Deutschland spricht miteinander. Das wäre dringend nötig und die Initiative unter der Schirmherrschaft von Walter Steinmeier ist zu loben, aber sie greift zu kurz.

Wenn Deutschland spricht, dann sprechen zwei verschiedene Länder mit unterschiedlichen Traditionen, die in den letzten dreißig Jahren nicht zusammengefunden haben.

4300 Paare sprechen deutschlandweit und medienwirksam, gut gematched in ihren gegensätzlichen Meinungen. Wir sind aber über achtzig Millionen!

Es gibt zwei Deutschlands mit zwei verschiedenen Traditionen

Wenn von gesellschaftlicher Polarisierung oder gar Spaltung gesprochen wird, vergisst man gern, dass wir ohnehin ein gespaltenes Land sind, denn wir wurden aus zwei verschiedenen Ländern zusammengesetzt.

Die Wessis haben dabei eine andere Biografie und vor allem eine andere Tradition, als die Ossis und diese Unterschiede kann man nicht dadurch bewältigen, dass man die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet und somit die Ostdeutschen in ihrer demokratischen Geschichte delegitimiert.

Das ist nicht nur unfair, sondern es zerstört auch die Verständnisgrundlage mit der wir die Positionierungen in beiden Teilen Deutschlands erkennen können.

So wurden im Osten die Werte einer sozialistischen Mehrheitsgesellschaft auch nach der Wende zwischen den Generationen weitergegeben. Nicht ganz unwesentlich zu wissen, wenn man darüber rätselt, warum linke Parteien im Osten ein konservatives Weltbild haben.

Konservative sind nicht Konservative

Es handelt sich dabei um einen konträren Konservativismus, weil er grundsätzlich antikapitalistisch ist und sich auf die sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung im Osten bezieht und nicht auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Unternehmen, wie im Westen.

Im Westen haben sich dagegen die Konservativen modernisiert, weil sie gezwungen waren, jahrzehntelang mehreren linken Bewegungen hinterher zu hecheln, was auch als wirtschaftlich opportun galt. Die Grenzziehungen zwischen progressiven und konservativen Lagern im Westen sind also sehr viel schwieriger geworden.

Wenn das konservative Lager im Westen vor allem den wirtschaftlichen Fortschritt im Blick hat und hierüber Anschluss an die Jugend findet, die vielleicht idealistisch orientiert, hedonistisch korrumpiert oder einfach angepasst sein mag, gibt es in Ostdeutschland einen völlig anderen Konservativisimus.

Dieser ist, seit der Wende, oppositionell, nicht auf der Gewinnerstraße und sieht in der hochgelobten Freiheit des Westens ein kapitalistisches Unterdrückungsinstrument. Schnitzlers Schwarzer Kanal lässt grüßen. Es ist nicht zu unterschätzen, dass eine große Zahl von Ostdeutschen immer noch den Klassenfeind ziemlich klar vor Augen haben und der kommt eben aus dem Westen.

Die höhere Arbeitslosigkeit und die unterdurchschnittlichen Wohlstandsverhältnisse in den neuen Bundesländern, dürften das ihre beigetragen haben, dass man dem westlichen Kapitalisten heftig misstraut.

Konservative in Ostdeutschland sind also eher die Widersacher der Konservativen im Westen.

„Progressiv“ hüben und drüben sind zwei verschiedene Schuhe, die nicht zusammenpassen

Wer sich im Westen als progressiv versteht, hält sich für weltoffen, kreativ und tolerant gegenüber allen Minderheiten (von den Rechten einmal abgesehen). Sascha Lobo, ein digital identifizierter Spiegel-Kolumnist, meinte beispielsweise anlässlich der Eröffnungsveranstaltung von „Deutschland spricht“: „Wir sprechen mit allen, außer mit Neonazis.“ Wer die weite Definition der Linken, was ein Neonazi ist, kennt, weiß auch, dass Lobo damit so gut wie alle rechten Positionen meint, die ihm nicht passen.

Ein typischer Progressiver westlichen Zuschnitts also, für den Toleranz am Tellerrand des linken Weltbildes endet. Auch gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft haben westliche Progressive keinerlei Toleranzreserven aufzubieten, man hat sich schließlich auf Minderheiten konzentriert und empfindet die Hauptaufgabe des Staates als eine Schutzmacht für alle, die eben nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören.

Dabei gehen ganz nebenbei im Kapitalismus die Interessen und Anliegen der großen Mehrheit der Bevölkerung baden und für den daraus resultierenden Sozialabbau trösten sich die Progressiven im Westen eben mit der Emanzipation von Minderheiten.

