30052014Sönke Paulsen, Berlin

Im siebten Jahr des Aufschwunges trotz Krise, möchte man meinen, dass Deutschland vor Kraft strotze. Wenn man sich aber die Menschen ansieht, die die wirtschaftliche Prosperität erarbeiten, bekommt man Zweifel. Gerade ging der gestiegene Konsum von aufputschenden Medikamenten und Drogen unter Arbeitnehmern durch die Medien. Doping für die Arbeit scheint ein breiteres Phänomen geworden zu sein und kommt inzwischen nicht nur bei Managern vor.

Auch in medizinischen Berufen, sogar in der Krankenpflege sind Selbstmanipulationen mit Medikamenten häufiger geworden. Eine Reportage auf Phönix berichtete kürzlich über diesen Trend und seine Opfer.

Fast überall wird berichtet, dass die Arbeitsbelastung zunähme und wie als Reaktion darauf nehmen seit einigen Jahren auch die Frühberentungen durch psychisches Störungen und Erkrankungen zu, laut Berichten der Rentenversicherungen teilweise im zweistelligen Bereich pro Jahr!

In einer Reportage über Spanien und seinen Arbeitsmarkt, die im Plusminus-Magazin der ARD erschien, erzählte ein spanischer Taxifahrer, dass die Krise sich wohl bessere. Er erkenne das an der allgemeinen Zunahme des Straßenverkehrs, die Leute führen wieder mehr zur Arbeit.

In Deutschland ist das schon seit Längerem so. In den Metropolen steigt die Verkehrsdichte nicht nur gefühlt wegen der vielen Baustellen an, sondern auch faktisch. Die Zulassungsstellen für Kraftfahrzeuge haben Konjunktur. In Berlin trifft man dort alle Nationalitäten, besonders aus Süd- und Osteuropa.

Die Berichte über Arbeitskräfte, die beispielsweise aus Spanien nach Deutschland kommen, spiegeln dabei nur selten die Probleme wieder, welche die Leute hier haben. In Berlin ist es beispielsweise schon fast unmöglich geworden, sich in Bürgerämtern anzumelden, weil diese so überlaufen sind, dass inzwischen ein lebhafter Handel mit Wartemarken entstanden ist. Ein guter Warteplatz koste demnach zwischen fünf und zehn Euro. Als Reaktion darauf haben viele Bezirksämter auf reinen Terminbetrieb umgestellt, was zur Folge hat, dass man nun einen halben Tag online bleiben muss, um auf einen der begehrten Termine zu lauern und dann wahllos zuzugreifen, auch wenn man dann für einen Termin am anderen Ende der Stadt ein Bezirksamt aufsuchen muss.

Man steht einigermaßen fassungslos vor solchen Entwicklungen und fragt sich, ob das der Sinn der Sache ist, insbesondere dann, wenn man selbst in diesem Gewusel noch seinen Alltag bewältigen muss.

Europa scheint zumindest aus den Fugen zu geraten und sich dabei viel zu sehr auf Deutschland zu zentrieren. Das ist nicht gut. Wir haben in Europa zu viel politische Macht, wir haben zu viel Wirtschaftskraft und vor allem fehlt der soziale Kit, der das alles zusammen hält.

Nun ist der Spruch, in Deutschland sei die Stimmung schlecht, fast schon ein Evergreen. Wann war sie es mal nicht?

Ganz schlecht erscheint es aber, wenn nun ganz Europa in den Sog der „schlechten deutschen Laune“ und der deutschen „Arbeitsmanie“ gezogen wird. Der Mythos von der Wirtschaftslokomotive führt dabei zu nichts gutem. Wir sind gerade dabei die europäische Wirtschaftskraft auf ein einziges Land zu zentralisieren. Was soll dabei herauskommen?

Es gibt ein treffendes historisches Beispiel für unsere aktuelle Situation. Ich meine die Leibeigenschaft die sich mit sechzehnten Jahrhundert nach verschiedenen Kriegen und Krisen in Europa ausbreitete. Deutschland war hier der Vorreiter.

Im Prinzip haben sich die ehemaligen Ritter damals von einer bescheidenen eigenen Landwirtschaft zu landwirtschaftlichen Großunternehmern entwickelt und dafür immer mehr Bauern in ihre Abhängigkeit gebracht. Die Dörfer wurden unter der Führung eines adeligen gewissermaßen zentralisiert und die ehemals freie Bauernhöfe „niedergelegt“, wie man das nannte. Sie wurden dem Grundbesitz der Adeligen zugeschlagen und die Bauern in Leibeigenschaft  genommen.

