KaRL Marx

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

„Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“

Die Weltlage ist unübersichtlich geworden. Das große Comeback der Nationalismen wirkt wie ein primitiver Multilateralismus nach dem einfachen Motto: „My country first!“ Die großen globalen Fragen geraten ins Hintertreffen, multilaterale Abkommen werden teilweise sogar aufgekündigt, wie man bei Klimaschutz am Beispiel der USA oder beim Brexit in Europa nicht übersehen kann.

Bündnisse sind bedroht. Was auch für so ehrwürdige und tabulöse Bündnisse wie die NATO gilt. Der nächste diplomatische Sprengstoffanschlag gegen die NATO dürfte irgendwo zwischen der Türkei und den USA stattfinden. Erdogan ist zunehmend auf Putinkurs.

Die West-Ost-Annäherung der letzten Jahrzehnte war wohl doch eher eine der feindlichen Art und hat neue Demarkationslinien gebildet. Eine dieser Linien verläuft mitten durch die Ukraine. Überall dort, wo Russland seine Machtansprüche gegen den Westen verteidigt, verfestigen sich die Grenzen. Es entsteht eine Art „virtueller Eiserner Vorhang“.

Man könnte sich jetzt zurücklehnen und behaupten, dass die Welt jetzt zusammenrückt und ihre Verteilungskämpfe ausficht. Aber ist das so? Sind die Verwerfungen auf der Welt, die zunehmend dazu führen, dass sich viele nicht mehr in dieses oder jenes Land trauen (auch schon viele Touristen nicht), tatsächlich das Ergebnis von Verteilungskämpfen zwischen den Ländern?

Sind der Erdoganismus, der Putinismus und der Trumpismus Ausdruck von Verteilungskämpfen? In einer Weise schon, weil alle genannten Nationalisten handfeste Gründe haben, die Interessen ihres Landes durchzusetzen, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Zielen. Wenn Trump auf „splendid isolation“ ein unabhängiges Amerika setzt, das sich im Zweifelsfall wirtschaftlich, politisch, kulturell und sozial selbst genügen will, wenn Putin in der Kategorie eines Großrusslands denkt (das auch Weißrussland und die Ukraine umfasst) und wenn Erdogan den Schwarzmeerraum für sein Land entdeckt hat und hier eine türkische Führungsrolle anstrebt, dann sind das vordergründig sehr verschiedene Anliegen.

Alle diese geostrategischen Anliegen sind aber Reaktionen auf die Globalisierung, auf die Durchdringung unserer Gesellschaft mit dem Weltkapitalismus, der keinen Winkel unserer Erde mehr unbeteiligt lässt. Ganz gleich, ob man seine Chance wittert, wie Erdogan, sein Land verteidigen will, wie Trump oder ein neues Weltreich errichten möchte, wie Putin, sind es Strategien, die Globalisierung zu bewältigen, eine permanente Präsenz der „Anderen im eigenen Land“.

Es fehlt die Blaupause, wie man die Globalisierung bewältigt

Die Ideen, mit der neuen Weltsituation umzugehen, sind dabei äußerst gestrig, man könnte fast sagen, reaktionär. Nur wenige haben Visionen und das Problem liegt genau darin, dass diese Visionen von vielen abgelehnt werden. Die Grünen träumen von einer neuen ökologischen Weltordnung, mit kapitalistischen Mitteln durchgesetzt, und kommen damit derzeit in Europa sehr gut an. In Europa träumen Merkel und Macron von einem verzickten Weltföderalismus, der erst die Vereinigten Staaten von Europa und dann die Vereinigten Staaten der Welt erreichen soll. Beides ist nicht annähernd greifbar. Einige träumen von einer elitären Weltregierung und andere von einer friedlichen globalen Anarchie, die vor allem durch das Internet, das Wissen aller über alle, entstehen soll. Alles Utopien, die mehr oder weniger angezweifelt werden, keine hat die Kraft, zu einer Weltidee zu werden, wie der Kommunismus vor einhundert Jahren.

