Sönke Paulsen, Berlin

Das Entsetzen ist groß. Alle Insassen des Airbus A 320, der sich auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf befand, kamen bei dem Absturz über den französischen Alpen ums Leben. Niemand hatte eine Chance.

Spekulationen über die Absturzursachen, so die Kanzlerin Merkel, die morgen nach Nordrhein-Westfalen reisen wird, um sich ein Bild von der Lage zu machen, würden sich verbieten. Natürlich verbieten sich Spekulationen.

Leider sind in den letzten Jahren zu viele Abstürze von Passagiermaschinen ungeklärt geblieben. Bestenfalls Vermutungen über vereiste Geschwindigkeitsmesser (Pitotrohre), wie beim Absturz eines französischen Airbusses über dem Atlantik vor einigen Jahren, werden dann als Erklärung nachgeliefert. In Verbindung mit dem unerklärten Verschwinden eines malaysischen Airbusses über dem indischen Ozean und dem nach wie vor ungeklärten Abschuss von MH17 über der Ukraine, türmen sich die Fälle, nicht hinreichend geklärter Flugzeugabstürze im Gedächtnis der Öffentlichkeit langsam auf.

Auch der heutige Absturz hat Chancen zu so einer offenen Akte zu werden, was für die Hinterbliebenen der Opfer, aber auch für alle anderen, die morgen wieder in ein Flugzeug steigen, gravierende Folgen hat. Kaum zu ertragen für die, welche auf unerklärliche Weise ihre Angehörigen und Freunde verloren haben, aber auch immer schwerer zu verdrängen für die täglichen Millionen von Flugpassagieren.

Mehrere Germanwings-Crews sollen heute nicht zu ihrem Flug erschienen sein, aus persönlichen Gründen, wie es hieß. Tatsächlich aber wirken diese Absagen wie ein Misstrauens-Votum gegen die eigene Fluggesellschaft, eine Tochter der Lufthansa.

Mit zunehmendem Flugverkehr steigt das Risiko fataler Flugausgänge, allerdings steigt das Engagement, solange an einem ungeklärten Unglück dran zu bleiben, bis die wahrscheinlichste Ursache gefunden ist, nicht unbedingt. Flugunfälle werden dadurch immer weniger konsequent aufgearbeitet. Wenn dies Passagierflugzeuge betrifft, die jeweils dutzende bis hunderte Unschuldiger in den Tod reißen, ist das bedenklich.

Die Öffentlichkeit wird jetzt wieder mit Trauer und Bestürzung gesättigt und danach wird nichts kommen! Auch dieser Absturz wird vermutlich die Experten überfordern, das ist jetzt schon abzusehen.

Der voll besetzte Airbus ist nach übereinstimmenden Aufzeichnungen der Radarkontrollen nach Erreichen seiner Reiseflughöhe von 38 000 Fuß innerhalb von 8 Minuten auf 6000 Fuß gesunken und dann sehr wahrscheinlich an einem Fels in den französischen Alpen zerschellt. Man muss an einen kontrollierten Flug ins Terrain denken, einen „controlled flight into terrain“, wie es in der Fachsprache heißt, denn für einen echten Absturz, d.h. eine Kontrollverlust über die Flugparameter, die Fluglage, die Geschwindigkeit und schließlich die Höhe, fehlen im Moment noch die Anzeichen. Der kontinuierliche Abstieg des Flugzeuges fand über eine relativ lange Zeit statt, vor allem aber ohne Kurswechsel und ohne Absetzen eines Notrufs. Dies ist tatsächlich ungewöhnlich.

Bei idealen Wetterbedingungen dürfte den Piloten der Höhenverlust nicht verborgen geblieben sein, auch wenn Instrumente falsch angezeigt hätten. Warum wurde der Abstieg nicht gemeldet? Warum wurde nicht einmal das Verlassen der Reiseflughöhe von der Crew mitgeteilt? Warum flogen die Piloten schnurgerade ihren Kurs weiter, direkt in die Alpen hinein, wenn der Abstieg bereits über dem Mittelmeer begann, eine Minute nach Erreichen der Reiseflughöhe?

Diese Fragen sollten online bleiben, weil sie sonst irgendwann von der Öffentlichkeit nicht mehr erinnert werden, wenn in einigen Monaten eine halbwegs schlüssige Erklärung abgegeben wird, was die Ursache des Absturzes war.

