1.Mai ohnmächtiger Polizist

Ein Polizist wird ohnmächtig, kurz darauf helfen die Medics der Gelben Westen

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die Melange aus Gelben Westen, schwarzem Block und Gewerkschaften während der Demonstration am 1. Mai in Paris wirkte gelungen. Konsequenzen hat das nicht.

Der Chef der CGT bekam während der Demonstration zum 1. Mai eine Tränengasgranate ab und musste die Demonstration beenden. Im Fernsehen äußerte er sich empört, über die Aggressivität der Polizei. Zahlreiche Videos zeigen, dass Tränengas und Gummigeschosse mehr oder weniger wahllos auch in den Demonstrationsblock der CGT geschossen wurden. Der Innenminister Castaner verteidigte das Vorgehen, da sich die Militanten direkt bei den Gewerkschaften angeschlossen hatten.

Ein wenig erinnert diese Argumentation an Macrons Kommentar zu den schweren Verletzungen einer Rentnerin vor einigen Wochen in Nizza. Wer sich auf eine unerlaubte Demonstration begebe, müsse eben mit allem rechnen. Machtzynismus a la Macron.

Es gab viele kleinere Ereignisse, die derzeit in den Medien aufgearbeitet werden, darunter der fragliche Versuch von Demonstranten in die Reanimation eines Krankenhauses einzudringen, zwei schwerverletzte Fußgänger, die von einem Fahrzeug der Polizei auf dem Bürgersteig angefahren wurden (es gab aber noch ein anderes Fahrzeug, das beteiligt war, wobei die genauen Umstände nicht bekannt sind), ein Polizist, der plötzlich zusammenbrach und vom medizinischen Dienst der Gelben Westen versorgt wurde.

1. Mai Passant von Polizei angefahren

Passantin von Polizeiwagen angefahren

Zwei Verletzte bei einem Unfall mit einem Polizeiwagen, der auf den Bürgersteig fuhr

Unterm Strich blieb die große Revolution aber aus. Gewerkschaften und Gelbe Westen zeigten vor  allem eines: Präsenz. Über 40 000 Teilnehmer allein in Paris, landesweit zwischen zweihundert- und dreihunderttausend Demonstranten. Damit deutlich höhere Zahlen als vor einem Jahr, als der 1. Mai noch ohne Gelbe Westen begangen wurde.

Insgesamt wirkt die Situation nicht unbedingt so, als würden sich Gelbe Westen und Gewerkschaften gegenseitig hochschaukeln, eine Bürgerkriegs-Klima, das von Martinez (Chef der CGT) wahrgenommen wurde, der dem Innenministerium dafür die Schuld gab, ist tatsächlich in Frankreich vorhanden, zeigte sich aber gerade am 1. Mai in Paris nicht. Eher waren es die typischen kleinen Scharmützel und Zwischenfälle.

1.Mai

Der 1. Mai fand in Paris in dichten Tränengas-Wolken statt, schwere Straßenkämpfe blieben aber aus.

Einige Artikel erinnern im Nachklang daran, dass Gewerkschaften, Gelbe Westen und Militante sehr verschiedene Absichten und Forderungen vertreten, die wohl kaum auf einen Nenner zu bringen sind, weshalb die Linke in Frankreich weiterhin gespalten ist und von der ideologisch noch undefinierten Bewegung der Gilets Jaunes Abstand hält. Das Klima ist insgesamt gereizt, aber nicht revolutionär. Das muss man wohl zugeben.

Wie geht es weiter?

Auf den einschlägigen Websites der Gilets Jaunes ist heute am Freitag noch keine Planung für den Acte 25 am kommenden Wochenende zu finden. Es könnte sein, dass der Acte 25 eher spontane Versammlungen zeigen wird und die Beteiligung nach den beiden großen Demonstrationstagen am letzten Wochenende und am 1.Mai eher gering sein wird.

Das bleibt abzuwarten.

Ohnehin ist es viel interessanter, den Gelben Westen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Solidarität untereinander festigen, wie sie sich teilweise mit Unterstützung, teilweise mit Lebensmitteln, gegenseitig versorgen und wie derzeit eine Kultur der Gelben Westen in Frankreich entsteht. Der Dokumentarfilm „Je veux d´solei“ zeigt das auf eindrucksvolle Weise und wird hoffentlich auch bald in Deutschland zu sehen sein.