ILA2014 Luftkampf über Berlin. Ein Erlebnisbericht von der Internationalen Luftfahrausstellung 2014 in Berlin.

Wann war ich zum letzten Mal auf der ILA? Ich überlege angestrengt und denke, es müssten so 10 Jahre her sein. Dazwischen wollte ich immer, konnte aber nie.

Dieses Jahr hat es endlich geklappt und ich habe mich schon die ganze Woche auf die bunte Welt der Luftfahrt gefreut.

Was war da beim letzten Mal? Die Airbus A380 Premiere, wie das Riesenflugzeug im Tiefflug über die Bahn kam und dann scharfe Kehren flog, bei denen mir heiß und kalt wurde. Gewagt, gewagt dachte ich, ahnte damals aber noch nicht, dass ich das größte Pannenflugzeug der Welt vor meiner Linse hatte. Diesmal war auch ein Airbus da, von Emirate Airlines. Der stand aber brav am Boden, wo er hingehört.

Was gab es damals noch?

Eine ganze Menge interessanter Stände über Luftfahrberufe. Ich interessierte mich für Engineering Psychology, also den menschlichen Faktor in der Luftfahrt und konnte am Abend ganze Prospekte darüber nachhause schleppen. Eine Reihe neuer Luftfahrberufe eingeschlossen.

Schließlich kam auch meine Leidenschaft auf ihre Kosten, Kleinflugzeuge. Die wichtigsten Hersteller waren vertreten und ich kann mich erinnern, dass ich mich damals in ein Ultraleichtflugzeug verliebt habe, das so ähnlich wie Corvus hieß.

Meine Vorfreude war also groß als ich direkt nach dem Wählen zum ILA-Gelände fuhr. Viele andere schienen sich auch zu freuen, denn die Parkplätze waren voll.

Irritierend war der Blick an den Himmel, während ich mich auf den weiten Weg vom Parkplatz zum Messegeländer der größten internationalen Luftfahrtausstellung der Welt machte. Dort tobte ein Luftkampf. Ohrenbetäubend jagten sich dort Kampfflugzeuge und schossen statt Raketen Leuchtkugeln in den strahlend blauen Himmel. Die Leute standen einen Augenblick still und vor mir schrie eine Frau kurz entsetzt auf, als der eine Kampfjet den anderen fast zu erwischen schien. Aber wie gesagt, es war nur Leuchtspurmunition. Darunter flog eine Reihe von Kampfhubschraubern, die das Szenario beklemmend realistisch erscheinen ließen. In allen Lufträumen wurde gekämpft.

Auch wenn es nicht unbedingt das war, was ich sehen wollte, habe ich mich auf den letzten Metern zum Eingang beruhigt. Damals haben sie auch Militärtechnik gezeigt. Ich erinnere mich an einen Militärhubschrauber, der ein Looping fliegen konnte. Es wird schon nicht so schlimm, dachte ich mir.

Ich kam gerade auf das Freigelände, das gut besucht war, als ein Truppentransporter im Sturzflug auf die Landebahn herunterging und im letzten Moment die Nase für eine weiche Landung hochzog. Eigentlich eine gekonnte Aktion, aber nicht das, was ich sehen wollte.

Der A380 von Emirates war dann ein ziviles Highlight. Allerdings um ihn herum nur Militärmaschinen und gleich daneben Flugabwehrsysteme, die auf den gepanzerten Militärtransportern ein bisschen wie Stalinorgeln wirkten.

Dennoch war ich fest entschlossen meine Interessen zu verfolgen und hielt nach Kleinflugzeugen Ausschau. Ich steuerte also, möglichst ohne hinzuschauen, an dem Riesensimulator für den Eurofighter vorbei, beachtete die vielen Militaria-Stände nicht und kam schließlich am Ostteil des Messegeländes an, wo ich genau zwei Herstellerstände für zivile Kleinflugzeuge fand. Zwei, nicht zwanzig wie beim letzten Mal. Cirrus und Aquila waren vertreten. Daneben zwei Flugschulen aus der Region Brandenburg.

So langsam überfiel mich die Enttäuschung, während alle Leute in den Himmel schauten, sah ich auf den Boden und betrachtete meine schmerzenden Füße. „Wofür“, fragte ich mich? Dabei achtete ich kaum auf den Truppentransporter der nun dicht gefolgt von zwei Kampfhubschraubern startete, als sei Schönefeld ein Kriegsgebiet, in dem das Flugzeug einen Angriff fürchten muss. „Guck mal Papa,“ die fliegen genauso schnell, „rief begeistert ein kleiner Junge, der das Spektakel in grau offensichtlich genoss.

Kurz darauf kam ich doch noch in den Genuss eines stinknormalen Passagierflugzeuges. Dieses wurde allerdings von insgesamt vier Kampfjets flankiert. Die flogen so nahe, das Teile des Publikums erneut aufschrien. Aber auch das war nur eine Übung. Vielleicht sollte man sich die Airforce-One des amerikanischen Präsidenten dabei vorstellen. Keine Chance für Terroristen!

Überall, auch das fiel mir diesmal auf, war Polizei. Die Eingangskontrollen mit Leibesvisitation. Das gab es beim letzten Mal noch nicht.

