Löw

Screenshot Pressekonferenz vom 28.06.2016

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Joachim Löw ist ein moderner Teamplayer, von dem sich unsere Politiker einiges abgucken könnten, wenn sie nur wollten.

„Bescheidenheit und Demut sind das Gebot der Stunde,“ sagte Joachim Löw auf der Pressekonferenz vom 28.6.2016 vor dem Spiel gegen Italien. Löw sagte in der halben Stunde, in der er sich wie üblich den Fragen der Journalisten stellte, einiges mehr, was hier nicht vollständig zitiert werden kann. Aber zum Beispiel sagte er auf die Frage nach der richtigen Aufstellung gegen Italien: „Die Wunsch-Elf gibt es nicht!“

Im Nachhinein, nach dem glücklichen Sieg gegen Italien, könnte man diese beiden Aussagen vielleicht als Erfolgsrezept dieses genialen Bundestrainers bezeichnen. Flexibilität ist das Gebot der Stunde, d.h. die Fähigkeit, auf die Taktik der Italiener im Spiel schnell die richtige Antwort zu finden und sich nicht vor dem Spiel festzulegen. Die ideale Aufstellung gegen die Italiener konnte es also nicht geben, weil der Spielverlauf erst nach dem Anpfiff beurteilt werden konnte. Ein sehr wahres und modernes Konzept, das auch psychologisch gut untersucht ist.

Teams, sei es beim Sport, in der Luftfahrt oder der Medizin, zeigen immer dann die höchste Performance, wenn sie in der Lage sind, ihre Entscheidungen ständig an eingehende Informationen anzupassen. Dazu gehört neben der Fähigkeit, Informationen schnell aufzunehmen und zu verarbeiten auch die Flexibilität, eine Entscheidung zu ändern und die neue Handlung (choice of action) schnell zu finden und zu automatisieren. Mit Automatisieren ist gemeint, dass sich die Spieler schnell in eine neue Verhaltensweise einfinden müssen. Ein psychologischer Intelligenzfaktor.

Hilfreich sind alternierende Hypothesen, mit denen bereits vor dem Spiel gearbeitet wird. Auch hier gibt es aus verschiedenen anderen Bereichen psychologische Untersuchungen, die zeigen, dass die größte Gefahr im Ankern bei einer einmal gewählten Hypothese (beispielsweise zur richtigen Spieltaktik) besteht. Besser ist es, im Vorfeld mehrere Hypothesen gegeneinander antreten zu lassen und sie in Form von Spieltaktiken zu prüfen. Prüfen heißt dabei vor allem, ihre Schwächen zu erkennen. Hypothesen werden sinnvollerweise falsifiziert und nicht scheinbar verifiziert. Sie bleiben nämlich immer Hypothesen. Das Spiel kann komplett anders verlaufen. Also geht es um Flexibilität.

Somit ist es auch nicht die reine Menschenliebe, wenn der Bundestrainer alle Spieler seines Teams (auch diejenigen, die kaum zum Einsatz kommen) gleichermaßen hoch schätzt. Er weiß genau, dass er jeden einzelnen brauchen wird, um flexibel zu bleiben.

Der zweite Erfolgsfaktor ist die Bescheidenheit, womit keine blinde Bescheidenheit mit gesenktem Kopf gemeint ist. Löw erkennt, wie er auf der Pressekonferenz vor dem Italien-Spiel deutlich machte, die Stärke der italienischen Elf. Ihm ist nicht nur bewusst, dass die Mannschaft schwer zu schlagen ist, sondern auch, warum sie schwer zu schlagen ist. Die Italiener wurden vom Bundestrainer vor allem mit äußerstem Respekt analysiert. Diese Analyse ergibt dann auch ein wesentlich realistischeres Bild der italienischen Mannschaft, als eine Analyse, die vermeintliche Schwächen der Italiener überbetont. Das hat sich als richtig erwiesen, denn der Versuch, die Italiener auf ihre defensiven Qualitäten festzulegen, hätte zwangsläufig zur Unterschätzung ihrer Angriffslust geführt.

Löw hatte übrigens auch vorausgesehen, dass eine Möglichkeit darin besteht, dass die Italiener den Deutschen oft den Ballbesitz überlassen, um sich nicht totzulaufen. Löw deutete diese Erwartung bereits als eine von mehreren Möglichkeiten in der Pressekonferenz vor dem Spiel an.

Schließlich hat die Verpflichtung zur Bescheidenheit noch vor einem anderen Fehler geschützt, den Löw ebenfalls auf der Pressekonferenz vor dem Spiel erwähnte. Die Gefahr, der die deutsche Nationalmannschaft bei der EM 2012 unterlag, für die Zuschauer spielen zu wollen, auf dem Feld etwas zeigen zu wollen oder demonstrieren zu wollen, ist eine psychologisch ebenfalls gut untersuchte sogenannte „gefährliche Einstellung“ (hazardous attitude), die vor allem in der Luftfahrt immer wieder zu Unglücken führt.

Diese gefährliche Eigenschaft scheint Löw seiner Mannschaft gründlich abtrainiert zu haben, denn beim Spiel gegen Italien fiel nicht nur niemand aus der Rolle (außer Boateng, der leider seine Arme im Strafraum hochgerissen hat, was letztlich zum Elfmeter führte), sondern die gesamte Mannschaft war ausschließlich auf die Italiener konzentriert und nicht auf die eigene Außenwirkung, was dem Spiel ausgesprochen gut bekommen ist.

Fazit:

Der Bundestrainer hat in seine Spielvorbereitungen eine Reihe von psychologischen Erkenntnissen integriert, die in anderen Bereichen, außerhalb des Sports, bisher noch gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Denkt man an die zahlreichen politischen Fehler, die wir in den letzten Jahren in der EU erleben mussten und die nie zugegeben, geschweige denn korrigiert wurden, kann man nur sagen, dass unsere Politiker weiterhin völlig frei von jeder modernen psychologischen Erkenntnis vor sich hin stümpern. Nehmen wir die Gestaltung von Analysen gegenüber Russland, die vor allem die Schwächen des Landes betonen, das Ankern bei Lieblingshypothesen, das zu einer absurden Sanktions- und Konfrontationspolitik mit Russland geführt hat oder die fehlende Demut, die vor allem zur massiven Überschätzung der “Soft-Power” der EU führte und natürlich die verdammte Symbolpolitik gegenüber Russland, mit der (ja was?) gezeigt werden soll (dass wir den Größeren haben?), um nur einige Beispiele zu nennen.

In anderen Risikobereichen, insbesondere in der Luftfahrt und in Teilen der Wirtschaft sieht es da schon etwas besser aus. Dennoch muss man Angela Merkel dringend empfehlen, sich das eine oder andere von Jogi Löw abzuschauen und den SPD-Vorderen ebenfalls, schon gar den Grünen. Schaut Fußball und seht Euch die Pressekonferenzen des Bundestrainers an, dann erkennt Ihr vielleicht, wie ihr umdenken müsst.

Vielleicht!