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Kampf gegen Windmühlen?

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Es gibt keinen Zweifel mehr, dass sich die globale Politik in den letzten Jahren stark verändert hat.

Wer symbolische Zäsuren benötigt, um an eine grundsätzliche Änderung in der politischen Denkweise zu glauben, die sich derzeit über den gesamten Globus zieht, kann sich diese selbst suchen.

Wie wäre es mit dem Scheitern der großen Freihandelsabkommen zwischen Amerika und Europa und auch dem pazifischen Freihandelsabkommen, das nun von amerikanischer Seite mehr oder weniger zerlegt wird.

Wie wäre es mit dem Ausstieg aus dem Klimaabkommen und dem Atomdeal mit dem Iran, den Trump nach einjähriger Präsidentschaft, wie angekündigt durchsetzten konnte. Wie wäre es mit dem Brexit und der katalonischen Unabhängigkeitsbewegung?

Aus Gemeinsinn wird plötzlich Eigensinn? Trump hat hier offensichtlich eine bahnbrechende Wirkung erzielt.

Aber reden wir nicht nur über den amerikanischen Präsidenten.

Auch der nordkoreanische Diktatur Kim Jong Un ist plötzlich auf der Weltbühne aufgetaucht und macht Chinesen, Amerikanern und den südkoreanischen Nachbarn nach einer Phase des Muskelspiels, plötzlich Avancen.

Derweil erlaubt sich der türkische „Beinahe-Diktator“ Erdogan einen Feldzug in Nord-Syrien, mit dem er nicht nur den Amerikanern, sondern eigentlich der gesamten Nato kräftig auf die Füße tritt. Er scheint dafür im eigenen Land gefeiert zu werden.

In der EU gibt es plötzlich keine starke Frau mehr, sondern nur noch starke Männer. Nachdem Victor Orban scharfe Grenzlinien in der Flüchtlingsfrage für die EU entworfen und auch durchgesetzt hat (immerhin hat Ungarn die Balkanroute geschlossen), kommt Manuel Macron und richtet Europa wieder auf (wenn auch nur mental).

Fast so, als würden plötzlich alle schlafenden Hunde geweckt, holt auch Netanjahu zum Schlag aus und trifft dabei den Iran und zugleich einen weiteren starken Mann (mit Unterstützung Moskaus), Assad in Syrien, den die israelischen Luftangriffe zunehmend irritieren.

Auf einmal scheint die Welt von starken Männern beherrscht zu werden, die ihre Machtkämpfe ganz offen und unverblümt austragen, sich aber (siehe Macron und Trump, Seehofer und Orban, Erdogan und Putin) gleichzeitig herzlich auf die Schulter klopfen.

Beinahe hat man den Eindruck, als würde die Weltrangliste im Tennis derzeit ganz neu ausgespielt, nur eben von Politikern, statt von Tennisstars.

Die Frage, wohin das führt, darf man weder Präsident Putin noch Präsident Xi stellen und den anderen Präsidenten auch nicht. Denn Gedanken über eine neue gemeinsame Weltordnung darf man von den Wenigsten dieser Spieler erwarten. Allenfalls Macron und Putin wären hier für die eine andere Idee gut, die Mehrheit aber der starken Männer will einfach nur „gewinnen“!

Globale Politik als internationales Sportereignis um Macht und Stärke

Wie kann es eigentlich sein, eine Frage die schon in einigen Veröffentlichungen thematisiert wurde, dass Präsident Trump als westlicher Antichrist dargestellt wurde und plötzlich auffällig viel Schulterklopfen erhält, als er ein paar Raketen auf Syrien abfeuert?

Wo in Zeiten Obamas militärische Interventionen allenfalls noch verdeckt begonnen wurden, ein Prinzip an das sich auch Putin weitgehend gehalten hat, sattelt Donald Trump plötzlich seine Tomahawks und erntet aus Europa keine Abscheu, sondern anerkennende Ohs und Ahs?

Was ist da los?

Benjamin Netanjahu, nach Putin sicherlich der Regierungschef, der von den internationalen Medien am schärfsten kritisiert wurde, jagt seine Bomber nach Syrien und veranstaltet beispiellose Vergeltungsangriffe gegen den Iran auf syrischem Territorium und wird nicht in der Luft zerrissen, obwohl er einen neuen Flächenbrand provoziert.

Die Idee, den Erdball durch Stärke zu kontrollieren, gibt es ja schon lange. Vor einigen Jahren wurde das Prinzip der gerechtfertigten militärischen Intervention auf einem UN-Gipfel von einer großen Mehrheit von Staaten anerkannt. Aber die Interventionen, die dann kamen, liefen mehr oder weniger verdeckt, oft mit Mitteln einer kriegerischen Zivilgesellschaft ab. Der arabische Frühling und seine desaströsen Folgen sind ein Beispiel dafür, die Ukraine-Krise ebenso.

Ist die Welt nun klüger geworden, weil plötzlich starke Präsidenten offen drohen oder gleich zuschlagen?

Wohl kaum.

Es wird jetzt einfach etwas anderes versucht, als vorher. Aus dem globalen Gemauschel werden plötzlich harte Positionen der Mächtigen und eine neue Manege hat sich geöffnet.

Politik als offenes Muskelspiel – in dieser Ausprägung lange nicht mehr gesehen- wirkt dabei ein bisschen wie ein Anachronismus in Zeiten des Cyberwars und der Informationskriege.

Alle diese „Helden“ erinnern gemeinsam an eine berühmte Figur der Weltliteratur – den Mann von La Mancha.

Der Kampf gegen Windmühlen, man könnte auch sagen, gegen den Lauf der Zeit, hat etwas tragisches und optimistisches zugleich.

Alle erwähnten Protagonisten der neuen Männerherrlichkeit kämpfen gegen etwas, das noch vor kurzem als Unabwendbar betrachtet wurde.

Trump kämpft an mehreren Fronten gegen den Untergang der klassischen amerikanischen Industrien, der Herrschaft des weißen Mannes in Amerika und gegen die schwindende Bedeutung der Supermacht in der Welt.

Macron kämpft gegen den Untergang der europäischen Idee und Orban kämpft gegen die Aufweichung der klassischen Nationalstaaten in Europa. Assad kämpft gegen das Ende der großen Diktatoren-Dynastien in der arabischen Welt (er ist der Letzte, wenn man vom saudischen Königshaus und einem altersschwachen algerischen Präsidenten absieht). Putin kämpft mehr oder weniger erfolgreich gegen den Bedeutungsverlust Russlands in der russischsprachigen Welt.

Bei Erdogan ist man sich nicht so ganz sicher, ob er für einen neuen türkischen Kalifenstaat oder für eine Variante des Islamfaschismus kämpft und damit den gescheiterten IS doch noch zu einer durchsetzbaren gesellschaftlichen Idee macht. Schwer einzuschätzen, denn Erdogan trägt die gleichen Merkmale, wie die anderen politischen Gladiatoren in der globalen Arena – sie kämpfen vor allem für die eigene Größe und Herrlichkeit.

Der Mann von La Mancha hat seine Kreuzzüge gegen Windmühlen und Schafsarmeen vor allem für die Ehre und im Andenken an edlere Zeiten geführt. Davon ist allerdings von den neuen starken Männern wenig zu spüren.

Eher werden die globalen Kräfteverhältnisse derzeit klargestellt, was man von einer Angela Merkel, eine Theresa May ebenso wenig erwarten kann, wie man es von einer Hilary Clinton erwartet hätte.

Wie immer, wenn sich Männer in den Ring begeben, ist völlig unklar, was dabei herauskommen soll – außer Krieg natürlich.