Es war heiß und ich entschloss mich, wenigstens durch die Ausstellerhallen zu gehen, um vielleicht doch noch etwas Interessantes zu finden. In Halle 6 waren die Stände martialisch gestaltet. Bilder von Kampfhubschraubern und Militärjets, neue Zielsysteme, Triebwerkstechnik. Vertreten waren auffällig viele türkische Luftfahrtunternehmen, die in erster Linie aber Militärtechnik mitgebracht hatten. Dahinter kamen  Polen und Russland. Auch mit Kriegstechnik für die Luftfahrt.  Ich zog mein Handy aus der Tasche und begann zu fotografieren. Es war egal, ich konnte die Linse überall draufhalten. Es gab nur Bilder von Kampfflugzeugen.

Ich fotografierte auch in der nächsten und der übernächsten Halle. Ich fotografierte die deutsche Militärtechnik, den Phantom, den Eurofighter, ich fotografierte Raketen für den Luftkampf, Luft-Boden-Raketen und ich fotografierte Drohnen. Drohnen in jeder Größe und Form, für scheinbar jeden Zweck, aber hauptsächlich Drohnen in militärischer Nutzung. Selbst in der Raumfahrthalle hatte ich keine Probleme mein Handy auf militärische Projekte zu richten, sie waren an fast allen Ständen vertreten. Irgendwann nach langem Suchen fand ich die Lufthansa und schaute mich ein bisschen beim Flight-Training um. Die Prospekte waren vergriffen, aber es lagen noch wild ein paar Flight-Training-Prospekte herum, allerdings von einer osteuropäischen Firma (Osteuropa war äußerst gut vertreten) die Flight-Trainings für Kampfhubschrauber anbot. Mein Eindruck war danach, dass Osteuropa das neue Mekka für Militärtechnik in der Luftfahrt ist.

Schließlich landete ich bei Airbus. Seltsam. Ganz dick prangte an dem überdimensionierten Stand das Lable: „Airbus Defense“ darüber das Emblem des Bundesinnenministeriums. Da konnte ich nicht anders. Ich musste mir Sigmar Gabriel mit Sonnenbrille vorstellen, wie er gerade einen neuen Rüstungsdeal einfädelt. Sorry Sigmar!

Meine Enttäuschung ist perfekt und darein mischt sich Entsetzen. Ich habe den Eindruck, dass die ILA sich zu einem Marktplatz für Kriegstechnik gewandelt hat. Gefühlte neunzig Prozent der Stände handelten mit Militärtechnik bis hin zum Krieg der Sterne in der Raumfahrthalle.

Der Ausstellungskatalog der ebenfalls an einem der inzwischen leeren Stände herumlag, sprach aber eine ganz andere Sprache. Rüstung war nur ein Bereich von vielen. Warum aber habe ich dann nur Rüstung auf der ILA gesehen? 

Die Antwort scheint einfach zu sein.

Auch Zulieferer,  wie Triebwerkshersteller oder Software-Unternehmen die eigentlich zivil unterwegs sind konzentrieren ihr Geschäft zunehmend auf die Rüstungsindustrie. Defense-Sparten scheint es nicht nur bei Airbus zu geben.

Die ILA hat ihren Charakter jedenfalls massiv verändert. In den Hallen scheint an den Besuchertagen nicht mehr viel los zu sein. Die Prospekte sind alle vergriffen, viele Stände stehen leer und das Personal ist ausgeflogen. Die haben wohl ihr Geschäft schon mit dem Fachpublikum an den Tagen zuvor gemacht. Mit Technik für militärische Nutzung.

Der Bevölkerung bleibt nur, draußen in der Sonne zu sitzen und auf die Kampfjets zu starren, die ihre Kriegsakrobatik vorführen.

Zivil ist auf der ILA eigentlich nichts mehr los.

Auf dem langen Fußweg zurück zum Parkplatz, Shuttle Busse sind nur für Leute mit „eingeschränkter Mobilität“, denke ich darüber nach, wie es kommt, dass die Luftfahrt ihr Gesicht in wenigen Jahren so massiv geändert hat.

Ich denke über die Wirtschaftskrise nach, über den harten Konkurrenzkampf der Luftfahrtunternehmen, über extrem hohe Entwicklungskosten für Luft- und Raumfahrttechnik und darüber, wer das alles bezahlen soll.

Nach dieser Messeerfahrung, die ich sicher niemals wiederholen werde, obwohl ich ein Luftfahrfan bin, habe ich auf diese Fragen nur eine Antwort.

Die Luftfahrindustrie militarisiert sich, weil dort die größten Gewinne winken. Der Spruch von der Entwicklungsfreude der Militärs bewahrheitet sich somit. Die zivile Anwendung folgt dann vielleicht später. Bezahlen tun das natürlich die Steuerzahler in aller Welt, auch in Deutschland.

Als auf dem Rückweg eine Kampfstaffel im Tiefflug direkt über mir die A100 kreuzt, ziehe ich unwillkürlich den Kopf ein.

Was, frage ich mich, passiert eigentlich mit dieser Inflation an militärischen Innovationen? Die müssen doch irgendwo ausprobiert werden?