Der Airbus A320 ist ein sicheres und bewährtes Flugzeug von dem annähernd viertausend Exemplare unterwegs sind. Jeder ist schon mal mit einem A320 geflogen, ein Verkehrsflugzeug mit einem doppelt redundanten Computersystem, das technische Fehler jederzeit kompensieren sollte. Dennoch gab es computergesteuerte Abstürze, wie den eines Testfluges hinter der Startbahn in Toulouse vor mehr als zwanzig Jahren. Anfangs gab es Piloten-Proteste, dass sich die Airbus-Flugzeuge bei einem Versagen des Computers nur schwer von Hand beherrschen lassen. Inzwischen scheint das Problem behoben zu sein, man hört jedenfalls nichts mehr. Dennoch gab es kürzlich eine Meldung über den erzwungenen Sinkflug einer Airbus-Maschine der Lufthansa wegen vereister Sensoren. Der Computer erzwang eine Sinkrate von eintausend Metern pro Minute, bis der Pilot die Maschine wieder unter Kontrolle bringen konnte. Der Vorfall ereignete sich erst letzten November auf der Strecke von Bilbao nach München. Der Pilot musste den Computer abschalten, um die Maschine wieder steuerungsfähig zu bekommen. (Interessanterweise wurde der Wikipedia-Artikel zu diesem Vorfall am heutigen Tag zur Löschung vorgeschlagen, weil er irrelevant gewesen sei. Beinahe-Abstürze als irrelevant zu bezeichnen, trägt schon eine gewisse Tendenz in sich.)

Vor zwei Jahren habe ich einmal bei einem windigen Anflug auf Nizza einen äußerst zittrigen Landeanflug von Hand miterlebt, der mit einem Durchstartmanöver endete. Ich habe mich damals gewundert, wie nervös der A320 reagierte, als der Pilot den Anflug ohne Landesystem durchführte. Meine Kenntnisse reichten nicht aus, mir die Situation zu erklären. Der zweite Anflug klappte dann perfekt. Ich vergaß es wieder und kümmerte mich nicht um die offenen Fragen, die bei mir geblieben sind.

Dieser Unfall über den französischen Alpen war allerdings mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gehört oder gelesen oder auch erlebt habe. Der achtminütige Sinkflug in den Tod dürfte nicht auf einen plötzlichen Druckabfall zurückzuführen gewesen sein, weil dieser zu einem wesentlich heftigeren Sinkflug geführt hätte. Es ist auch unwahrscheinlich, dass er durch vereiste Sensoren erzwungen wurde, wie inzwischen gemutmaßt worden ist, weil eine wache und reaktionsfähige Crew dann noch hätte reagieren können, um das Flugzeug von Hand auf Höhe zu halten, zumindest aber einen Kurswechsel zurück aufs Meer hätte veranlassen können.

Es geschah aber nichts dergleichen, nicht einmal ein Problem wurde angezeigt. Dies spricht eindeutig gegen eine reaktionsfähige Crew. Ein terroristischer Anschlag, beispielsweise durch Selbstmord-Attentäter, erscheint auch unwahrscheinlich. Man hätte das Flugzeug in wesentlich kürzerer Zeit zum Absturz bringen können. Als einziger möglicher Attentäter wäre der Pilot selbst in Frage gekommen, wenn er das Flugzeug in den Grund hätte fliegen wollen. Aber dafür hätte er den Copiloten ausschalten müssen und warum überhaupt? Es gibt keinerlei Hinweise für einen Suizid des Piloten.

Auch ein Brand der Elektrik erscheint eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich. Mehrere Kurzschlüsse an beiden Systemen könnten vielleicht sogar zu einer Beeinträchtigung der Steuerbarkeit des Flugzeuges (fly by wire) geführt haben, was aber nicht erklärt, warum das Flugzeug offensichtlich in normaler Fluglage gesunken und in das Terrain geflogen ist.

Schließlich bleibt eine schnelle Bewusstlosigkeit der Crew und vielleicht auch der Passagiere ohne nennenswerten Druckabfall in der Kabine, der sofort die Sauerstoffmasken ausgelöst hätte. Giftstoffe in der Klimaanlage? Gase?

Verschiedentlich wurde seit Jahren über das aerotoxische Syndrom berichtet, welches durch das Zapfluftsystem verursacht werden soll. Die Kabinenluft wird dabei aus den Ansaugstutzen der Triebwerke entnommen und kann durch giftige Gase kontaminiert werden. Allerdings ist nicht bekannt, dass es dadurch jemals zu einem Unfall gekommen wäre. Bewusstlosigkeit von Piloten wurde ebenfalls noch nicht berichtet, wohl aber Bewusstlosigkeit von Passagieren und Flugbegleitern.

