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Die Grafik zeigt die Entwicklung des Government Restriction Index (hier in Bezug auf religiöse Gruppen) im Verhältnis zum Social Hostility Index der Bevölkerung (sprich Intoleranz). Der GRI nähert sich auch in Deutschland dem SHI an. Das Regierungshandeln wandert also mit der Bevölkerung nach rechts oder Richtung Restriktion. Grafik aus einer Studie, die auf der Website Gedächtnisbüro schon mehrfach zitiert wurde.

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro -Berlin

Eine Gesellschaft lässt sich nicht diagnostizieren. Das soll hier auch gar nicht versucht werden. Aber ein Stimmungsbild, vielleicht ein Zustandsbild der Deutschen ist fällig.

Der Sommer war heiß. Vielleicht kommen noch ein paar warme Tage, aber im Prinzip ist er vorbei. Ich hatte keinen Urlaub, weil ich einen neuen Job hatte (Probezeit) bin aber nicht wirklich unglücklich darüber. Die Arbeitsatmosphäre ist gut, die Leute nett und der Posten ist gut dotiert. Mir fiel sogar auf, dass es sich auf der Arbeit ganz gut leben lässt.

Wenn nur der Weg dorthin nicht wäre, die Straßen waren mal wieder mörderisch, diesen Sommer. Baustellen, kaputte LKWs aus allen Ländern, die zusätzlich Staus verursachten und die berühmten „Idioten“, die Drängler, die Aggressiven, die „Gefährder“ aus allen Ländern haben mir den Weg zur Arbeit oft genug vermiest.

Eigentlich nichts neues, aber ich habe langsam die Nase voll davon. Mir geht die Geduld mit den Leuten aus, die hauptsächlich ihr Ego spazieren fahren und dabei Unfälle verursachen – auch tödliche.

Zuhause in Berlin im Hinterhof, der eigentlich ein Park ist und zum Entspannen einlädt, Schreierei, wegen eines Hundes, der ein Kind angebellt hat, das sich erschrak und weinend weglief. Aus allen Fenstern kamen böse Sprüche, von den Balkonen hagelte es Kritik, der Hundebesitzer machte den Fehler sich lautstark zu verteidigen, das Hündchen stand ratlos daneben. Wäre er doch still von dannen gezogen. So aber musste ich miterleben, wie sich die verkotzte Seele der Wahlberliner entleerte und ihre Wut auf alles und jeden Luft machte. Ein Shitstorm im Hinterhof wie gesagt, wo ein Hundebesitzer zur Minna gemacht wurde.

Am liebsten hätte ich auch gerufen, aber etwas anderes. Normalerweise lieben Kinder Hunde und Hunde Kinder, das Problem sind verkorkste Herrchen und hysterische, hypochondrische und schlecht erzogene Eltern, die sich einbilden etwas Gutes zu tun, wenn sie andere Leute moralisch fertig machen. „Hund greift Kind an, schrecklich“, dabei hat das junge Hündchen nur einmal „Wau“ gesagt.

Umgekehrt gibt es das natürlich genauso. Laute Kinder, werden vom Balkon noch lauter zur Ruhe geschrien, weil sie irgendwelche neurotischen Akademiker vom Denken abhalten. Oder nachts werden Leute, die sich eher leise auf dem Balkon unterhalten, durch empörte Ruhe-Rufe und ganze Hasstiraden vertrieben, dass es nun langsam reicht, dass man schon vorletzte Nacht unter der nächtlichen Unterhaltung keine Schlaf gefunden habe, rücksichtslos, unverschämt, es reicht.

