Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro-Berlin

Von schroffer Ablehnung bis hin zur fanatischen Idealisierung von Asylbewerbern reichen derzeit die Kommentare und Artikel über Menschen aus anderen Ländern, die bei uns Zuflucht gesucht haben. Gerade erschien ein Artikel über einen bayerischen Schuldirektor, der wegen der Unterbringung von 150 männlichen Asylbewerbern in der Turnhalle auf gemäßigte Kleidung, insbesondere bei den Schülerinnen hinweist. Ein Sturm der Entrüstung folgte, von rechts von links, von multikulti und erzkonservativ und jeder wusste es besser!

Eines hat sich dabei eindeutig gezeigt. Wir verfügen mit unserer politischen Etikette mit den Maßstäben der politischen Korrektheit nicht im Geringsten über Wertmaßstäbe, die sich auf die Migranten aus anderen Kulturen anwenden lassen. Viele sind bereit, Migranten mit Asylwunsch zu akzeptieren, aber sie haben sich bitte als „gut“ in unserem Sinne zu erweisen. Wenn nicht, wird entweder neurotisch verdrängt, rationalisiert oder der Konflikt bricht offen aus und man lehnt die Menschen rundweg ab.

Die Politik mischt dabei kräftig mit. Gerade in Regionen, die in Deutschland sozial schwach sind, wenig Erfahrungen mit Ausländern aufweisen und über wenig gut ausgebildetes Personal verfügen, werden die größten Asylunterkünfte eingerichtet. In Brandenburg oder dem Sauerland, in den strukturschwachen nördlichen Regionen Sachsens oder in Thüringen, irgendwo in Bayern, irgendwo in einer Ortsrandlage, einem ausgewiesenen Industriegebiet ohne Wohnstruktur. Überall zeigt sich, dass Asylanten eigentlich nicht in die Gesellschaft hineingelassen werden.

Nur, niemand gibt das zu! Politische Korrektheit, nicht als Wegweiser für das richtige Verhalten, sondern als Feigenblatt für eine korrekte „Sprachregelung“ reicht da eben nicht aus.

Natürlich versucht auch kein Lokalpolitiker eine Wohneinrichtung mit vielen Asylbewerbern in Berlin Zehlendorf, mitten in einem Villenviertel oder in Hamburg-Blankenese einzurichten, obwohl es geeignete Objekte dafür zur Genüge gäbe.

Warum nicht?

Die Bewohner fürchten Dreck, Lärm, Kriminalität oder einfach nur den Anblick der Armut, die aus anderen Ländern zu uns kommt. Alles irrational, neurotisch verzerrt, aber diese Bewohner in den schicken Vierteln unserer Städte wissen sich diskret zur Wehr zu setzen. Sie werfen keine Brandsätze gegen Objekte welche für diese Menschen gedacht sind, aber sie nutzen ihre Beziehungen, damit es gar nicht so weit kommt, damit ein anderes Objekt genutzt wird. Selbst diesen Vorwurf lässt man in Blankenese nicht gelten, weil man auch dort ein paar kleine Vorzeigeunterkünfte hat, aber eben nicht mit sechstausend Bewohnern, wie derzeit in Eisenhüttenstadt geplant.

Die Kehrseite dieser Haltung gegenüber Asylanten ist die Politik der Bundesregierung, die knallhart Zuwanderung von Flüchtlingen, beispielsweise aus den stark belasteten südlichen Ländern, wie Italien verhindert. Es wird auf Kontingente verwiesen, die gerecht verteilt sein müssten. Global betrachtet sind aber die Minizahlen an Flüchtlingen, mit denen Deutschland sich abgibt Peanuts. Allein der kleine Libanon hat mehrere Millionen Flüchtlinge innerhalb seiner Grenzen.

Man fragt sich, was so schlimm daran sei, für ein so reiches und großes Land wie Deutschland, ein paar mehr Flüchtlinge aufzunehmen, sie bei uns arbeiten zu lassen und sie zu integrieren?

Die Gründe sind rational nicht nachvollziehbar, weder wenn mit steigender Arbeitslosigkeit, zu hohen Sozialkosten oder Überfremdung der Bevölkerung argumentiert wird, noch wenn über Verteilungsgerechtigkeit in Europa geredet wird. Deutschland ist bisher kaum belastet worden.

Das Unerträgliche an der ganzen Situation ist, dass diejenigen in unserem Land, die am wenigsten mit Asylanten zu tun haben wollen, die gehobenen, wohlhabenden bürgerlichen Schichten in den schönen Vorstädten und schicken Stadtvierteln, dem Rest der Gesellschaft die politisch korrekte Einstellung gegenüber Asylanten gewissermaßen aufzwingen und ihre politische und mediale Macht täglich dafür nutzen.

