Kirche Bosau innen aktuell

Innenansicht einer Dorfkriche

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Kirchenaustritte: Finanzielle und steuerliche Gründe entscheidend oder haben die Kirchen mit ihrer Tendenz zur Verweltlichung ihre Glaubwürdigkeit verspielt?

Die Zahl der Kirchenaustritte befindet sich in Deutschland seit Jahren auf einem unverändert hohen Niveau. Besonders fällt auf, dass beide Kirchen annähernd gleichermaßen von Kirchenaustritten betroffen sind. Die eigenen Analysen kirchlicher Institute, die an die Öffentlichkeit kommen, sehen aber weniger interne, als externe, gesellschaftliche Gründe als entscheidend für das Schrumpfen der Kirchen an.

Die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen steuerlichen Verschärfungen und Kirchenaustritten hier befriedigend ist, wird diskutiert. Insgesamt wird aber trotz der passenden Statistiken zu dieser Argumentation bei einem hohen Austrittsniveau sowohl der katholischen, als auch der evangelischen Kirchen, eine finanzielle Begründung nicht ausreichen.

Erklärend dürften vor allem die Verweltlichung der Gesellschaft, das Auseinandergehen von kirchlichen und gesellschaftlichen Belangen und der immense Prestigeverlust der Kirchen sein.

Müssen sich die Kirchen weiter reformieren?

Sowohl der evangelischen, als auch der katholischen Kirche wird dabei eine gewisse Reformunfähigkeit vorgeworfen.

Hierauf sollte man etwas näher eingehen. Denn die von Papst Franziskus angemahnte „Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland“,  wurde ja vor dreißig Jahren bereits den evangelischen Kirchen angetragen.

Der Erfolg der evangelischen Kirchen, auf junge Menschen zuzugehen, sich mit einer Vielzahl von Organisationen gesellschaftlich einzumischen und schließlich ein neues, junges Image zu bekommen, hat eben nicht dazu geführt, dass die Kirchenaustritte dauerhaft zurückgegangen sind. Sie bleiben auf einem konstant hohen Niveau von mehreren hunderttausend Mitgliedern pro Jahr.

Auch wenn die Kirchen inzwischen auch politisch Bestandteil der Zivilgesellschaft geworden sind, was die Flüchtlingskrise und die starke politische Einmischung der Kirchen mit ihren zahlreichen Organisationen, wieder gezeigt haben, bleiben die Gotteshäuser leer.

Es steht zu erwarten, dass auch der jetzt beginnende Reformkurs der katholischen Kirche zu keiner neuen Blütezeit des Katholizismus führen wird. Die Erosion wird weitergehen, die Säkularisierung schreitet voran.

Die Frage die sich also stellt, ist, ob der Reformkurs der Kirchen, der ja bereits bei der evangelischen Kirche hinreichend beurteilt werden kann, tatsächlich irgendetwas verbessern wird.

Politisierung ist keine Lösung

Man darf hier Zweifel haben, denn, was die weltlichen Aspekte der Kirche angeht, sei es als Hilfsorganisation, Arbeitgeber, sei es als Meinungsbildner, politischer Player oder Unternehmer, führen diese eher zu einer weiteren Diskreditierung der „Institutionen Gottes“, sich in den weltlichen Wettbewerb zu begeben, schadet eher, als dass es hilft.

Mit ihrer Aktion gegen rechts, unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“, hat die rheinische Kirche jedenfalls erheblichen Unmut erzeugt und dürfte erneut gerade konservative Mitglieder verprellt haben, weil die Kampagne gegen die AfD gerichtet war. Die Kirche aber ist überparteilich und kann sich nicht einfach auf die Seite von politischen Parteien schlagen, also am Überbietungswettbewerb der Diskreditierung national orientierter Politik beteiligen. Das schadet dem Ansehen der Kirchen, wobei in diesem Falle besonders die katholischen Kirchen in der Kritik standen.

Sehr wahrscheinlich ist eine solche Ideologisierung der Kirche das Gegenteil einer Lösung der Krise, in der sich die Gotteshäuser befinden.

Die Vielzahl politischer Organisationen, die es inzwischen in beiden Kirchen auf NGO-Ebene gibt, hat zwar ein verändertes Bild in der Öffentlichkeit erzeugt, führt aber in Deutschland nicht zurück zur Konsolidierung der christlichen Religion in der Bevölkerung.

Inzwischen treten auch viele Mitglieder aus der Kirche aus, weil ihnen deren Politik nicht passt. Ein Absurdum – Kirchen sind doch keine politischen Parteien.

Kernkompetenz der Kirche liegt im Glauben

Kirchen sollten, wenn sie auch zukünftig in schwierigen Zeiten bestand haben wollen, bestimmte Eigenheiten nicht übergehen.

Die Kernkompetenz der Kirchen sind der christliche Glaube, keine politische Überzeugung und schon gar keine Ideologie.

Im Wettbewerb der Ideen werden sowohl die evangelische, als auch die katholische Kirche untergehen. Innovation ist ein Phänomen, mit dem Wirtschaftsunternehmen neue Marktnischen erschließen. Bei der Kirche geht es aber nicht um Innovation, sondern um Identität und Tradition.

Besonders die katholischen Kirchen sind materiell so gut ausgestattet, dass sie eigentlich ein erheblich größeres Stehvermögen zeigen sollten und gesellschaftlichen Trends nicht hinterherlaufen müssten. Viele Menschen haben sich nur scheinbar von den Kirchen verabschiedet. Es bedeutet ihnen trotzdem viel, zur Kirche zurückkehren zu können, wenn Krisen, wichtige Lebensereignisse oder das Lebensende religiöse Existenzfragen aktuell werden lassen.

Dann müssen Kirchen da sein und zwar möglichst konstant und unverändert. Der Glaube sollte schließlich immun gegenüber oberflächlichen, wissenschaftlichen Fortschritten sein, die das „Innere des Menschen“ eher unbeteiligt lassen.

Die Kirchen sollten das bleiben, was sie sind. Hüter des Glaubens, der Traditionen und der christlichen Identität innerhalb unserer Gesellschaft. Alles was sie darüber hinaus tun, muss kompatibel mit diesen Grundaufgaben bleiben, was gegen eine politisierte Kirche ebenso spricht, wie gegen neue Ideologen, die meinen, den christlichen Glauben als Legitimation für Globalisierung und Pluralisierung unserer Gesellschaften unter der Schirmherrschaft des Kapitalismus benutzen zu können.

Die Kirche muss einfach sie selbst bleiben!