Skrupellosigkeit) gespielt wird, während in Europa gekürzte und zensierte Versionen zum Einsatz kommen.

Derzeit aber jubeln die vielen Kriegsfans auch diesseits des Atlantiks, denn die Firma Infinity Ward hat mit ihrem Renner „Call of Duty“ nun die moderne Kriegsführung so realistisch gestaltet, dass es kaum Gründe gab, die Version noch zu zensieren. So ist der Krieg eben einfach, besonders der moderne asymmetrische Krieg gegen den Terror und böse Staaten, einschließlich Russland.

Man glaubt ja gar nicht, welche harmlose Gestalten, sich in der Freizeit vor der Spielekonsole zum Kriegshelden ausbilden lassen. Ja, richtig gehört, ausbilden. Denn diese Kriegsspiele sind eigentlich Online-Kurse für angehende Soldaten, so realistisch sind sie inszeniert. Wer das für Unkenrufe hält und darauf verweist, dass kein Pilot am PC ausgebildet wird, nur weil er sich einen Simulator gekauft hat, mag Recht haben.

Diese Pseudosoldaten werden wohl nie zum Einsatz kommen, aber drängen dennoch nach Selbstverwirklichung. So lange es die wirklichen Stars gibt, die Marines und Seals, die in der Realität Krieg führen, können die Gamer zumindest als Pseudospezialisten gedanklich mitspielen, wenn irgendwo auf der Welt mal wieder ein Land angegriffen wird. Oder sie warten auf den Big-Bang, der dann (der Spielerlogik folgend) zwangsläufig zwischen den USA und Russland stattfinden muss.

Schöne Aussichten!

Womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Mit der Krise der Männerwelt oder mit der zwingenden kapitalistischen Logik, die uns früher oder später wieder zu globalen Kriegsherren machen wird? Die Beängstigung, dass sich auch in friedliebenden Ländern, wie unserem, viele Männer hinter solchen Kriegsspielen vor dem PC verschanzen, sollte zumindest mal geäußert werden.

Die Spieleerfinder von Infinity Ward bezeichnen ihre Kunden jedenfalls nicht als Freizeitsoldaten, sondern als Helden in der Tradition von James Bond. Wer sich diese Szenarien anschaut, merkt aber schnell, dass man sich bei dem neusten Spiel schnell in der Tradition von „Collateral Murder“ wiederfindet.

Beabsichtigt ist das wohl. Die Fiktion soll möglichst real daherkommen und man gewöhnt sich schließlich an alles, wie die Milgram-Experimente schon in den fünfziger Jahren gezeigt haben. Man braucht nur einen entschlossenen Vorgesetzten, der den „Kill-Befehl“ gibt, genau wie in diesem Spiel.

Natürlich hilft Verbieten nicht. Aber wie wäre es mit einem Systemwechsel? Wir lassen die PC-Welt machen und verändern stattdessen die Welt? Meinetwegen gern sozialistisch. Dann haben die krisengeschüttelten Männer und ihre Soap-geplagten weiblichen Pendants wieder ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel.

Vielleicht entfällt dann irgendwann der Grund, Krieg gegeneinander zu führen, weil wir alle in sozialistischen Bruderstaaten leben. Das wäre doch eine Fiktion, oder? Zumindest besser, als der Weltuntergang, der derzeit in den Wohnzimmern vorm PC trainiert wird.