Für Berlin kann ich das schon eindeutig konstatieren, dass hier schon seit Jahrzehnten Egomanen aus dem gesamten Bundesgebiet angeschwemmt werden, die keine Toleranz und vor allem kein Benehmen haben. Nun gut, Berlin ist nicht Deutschland. Aber die letzte Egomanin, die mich geärgert hat, kam aus Köln. Die wollte unbedingt, dass wir die Schranke vom Parkplatz offen halten und sie vor uns rausfahren lassen, weil sie es eilig habe. Dabei waren wir vor ihr, selbst auf dem Weg zur Arbeit und spät dran. Ihr Vorwurf lautete auf mangelnde Hilfsbereitschaft, nur weil sie selbst ihren Schlüssel ins Schloss stecken sollte. Oh lala!

Berlin boomt und befindet sich im Zustand einer gereizten Manie?

Wie im Hinterhof so in der Politik

Auf dem Lande in Brandenburg ist es da schon angenehmer. Die Nachbarn sind freundlich und wissen warum. Man braucht sich gegenseitig. In Berlin braucht man sich eben nicht und stört sich nur gegenseitig. Ich würde das Landleben allerdings noch mehr genießen, wenn nicht die NPD-Plakate vor unserem Grundstück und die vielen Nazi-Graffitis an den Garagenwänden wären.  Auf dem Land fürchtet man sich vor dem, was in der Stadt längst Realität ist, dem Multi-Kulti-Gefühl. Vielleicht weil der Zusammenhalt der Leute dort noch besser ist und man deshalb keine Eindringlinge möchte. Schwer zu sagen, auf jeden Fall ist es Psychologie.

Mit Psychologie macht man allerdings Politik. Was auf dem Land die Angst vor Überfremdung ist, ist in der Stadt die Furcht vor einem neuen Rassismus. Die Politik larviert dazwischen, fordert den Aufstand der Anständigen und zugleich schnelle Bearbeitung von Asylanträgen (womit schnelle Abschiebung gemeint ist). Angesichts von knapp einer Million Flüchtlingen, die in diesem Jahr erwartet werden, gibt es die Befürchtung, dass die Gesellschaft zu stark nach rechts kippen könnte.

Die Frage ist nur, was passiert, wenn die Gesellschaft nach rechts kippt? Rechte und ausländerfeindliche Parteien erreichen nie mehr, als ein paar Prozent. Die eigentliche Gefahr droht wohl eher von den Opportunisten in den großen Volksparteien. Die sind durchaus gut dafür, am rechten Rand die entscheidenden Wählerstimmen holen zu wollen und dann wird „Ausländerfeindlichkeit“ wieder hoffähig, durch die Hintertür gewissermaßen. Sarkozy hat es in Frankreich vorgemacht und bei uns haben wir Persönlichkeiten wie Sarrazin in der SPD und die Verfechter der „Deutschen Leitkultur“ in der Union.

Es ist ziemlich sicher, dass eine solche Entwicklung eintritt, wenn die Zuwanderung der Flüchtlinge nicht begrenzt wird. Aber es ist auch ziemlich sicher, dass wir Zuwanderung brauchen. Das Problem sind nur unsere Gesetze und eine recht dumpfe Ideologie der vornehmlich linken Öffentlichkeit, die derzeit die Medien dominiert und bei jeder Reformdiskussion über das Asyl- und Einwanderungsrecht Gift und Galle spuckt. Das verhindert eine nüchterne Betrachtung der Situation.

Die Deutschen sind gereizt, wegen ihrer eigenen Feindlichkeit und der daraus resultierenden Feindlichkeit auch gegen andere. Man hat kein „Wir-Gefühl“ mehr, will aber auch keine Verantwortung für andere tragen. Die vorherrschende Mentalität ist, im Labyrinth einer fließenden, vielleicht zerfließenden Gesellschaft, auf das eigene Ego zu setzen und einen möglichst guten Schnitt zu machen. Das Wir-Gefühl entsteht wiederum nur dann, wenn man sich gegen die anderen (in diesem Falle Asylanten) richtet. PEGIDA lässt grüßen.