Eine Beschäftigung mit der Frage, ob durch Gase in der Kabinenluft, auch ohne plötzlichen Druckabfall schwere und schnell auftretende Bewusstseinsstörungen auftreten können, sollte allerdings international vermehrt stattfinden. Bisher beschäftigt sich in Amerika nur die Universität von Nebraska damit.

Zuletzt sei noch einmal darauf hingewiesen, dass auch bei dem vermissten Flugzeug, einer Boeing, des Fluges MH 370 vor zwei Jahren gesichert ist, dass die Maschine noch stundenlang auf Autopilot weitergeflogen ist, die Crew also bereits kurz nach dem Start das Bewusstsein verloren haben muss. Auch der Flug 4U9525 scheint sein verhängnisvolles Schicksal bereits kurz nach dem Start in Barcelona gefunden zu haben, da die Reiseflughöhe in regulärer Zeit erreicht wurde, aber nach einer Minute bereits wieder ohne Vorankündigung verlassen wurde. Möglichweise war die Crew bereits in diesem frühen Stadium des Fluges bewusstlos.

Die Gefahr des Ansaugens von giftigen Gasen dürfte, wenn sie überhaupt besteht, während der ersten Phase des Fluges am größten sein, da hier die Triebwerke auf Volllast laufen und dementsprechend viel Abgas produzieren. Dies könnte bedeuten, dass bereits nach dem Steigflug im Cockpit niemand mehr bei Bewusstsein war.

Schließlich sei das Flugzeug bereits am Vortag wegen einer klemmenden Bugrad-Klappe stundenlang am Boden geblieben. Wenn es nicht gerade die Scharniere oder die Stellmotoren gewesen sind, könnte bei einem fünfundzwanzig Jahre alten Flugzeug auch über eine Verwindung des Rumpfes und der Struktur nachgedacht werden, die zu dem Klemmen der „nose door“ geführt haben. Bereits kleine Risse in der Struktur eines solchen Flugzeuges können unter den Druckverhältnissen im Flug zu stärkeren Strukturschäden führen, die möglichweise auch eine Leckage im Bereich der Kabine bewirken. Dies wäre dann doch noch eine Überlegung, die Richtung eines plötzlichen Druckabfalles in der Kabine und Cockpit geht. Dann aber, hätte die Crew doch eigentlich reagieren müssen, denn technisch gesehen kommen bei einem starken Druckabfall die Sauerstoffmasken aus der Decke.

Ob auch ein schleichender Druckabfall möglich ist, der unbemerkt zu einer Hypoxie führt, vermag ich in Bezug auf ein großes Passagierflugzeug nicht zu sagen. Allerdings ist der Fall einer Cessna Citation bekannt, die über eine Stunde mit bewusstlosen Piloten über die Nordsee flog, weil ein sehr kleines Loch am Boden des Cockpits zu einem Druckabfall geführt hatte, den die Piloten wohl nicht bemerkt hatten. Die Maschine stürzte dann schließlich wegen Treibstoffmangels ab.

Es steht also auch die Frage im Raum, ob so alte Maschinen nicht möglicherweise irgendwann Strukturschwächen bekommen, die dann Risse oder Löcher begünstigen, die im ungünstigsten Falle zu einem Druckabfall im Cockpit führen, der dann nicht immer sofort bemerkt werden muss. In so einem Falle könnte es tatsächlich für die Piloten zu spät gewesen sein und der Sinkflug wäre somit vielleicht noch eingeleitet, aber nicht mehr kontrolliert worden, weil die Piloten das Bewusstsein verloren haben.

Spekulationen, gewiss. Aber auch Fragen, auf die Antworten erwartet werden können.

Inzwischen mehren sich Berichte, die von einem ähnlichen Szenario ausgehen. Ein Druckabfall im Cockpit veranlasste die Piloten, den Sinkflug einzuleiten, bevor sie bewusstlos geworden seien. Der einzige Haken an diesem Szenario ist, dass normalerweise der Sinkflug per Computer in 3700 Metern Höhe beendet wird, also in einer Höhe, wo einigermaßen normal geatmet werden kann. Der Airbus aber sank widerstandslos bis zu einer Höhe von 1500 Metern ab, bevor er in das Terrain flog. Mit dem Computer wäre das wohl nicht gegangen? Eine weitere ungeklärte Frage.