et on dira

Menschenmenge am 19.01.2020 vor der Pariser Oper (Screenshot)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Am 09. Januar waren bei einer gemeinsamen Demonstration von Gewerkschaften und Gelben Westen weit über eine Million Franzosen auf der Straße. An diesem Wochenende wird noch gezählt, aber mehrere Hunderttausend Menschen sind es schon.

Das Besondere aber ist die Vielfalt der Aktionen gegen die Regierung von Macron und seine Politik. Man hat den Eindruck, dass ganz Frankreich auf den Beinen ist. Währenddessen läuft der Generalstreik in seine siebte Woche und schwächt sich nur unwesentlich ab.

Wer auf der französischen Google.News-Seite nachschaut bekommt Woche für Woche denselben Eindruck. Die Proteste sind die absoluten Medienspitzenreiter in Frankreich. Vereinzelte Medienberichte bei uns in Deutschland schaffen es aber meist nicht unter die Top-News.

Woran liegt das?

Haben wir kein Interesse an Frankreich, oder soll die Revolution, die dort stattfindet, bei uns überhört werden?

Warum auch von Revolution reden, wegen den paar Gelben Westen?

In Frankreich reden viele von der Revolution, nicht nur die Gilets Jaunes.

Eine Revolution lässt sich dann diagnostizieren, wenn große und schichtenübergreifende Teile des Volkes fundamentale Änderungen am Staatswesen fordern und diesen Forderungen durch eigene strukturelle Veränderungen Nachdruck verleihen.

Ein Aufstand gegen Macron wäre nur eine Revolte.

Was in Frankreich aber stattfindet, ist eine Revolution.

Die Franzosen sind dabei, sich als Volk, neu zu konstituieren. Der Protest reicht von den Musikern der Pariser Oper bis zu einer Solidarisierungswelle gegenüber den Armen im Land. Vor der Pariser Oper werden Nabucco von Verdi und die Marseilleise gespielt, dazwischen ein Communiqué der Mitarbeiter gegen die Politik Macrons.

marseilleise

Screenshot von einem Live-Act vor der Pariser Oper

Währenddessen verteilen Gilets Jaunes in Marseille Lebensmittel und Kleidung an die Obdachlosen.

gj obdachlgj obdachlose paris

Verteilung von Kleidern nachts in Marseille (Screenshot, Gilets Jaunes)

Währenddessen diskutieren überall in Frankreich die Menschen in Aktionsgruppen über die gesellschaftlichen Veränderungen, die im Kampf gegen die Armut erforderlich sind.

melanchon et ruffin

Francois Ruffin (Regisseur von J veux d´soleil) und Jean Philippe Melanchon (France Insoumise) bei einer Podiumsdiskussion an diesem Wochenende

Währenddessen gibt es große Demonstrationen in Paris, Straßenkämpfe und Barrikaden.

a62

Screenshot Ruptly 18.1.2020

All das an diesem relativ ruhigen Wochenende in Frankreich.

Der französische Präsident dachte schon, er könne ungestört mit seiner Frau ins Theater gehen. Am Ende musste er aus dem Théâtre des Bouffes du Nord durch den Hintereingang evakuiert werden, weil sich Demonstranten Zutritt zur Halle im Haupteingang verschafft hatten.

theater

Bericht über Macrons Kalamtitäten während eines Theaterbesuches mit seiner Frau

Man stelle sich einmal vor, dass unsere Kanzlerin nur noch durch den Hintereingang aus dem Theater kommt, weil vorne die Gegner auf sie warten. Undenkbar? Unsere Medien tun mit ihrer Strategie des Totschweigens alles, damit die Proteste nicht auf Deutschland übergreifen.

Die Franzosen verändern sich gerade, aber ganz anders als die Deutschen. Sie zeigen den erkennbaren Willen, wieder zusammenzuwachsen, die starre Trennung zwischen mehr oder weniger privilegierten Schichten aufzubrechen, auch die zwischen Jung und Alt. Auf den Veranstaltungen der Gelben Westen, der Gewerkschaften der diversen Aktionsgruppen und Komitees, auf den Demonstrationen und bei den gezielten Aktionen auf der Straße, ja sogar bei den Straßenkämpfen gegen die Polizei, sieht man alles: Militante, Studenten, Rentner, Arbeiter und Angestellte, Hochschullehrer, Künstler, aber kaum Politiker.

tanz gegen macron

Tanzen gegen Macron (Screenshot)

Die Proteste haben keinen politischen Anführer und werden doch immer brisanter. Sie finden nicht nur auf der Straße statt, sondern tief im Alltag der Franzosen, die angefangen haben, aus einer vorrübergehenden sozialen Revolte ein breites, soziales Umdenken im revolutionären Sinne zu machen.

Warum wir uns medial und politisch kaum dafür interessieren, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet, ist aber eine Frage, die von Woche zu Woche interessanter wird. Denn die Proteste in Frankreich hören nicht auf, wenn man in Europa weghört. Sie werden lauter.