Trotz der sehr verkürzten Darstellung lohnt es, das Resultat der Leibeigenschaft zu erwähnen. Die Frohndienste auf den wenigen verbliebenen Gutshöfen bewirkten eine Verödung weiter Landstriche, die in diesem System nicht mehr bewirtschaftet wurden. Die nun leibeigenen Bauern haben nicht mehr auf ihrer eigenen Scholle gewirtschaftet und ließen sie verfallen, während die Großgrundbesitzer die Verantwortung für immer mehr Abhängige bekamen, die ihrerseits immer weniger Mut und Eigeninitiative entwickeln konnten. Die Bildung der Menschen ging ebenso in den Keller, wie die allgemeine Produktion an Nahrungsmitteln. Es dauerte fast dreihundert Jahre, bis die Leibeigenschaft wieder weitgehend aus den ländlichen Strukturen Europas verschwand. Zuletzt gaben auch die hartnäckigsten Feudalherren unter entsprechendem Druck große Bereiche ihrer Ländereien an die Bauern zurück, damit die Landwirtschaft insgesamt wieder prosperieren konnte.

Was sagt einem das?

Es ist nicht gut, Wirtschaftskraft an wenigen Orten konzentrieren zu wollen und damit Monopole Weniger zu errichten, die Viele dazu zwingt, sich in deren Abhängigkeit zu begeben. Am Ende schrumpfen die Märkte auf wenige florierende Zentren zusammen und der Rest verödet.  Ähnliche Entwicklungen gab es übrigens auch in den industriellen Zentren des neunzehnten Jahrhunderts, die eine verarmte Landbevölkerung anzogen, welche auf ihren durch Monopolwirtschaft erneut verkleinerten landwirtschaftlichen Parzellen kein Auskommen mehr fanden. Die gewaltigen sozialen Spannungen, die durch diese „industrielle Reservearmee“ (nach Marx) entstanden, entluden sich schließlich im zwanzigsten Jahrhundert in zwei katastrophalen europäischen Kriegen, mit Millionen von Toten.

Es kommt einem der Verdacht, dass wir Deutsche noch immer nicht umgedacht haben, dass wir noch immer noch nicht verstanden, was der Sinn einer weisen Selbstbegrenzung ist. Vermutlich versteht die Bundesregierung auch nicht, dass mäßige wirtschaftliche Prosperität für alle besser ist, als ein deutscher Dampfbeschleuniger, der alles daran setzt, den Globalisierungswettlauf zu gewinnen. Wir stehen wieder am Anfang dieser Verödung weiter Landstriche in Europa und die Politik hat hierzulande nicht einmal die Absicht ein adäquates Rezept dagegen zu entwickeln.

Unterm Strich sollten die Deutschen sich weniger anstrengen, mehr auf Arbeits- und Lebensqualität achten und Marktanteile auch mal Italienern und Franzosen, vielleicht auch Spaniern und Rumänen überlassen, was ohne weiteres zu verschmerzen wäre. Eine so verteufelte „Transferunion“ in der wir angeblich die Schulden anderer Mitgliedsstaaten bezahlen ist gar nicht so ein falscher Weg, weil die anderen Regierungen auf diese Weise schnell wieder investitionsfähig werden.

Auch die Beschwerden, dass die Süd- und Osteuropäer mit ihrem Geld ineffizient umgehen und zu viel in den korrupten und schwerfälligen staatlichen Institutionen versickert könnte man von einer anderen Seite sehen. Wenn Deutschland nicht mehr so im Geld schwimmen würde, müssten wir auch hier unsere Institutionen straffen und die Ausgabenseite besser kontrollieren, auch hier müssten wir dann Korruption abbauen, was dringend erforderlich wäre und schließlich könnten wir mit weniger besser auskommen.

Wir Deutschen müssen also nicht ein Heer von Europäern in unseren Produktions- und Dienstleistungsmaschinen versklaven, sondern können es uns durchaus leisten, weniger, aber gerechter und entspannter zu erwirtschaften. Andernfalls könnte das Bild von der Wirtschaftslokomotive schnell zu dem Zug werden, der über Europa fährt und die Gärten der anderen zerstört. Genug Klagen hört man seit Jahren darüber.

Die Frage ist nur, wann wir Deutschen endlich anfangen, zuzuhören?

(Foto: Gedächtnisbüro 2014 Das Bild zeigt eine Armenspeisung vor einer Kirche in Nizza im Juni 2014)