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Straße in Lugansk (Luhansk) Foto Gedächtnisbüro

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin Lugansk

Sergeij lebt eigentlich gar nicht mehr in Lugansk. In der ersten Phase des Krieges vor mehr als einem Jahr war er noch bei den Separatisten. Er war überzeugt, dass sie mit der Einschätzung, die USA und EU hätten Kiew gekapert, richtig lagen. Da störte es ihn auch nicht, dass die Revolutionäre in ganzen Busladungen von Russland über die Grenze gekommen waren und Rathaus um Rathaus besetzt hatten.

Sergeij war überzeugt und er legte es den Leuten von der Volksrepublik als Zeichen von Verantwortung aus, dass sie ihn nicht nahmen, als er sich zu den Waffen meldete. „Nur Leute mit Kampferfahrungen“ hieß es. Stattdessen bekam er organisatorische Aufgaben. Sein Eindruck damals wie heute: „Die Leute sind professionell.“

Als dann die so genannte Anti-Terror-Operation Poroschenkos zum Beschuss von Lugansk führte, bekam Sergeij Angst um seine Familie. Er schickte Frau und Tochter auf die Krim. Zu dem Zeitpunkt sah es so aus, als könnten die Separatisten Lugansk nicht mehr halten und die Einnahme der Stadt durch die Kiewer Truppen stünde kurz bevor. Sergeij verschwand also aus der Stadt und ging zu seiner Familie auf die Krim.

Zu dem Zeitpunkt hatten auch wir unsere Verwandten aus Lugansk nach Russland bringen lassen und viele andere flüchteten ebenfalls vor den Granateinschlägen Poroschenkos. Die Separatisten konnten weder die Bevölkerung schützen, noch waren sie in der Lage den Exodus wirksam aufzuhalten.

Das änderte sich erst, nachdem Putin sich entschloss, das Blatt zu wenden und massive militärische Unterstützung schickte. Es war die Zeit, als sich russische Kasernen plötzlich entvölkerten, weil viele Soldaten offiziell Urlaub einreichten, um inoffiziell im Donbass zu kämpfen.

Als wir Sergeij damals fragten, stand er auf der Seite der Separatisten, wo er heute noch steht, auch wenn er jetzt in einer kleinen Stadt im Grenzgebiet auf russischer Seite lebt, als registrierter Flüchtling. Er begrüßte das militärische Engagement der Russen auf Seiten der Separatisten. Er freute sich über die humanitären Hilfslieferungen Putins an Lugansk.

Inzwischen aber reduziert Russland die Unterstützung der ausgerufenen Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Der Minsk II-Vertrag, der den Separatisten mehr oder weniger aufgedrängt wurde, scheint auch für den Kreml das Maß aller Dinge zu sein. Es ist nachteilig für diejenigen, die in der Region die politischen Abspaltungsprozesse vorangetrieben hatten und natürlich für alle, die dort gekämpft und getötet haben. Es gibt in Minsk II  keine vereinbarte Amnestie auf welche diese Leute vertrauen können. Noch schlimmer: Für den Kreml scheint es klar zu sein, dass der Donbass keine  vollständige Selbstverwaltung haben wird, dass also die Separatisten, seien sie politisch oder militärisch involviert, sich nach Erfüllung des Minsker Vertrages nicht sicher fühlen können.

Genau an diesem Punkt steht der Donbass zurzeit.

Sergeij, der noch gute Kontakte nach Lugansk hat, berichtet von Unsicherheit, die sich unter den Verantwortlichen und Mitläufern des Separatismus breit macht. Immer mehr von ihnen denken, dass es besser sei, sich abzusetzen. Gerüchte von Erschießungen machen die Runde. Sergeij glaubt, dass es stimmt. Derzeit werden die, welche noch immer die vollständige Autonomie der Volksrepubliken fordern auch vom Kreml unter Druck gesetzt, zuletzt sogar mit dem Tod bedroht.

Was dran ist? Schwer zu beurteilen. Man liest nicht von Ermordungen einflussreicher Separatisten im Donbass, zumindest nicht im größeren Umfang, aber die Stimmung hat sich gewendet. Erneut sind die Separatisten in der Defensive, dieses Mal nicht gegenüber Kiew, sondern gegenüber Moskau.

Der Kreml hat seine Strategie längst geändert

Für Putin ist die Umsetzung von Minsk II ein „must“, weil es auch sein Abkommen ist und seine politische Glaubwürdigkeit daran hängt. Der Donbass wird niemals zu Russland gehen. Es geht auch gar nicht um den Donbass, sondern um die gesamte Ukraine, in der es wieder gilt, Einfluss zu bekommen. Die Dezentralisierung des Landes soll das gewährleisten. Wer in diesem Prozess der Wiedervereinigung etwas zu befürchten hat, muss sich eben absetzen.

Der Kreml wird, sofern die Amerikaner still halten und keine neuen Schlachten provozieren, eine Annäherung an den Westen vorziehen, um aus der Isolation herauszukommen.

Putins neuer Vorschlag für einen gemeinsamen Kampf gegen den Islamischen Staat, ist ernst gemeint. Er stellt sogar Assad zur Disposition, erklärt, dass der der Syrische Herrscher vorgezogene Neuwahlen akzeptieren könnte. Russland will eine Lösung, die den Islamismus zurückdrängt. Assad wird nicht um jeden Preis gehalten.

All das spricht für die Separatisten in der Ukraine dafür, dass ihre Zeit bald ablaufen wird und die Blütenträume einer kompletten Autonomie, in der sie sich sicher fühlen können, verwelkt sind.

Ich glaube für  Sergeij ist diese Entwicklung schwierig, weil er nicht weiß, was das für ihn bedeutet. Wird die Rückkehr nach Lugansk für ihn möglich sein? Was hat er zu befürchten? Er weiß es nicht. Er lebt von Gerüchten und von seinen Verbindungen nach Lugansk, wie viele in der Region.