Leider ist im ideologischen Polit-Dschungel eine nüchterne Betrachtung des Problems nicht möglich. Ungezielte Einwanderung beschleunigt den Zerfall einer Gesellschaft deren Zusammenhalt ohnehin kontinuierlich abnimmt. Also muss man entweder zu einer gezielten Einwanderung (wie beispielsweise in den ungeliebten USA) übergehen oder aber der ungezielten Einwanderung einen Sinn verpassen. Beispielsweise indem man Flüchtlinge schnell arbeiten lässt und schaut, wie sie sich am Arbeitsmarkt bewähren. Wenn es den Leuten gelingt, sich eine Arbeit zu besorgen, die ihren Lebensunterhalt zumindest teilweise sichert, braucht man sie nicht mehr durch das Asylrecht zu schützen, sondern kann sie als Einwanderer gelten lassen. Wenn nicht, dann nicht.

Gegen solche Auffassungen wird sowohl von linker Seite rebelliert (Ausbeutung von Flüchtlingen durch den Arbeitsmarkt), als auch von der rechten Seite der Gesellschaft (Flüchtlinge nehmen Deutschen die Arbeit weg). Die fehlende Einigung über das Thema und vor allem die fehlende offene Diskussion stärkt dann wieder die radikalen Kräfte, die nicht mit Argumenten sondern mit Molotow-Cocktails auf Asylunterkünfte kämpfen. Eine ungute Entwicklung, bei der sich keinerlei Lösung anbahnt. Im Prinzip blockieren sich da die Hypochonder des linken und rechten Spektrums gegenseitig und machen durch die verhinderte Lösung den politischen Raum für die Schlimmsten der Schlimmen auf. Auch nicht gut.

Mitten im Boom zeigt das Beispiel der ungelösten Flüchtlingsfrage, wie stark Deutschland blockiert ist. Die Blockierung zeigt sich aber auch noch in ganz anderen Fragen, beispielsweise dem ideologischen Krieg um die Familienförderung, bei dem vor allem die Linken sich als Destruktivisten hervor tun. Was war eigentlich gegen das Erziehungsgeld zu sagen? Natürlich nicht der große Wurf, eher eine kleine symbolische Anerkennung an konservative Familien, die es ja wohl auch geben muss. Gekippt durch linke Hegemonen, die aus Tradition den gesellschaftlichen Zerfall fördern und sich dabei moralisch gut fühlen wollen. Was für ein krankes Politikgefühl!

Blockierung, die weiter zum Schrumpfen unserer Gesellschaft beiträgt, während andere europäische Länder ihre traditionellen Strukturen betonen und die Familien gezielt aufwerten, wie Frankreich und Italien. Damit hat zumindest Frankreich eine klare Wende im negativen Bevölkerungswachstum erreicht. Für deutsche Ideologen von links, scheint das aber kein Argument zu sein. Gegen intakte und geförderte Familienstrukturen spielen die lieber die Gleichstellung der Homosexuellen Partnerschaften aus, obwohl das eine mit dem anderen rein gar nichts zu tun hat! Egal, die konservativen Familien sind in Deutschland eben nicht die Zielgruppe der Linken und deshalb werden sie bekämpft und mit ihnen das Bevölkerungswachstum.

Deutschland ist ein Land, in dem sich die Menschen permanent, aversiv und bösartig gegenseitig auf den Schuhen herumstehen und dabei verhindern, dass der eine einen Schritt ohne die Erlaubnis des anderen machen kann. Das Berliner Politspektakel zeigt dies genauso deutliche, wie die Schreiereien in unserem Hinterhof.

In England ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. In Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist. Eine Gesellschaft nimmt sich kollektiv gegenseitig die Luft zum Atmen und verhindert die Lösung der eigenen Probleme.

Das Zustandsbild ist also denkbar schlecht und ich kann auch am Horizont keine Generation entdecken, die das ändern könnte. Leider also ein dickes Minus für uns und trotz Boom schlechte gesellschaftliche Zukunftsaussichten.

Und was nun?