Der Hartz-IV-Empfänger in Eisenhüttenstadt, der Ausländer ablehnt und im einen oder anderen Fall durchaus rassistisch argumentiert, wird  gesamtgesellschaftlich diskreditiert, obwohl er ein geradezu zwingendes Argument auf seiner Seite hat. Die meisten Asylbewerber leben direkt bei ihm um die Ecke. Er mag primitive und rassistische Vorurteile haben, aber wenigstens ist er nicht neurotisch.

Was fehlt, sind pragmatische Einstellung und nüchterne Analyse.

Wenn wir endlich aufhören würden zu ideologisieren und zu lügen, wäre eine humane Perspektive für das Aufnahmeland Deutschland auch erreichbar.

Natürlich gibt es in der EU genug Länder, die versuchen, sich ganz aus der Flüchtlingsfrage heraus zu halten, aber wir in Deutschland müssen das nicht und haben es auch nicht nötig. Wir können uns ohne weiteres Flüchtlingszahlen von einer Million oder mehr erlauben, wenn wir unseren Arbeitsmarkt für Asylsuchende öffnen und diejenigen, die Arbeit finden  nach einem liberalen Zuwanderungsrecht hier halten. Das wäre vernünftig und gar nicht so kostspielig. Es wäre sogar ein kleiner Beitrag für den Weltfrieden. Denn wir sind eines der Länder, in dem man zumindest theoretisch, den friedlichen Umgang der Volksgruppen unterschiedlichster Herkunft trainieren kann.

Die Überfremdung ist auch so ein psychologisches Konstrukt, das weder pragmatisch noch nüchtern betrachtet  irgendeinen Bestand hat. Überfremdung mag es in einigen Stadtteilen Berlins geben und in Brennpunkten im Ruhgebiet, ansonsten ist Deutschland weit davon entfernt, überfremdet zu sein. Durch ihren unehrlichen und wenig offenen Umgang miteinander, werden die Deutschen eher sich selbst fremd. Das hat aber etwas mit überhöhten moralischen Ansprüchen und einem überschießenden Leistungsdenken zu tun, jedoch nichts mit Asylanten.

Vom teilweise fanatischen Kampf um die richtige Einstellung gegenüber Asylbewerbern würde nicht mehr viel übrig bleiben, wenn man aufhörte, diese in großen Sammelunterkünften mit großzügigem Taschengeld festzunageln und sie stattdessen der Arbeitsagentur überlässt, welche dort Angebote für sie macht, wo Arbeit ist. Schneller könnte man nicht integrieren. Das hätte auch den großen Vorteil, dass diese „Vertriebenen“ nicht monatelang in ihrem eigenen Saft schmoren müssen und über ihre Traumata grübeln, wobei sie keine Ahnung haben, ob es für sie überhaupt irgendeine Perspektive gibt. Sie werden einfach integriert und schon haben sie eine Perspektive.

Natürlich würde ein solches Vorgehen auf Widerstände treffen. Aber die meisten Argumente dagegen sind irrational und lassen sich nicht belegen. Weder die Wirtschaft noch der Staat noch die Bevölkerung müssten einen hohen Preis für ein solches Vorgehen zahlen. Die Argumente, die dagegen regelrecht gedrechselt werden, haben ideologische, manchmal rassistische und oft auch nur neurotische Hintergründe. Verlogen finde ich das Argument, wie diese armen Menschen auf einem Arbeitsmarkt mit Mindestlohn und Leistungsdruck bestehen sollen? Genau diese Art von Argumenten kann ich überhaupt nicht leiden, weil sie bereit sind, Ideale höher zu halten, als menschliche Schicksale und Lebenswirklichkeiten. Sie sind der Kern unseres neurotischen Denkens. Dabei ist es absolut einfach Ausnahmeregelungen vom Mindestlohn für Asylbewerber zu schaffen und auch zu begründen. Es gibt ja schon genug Ausnahmen vom Mindestlohn. Mit niedriger Bezahlung werden auch Asylbewerber, die die deutsche Sprache noch schlecht sprechen und sich an die Arbeitsweise in unserem Land erst gewöhnen müssen, eben auch konkurrenzfähig.

Das darf man aber nicht sagen, weil es gegen die Ideale vieler Leute verstößt, die ansonsten aber mit Asylanten nichts zu tun haben wollen. Genau das meine ich mit neurotisch. Die Deutschen stehen sich selbst im Weg und ihren Schützlingen aus anderen Ländern ebenfalls.

Eine ehrliche und wohlmeinende Diskussion über das Thema ist längst überfällig.