Das hat im Westen Tradition, weil in fast alle linken Bewegungen einschließlich der Grünen, nicht akzeptierte Minderheiten aufgenommen wurden und überproportional viel Gehör und Beachtung fanden. Eine Abgrenzung gegen die damalige westliche Mehrheitsgesellschaft der BRD, die diesen Bewegungen ihre Identität verlieh. Die heutigen Funktionäre der progressiven Parteien sind eben auch damalige Bewegte, die ihre linken politischen Ideale jetzt in Gesetze umwandeln können.

Gegenüber dem Staat haben die Progressiven im Westen eine ausgesprochen reservierte Einstellung und vertrauen lieber auf ein Netzwerk von NGOs, in dem sie sich positionieren, als in der Parteienlandschaft oder gar in staatlichen Organisationen. Die Mitarbeit dort ist immer noch gedanklich geprägt vom „langen Marsch durch die Institutionen“, also oppositionell. Dies erklärt auch, dass viele Progressive im Westen kaum motiviert sind, sich von linken Gewalttätern zu distanzieren, wie sie massenweise auf dem letzten G20-Gipfel in Hamburg oder regelmäßig in Berlin auftreten. Auch die kriegsähnlichen Verhältnisse im Hambacher Forst machen den Grünen unter den Progressiven kein Kopfzerbrechen.

Der Staat ist für die meisten Progressiven eben ein Modell, das es zu überwinden gilt, der Nationalstaat ganz besonders.

Progressive aus dem Osten kommen mit einem völlig anderen Mindset

Wer im Osten progressiv war und ist, versteht sich auf Bürgerrechte. Diese haben für progressive Gruppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR äußerste Priorität. Dabei geht es keinesfalls, wie im Westen, um die richtige, progressive Gesinnung. In Anklang an die alten Bürgerrechtler der DDR und das Bündnis 90 sind die Bürgerrechte ein Wert an sich, egal, welche politische Auffassung vertreten wird.

Entsprechend sensibel reagiert man im Osten, wenn gesellschaftliche Gruppen vom Diskurs ausgeschlossen werden, auch wenn es Rechte sind, wenn die Medien und die Politik bevormundend und paternalistisch daherkommen, was man ja aus der SED-Zeit zur Genüge kannte. Die Progressiven im Osten sind vor allem kritisch und gehen dabei schnell über ideologische Grenzen hinweg, die ihnen nicht so wichtig sind. Eine progressive Gesinnungsethik wie im Westen oder aber eine ideologische Bindung lehnen die Ossis unter den Progressiven meist ab. Sie können sich kirchlich, ökologisch oder sozial identifizieren, aber das macht sie nicht aus.

Progressiv im Osten heißt kritisch und nicht ideologisch.

Deshalb sind die Progressiven aus den neuen Bundesländern eben durchaus auch in der Lage, Partei für Rechte zu ergreifen, sich an wütenden Protesten gegen Merkel und die Lügenpresse zu beteiligen und dennoch hohen Wert auf Bürgerrechte für alle zu legen. Sie werden dadurch keine Rechten und schon gar keine Nazis, weil sie durchaus auch den Minderheitenschutz auf dem Plan haben, bzw. emanzipatorische Bewegungen.

Im Unterschied zu den Konservativen im Osten, die auch für Minderheitenschutz sind, aber eben nicht für solche, die aggressiv und fordernd auftreten und sich gesellschaftlich in den Vordergrund spielen. Gegen die haben östliche Konservative einen ausgeprägten Widerwillen, der ein bisschen an den Putinismus in Russland oder die konservative Regierung in Ungarn oder Polen erinnert.

Fazit:

Wenn Deutschland sprechen will, sollte es die unterschiedlichen Standpunkte und Positionen im Osten und Westen berücksichtigen und sich klar machen, dass ein Progressiver im Osten eher ein anderes Mindset hat, als der oder die aus dem Westen. Das gleiche gilt für Konservative aus beiden Teilen Deutschlands. Schließlich haben wir es mit den zwei Deutschlands zu tun, die wirklich unterschiedliche Länder waren, unterschiedliche Traditionen haben und einfach so zusammengesetzt wurden, als wären sie schon immer eins gewesen.

Das rächt sich gerade im gesellschaftlichen Diskurs, auch bei dem Thema „Migration“ ganz gewaltig. Wer mit einem völlig einseitigen oder ideologischen Mindset in die Diskussion geht und dabei auch noch die Empathie vermissen lässt (die Empathie im Westen für die Ossis ist ohnehin nicht besonders groß), wird zur Überwindung der Spaltung unseres Landes nicht viel beitragen können. Genauso wenig eben, wie Leute von der Art eines Sascha Lobo, die vor allem ihr eigenes Weltbild bestätigt wissen wollen.