Stattdessen gibt es Uralt-Ideen, wie das Großtürkische Reich, ein Großrussland, das nach Putin gleich an die Traditionen des Zarenreiches anknüpfen soll oder ein Amerika, das sich selbst genug ist und auf seiner Insel den eigenen Spirit lebt. Vielleicht schaut man mal bei den Chinesen nach, die auf Expansionskurs sind und Kommunismus mit Kapitalismus zu einer extrem erfolgreichen Legierung machen. Nur leben möchte man in einem solchen Land nicht, wo die Maxime „Konsum und Kontrolle“ herrscht.

Die eigentliche globale Frage bleibt ausgeblendet

Weder bei den neuen noch bei den alten Rezepten im Umgang mit der Globalisierung kommt man allerdings an den Punkt der Erleuchtung, wie es nun wirklich global weitergehen kann. Das liegt daran, dass die eigentlichen globalen Kräfte und die wirklichen Fragen im Kapitalismus (und wir reden hier nur vom Kapitalismus) systemisch und systematisch ausgeblendet bleiben. Dabei ist die Frage der Verteilungsgerechtigkeit zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Bourgeoisie und Proletariat so brisant geworden, dass massenweise Studien abgegeben und veröffentlicht werden, die vor einer armen Welt (zu neunzig Prozent arm) mit ein paar reichen Besitzern warnen. Die Warnungen werden dabei immer eindringlicher.

Wir kriegen die soziale Frage global nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit (obwohl sie drängt) und haben damit keine Chance, die Frage der Verteilungsgerechtigkeit in unseren Gesellschaften, unter den Bedingungen der Globalisierung, in den Griff zu bekommen. Stattdessen elitäre, ökologische Spinnereien, als Ersatzideologie für die fehlende Blaupause zur sozialen Gerechtigkeit.

Wachstum als Allheilmittel des Kapitalismus

Am Ende bleibt dann nur ein Rezept übrig, die Globalisierung zu finanzieren. Wachstum, womit durchaus exzessives Wirtschaftswachstum, am besten im zweistelligen Prozentbereich gemeint ist. Nur ein solches Wachstum könne, unter kapitalistischen Bedingungen, die komplette soziale Schieflage (das Kippen der sozialen Ordnung global) und damit Kriege, Völkerwanderungen und Hungersnöte verhindern.

Die überzeugten Kapitalisten haben ja Recht, dass sie über ein extrem produktives System verfügen. Das hat Marx im Kommunistischen Manifest bereits hinlänglich beschrieben.

„Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. (…)

Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Den revolutionären Aspekt der Bourgeoisie hat Marx auf dem Übergang vom Feudalismus zur modernen Massenproduktion beschrieben. Vermutlich hat er nicht damit gerechnet, dass die Bourgeoisie irgendwann zu einem „modernen Feudalismus“ zurückkehren wird, nämlich dann, wenn es um die globalen Machtverhältnisse geht. Marx beschreibt dennoch die Ausbreitung der Bourgeoisie über den gesamten Erdball und die Mechanismen, die dieser Expansion zugrunde liegen.

„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. (…)

Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde. (…)“

Wachstum als Ideologie

Wachstum ist also schon nach Marx die eigentlich Ideologie der Bourgeoisie, welche wir heute salopp als Neoliberale bezeichnen und damit der umfassenden Qualität dieser Schicht der Besitzenden und im Kapitalismus fest verhafteten Bevölkerungselite nicht gerecht werden. Es sind auch die Ökos, die Avantgarde, das Bildungsbürgertum, die modernen Hedonisten und das Großbürgertum (quer durch alle semantischen Kategorien) in diesem Wachstumsdenken verwurzelt.

Dabei gibt es viele Lakaien dieser Ideologie, welche den wenigen Besitzenden dienen.

Der entscheidende Prozess aber, den wir auch aktuell, maskiert durch den neu aufgelebten Nationalismus und die Uneinigkeit der Welt, erleben, ist von Marx einige Zeilen später beschrieben worden.

„Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen (…)

Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. (…)

Ein Schelm der heute Brüssel dabei denkt (Anmerkung des Autors)

Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. (…)

Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? (…)Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert. (…)“

Natürlich ist die Wachstumsideologie, als Antwort auf die soziale Verteilungsfrage eine Chimäre. Sie wird als Lösung für die drängenden sozialen Fragen der Globalisierung verkauft, obwohl sie als Kern des bourgeoisen Kapitalismus angesehen werden muss. Dahinter steht die Behauptung der Kapitalisten, dass das System selbst, durch immer größere Wertschöpfung (seien es Lebensmittel, Autos oder Handys) die Armut irgendwann besiegen würde. Der Kapitalismus hat nur dieses eine Rezept, das aber regelmäßig zum Gegenteil des Behaupteten führt, zu mehr Armut also.

Digitale Machtübernahme

Auch hier gab Marx schon vor über einhundert Jahren die Analyse unserer heutigen Situation:

„Die wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an.(…)“

Was da derzeit als Drohung der Digitalisierung im globalen Raum steht. Die Fabrik 4.0, die Vernichtung von etwa einem Drittel aller globalen Arbeitsplätze, die uns durch die Digitalisierung in Aussicht gestellt wird, soll, wenn man die überwiegende Zahl derzeitiger Studien für realistisch hält, in den nächsten Jahren dramatische Ausmaße annehmen – trotz eines hohen Wachstums – werden die Menschen ärmer und nicht reicher, weil sich das Kapital unabhängig von ihnen macht, also ohne sie produziert.

An dieser Stelle irrt Marx, soweit man ihn für einen Propheten und nicht für einen brillanten Analytiker des Kapitalismus hält

“Die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit. (…)”

Die wesentliche Bedingung des Kapitals ist bald nicht mehr die Lohnarbeit. Diese wird zurückgehen und Wüsten der Armut hinterlassen. Die wesentliche Bedingung des Kapitals wird zukünftig die digitale Kontrolle sein, also der Besitz der digitalen Produktions- und Kommunikationsmittel. Damit sind dann mehr als neunzig Prozent der Weltbevölkerung von der Macht ausgeschlossen.

Globale Auflösungsprozesse als Grundlage für einen neuen Feudalismus?

Die Auflösungsprozesse, die der globale Kapitalismus erzeugt, werden also weitergehen und sich gegen den größten Teil der Weltbevölkerung wenden. Der Kapitalismus ist ein Zerstörer und wird auch die derzeitige Renaissance der Nationalismen wieder auflösen.

„Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. (…)“

Der Kapitalismus hat Familien zu einer Frage der Macht und Besitzverhältnisse gemacht und dadurch die Auflösung von Familien für die Besitzlosen bewirkt. Wird diese Tatsache das globale Bevölkerungswachstum aufhalten?

„Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb. Vollständig entwickelt existiert sie nur für die Bourgeoisie; aber sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution.(…)

Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden. (…)“

Im Moment sieht alles danach aus, dass wir auf eine Welt zulaufen, die nur noch für wenige Besitzende lebenswert sein wird und für viele eine Existenz als Servicekraft der Reichen, mit allen Features der digitalen Kontrolle vorschreiben wird.

Es wird ein neuer, feudaler Kapitalismus mit digitalen Mitteln sein, der für die Armen bestenfalls virtuelles Glück bereithält. Ein Dystopie, die Karl Marx in den Grundzügen bereits als Analyse beschrieben hat, während er an die Utopie des Kommunismus glaubte.

Der Kommunismus ist gescheitert und steht nun als großer Verlierer der Geschichte da. Das Paradox aber ist, dass er der einzige, mögliche Antagonist dieser Dystopie eines digitalisierten Kapitalismus ist, der uns eine neue feudale Welt bescheren wird, die für die allermeisten von uns, kein echtes Leben mehr bereit halten wird.

Deshalb ist das Kommunistische Manifest so aktuell wie nie.

„Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt. (…)“

In diesem Sinne:

„Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“