Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die Welt gönnt sich ein Feldexperiment mit unklaren Parametern und ungewissem Ausgang.

Heute betonte die Kanzlerin in einer Pressekonferenz mehrfach recht ausdrücklich, dass die rigiden Maßnahmen, die die Bundesregierung nun zur Eindämmung des Covid-19 Virus beschlossen hat, nicht anderes bedeuten, als, dass man den Vorgaben der Wissenschaftler folge.

Gleichzeitig erwähnte Angela Merkel, dass es eine solche großangelegte Einschränkung des öffentlichen Lebens, wegen einer Infektionskrankheit, noch nicht gegeben hat.

Recht hat sie.

Tatsächlich ist dies eine historisches Novum, auch global betrachtet.

Daraus leiten sich folgende Überlegungen ab.

Erstens, was die Kanzlerin auch offen zugibt, wissen wir nicht, wie sich diese Maßnahmen auswirken werden. Weder bezüglich der Corona Pandemie, noch bezüglich der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen in Deutschland und Europa.

Erste Effekte an den Börsen lassen Ungutes erahnen.

Zweitens wurde dieses Experiment ohne das Wissen gestartet, wann es beendet werden kann. Auch das, so die Kanzlerin, werden uns die Wissenschaftler sagen.

Wenn es so weit ist, möchte man anfügen. Die Epidemiologen, Virologen und Infektiologen geben allerdings offen zu, dass sie nicht wissen, wann der Shut-Down des öffentlichen Lebens beendet werden kann. Sie haben keine Referenzwerte, auf welche die Zahlen der Neuinfektionen sinken müssen, damit man sicher sein kann, dass die Pandemie nicht erneut eskaliert.

Wir sind also unterwegs auf einer Fahrt ins Blaue und alle müssen mitmachen!

Publizistisch betrachtet könnte man auch sagen, dass sich die publizierende Öffentlichkeit einschließlich der Medien, der Wissenschaftler und Politiker auf ein Experiment geeinigt hat, dass so ungewiss ist, dass man noch nicht einmal weiß, wann das Experiment beendet werden kann oder muss. Es ist so ungewiss, dass Merkel auf die Frage eines Journalisten, ob unser Schengenraum nun gefährdet sei und wir auch zukünftig mit der Beibehaltung von Passkontrollen an den Grenzen rechnen müssen, antwortete, dass sie das nicht hoffe.

Die Kanzlerin hofft also, dass der Schengenraum auch nach diesem Experiment zu seiner alten Freizügigkeit zurückkehren wird. Sie weiß es nicht. Wir wissen es nicht. Wir machen in Europa die Grenzen dicht und wissen nicht, ob das Schengenabkommen das überstehen wird.

Man muss sich einmal überlegen, was das für Aussagen sind!

Wegen einer Virusepidemie, die etwas tödlicher ist, als die Grippe, setzten wir plötzlich alles aufs Spiel. Wir riskieren einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft, wir riskieren, dass Europa in der bisherigen Form zerfällt, wir setzen die meisten Freizügigkeitsrechte außer Kraft und wir setzen viele Menschen in Europa für eine unbestimmte Zeit ( vielleicht Wochen, vielleicht Monate, vielleicht mehr) einer fast unerträglichen Belastung aus, nichts mehr tun zu können, nicht mehr das Land verlassen zu können, nicht mehr im Land Urlaub machen zu können, ja nicht einmal mehr in die Kirche gehen zu können oder die Kinder auf den Spielplatz schicken zu dürfen.

Warum wird plötzlich unsere gesamte Gesellschaft aufs Spiel gesetzt, um die Ausbreitung eines Virus zu verlangsamen? Ein Virus, das garantiert Todesopfer fordern wird, aber um den Preis all dieser verhängnisvollen Maßnahmen, vielleicht ein paar Todesopfer weniger?

Werden wir morgen auch den Straßenverkehr verbieten, weil er pro Jahr noch an die dreitausend Todesopfer fordert?

Was machen wir mit der nächsten großen Grippewelle, wenn sie droht, wie zwischen 2017 und 2018 erneut, allein in Deutschland, mehr als zwanzigtausend Todesopfer zu fordern?

Haben wir dann überhaupt noch die wirtschaftliche Kraft, solche einschneidenden Maßnahmen zu finanzieren, haben wird dann noch einen funktionierenden Schengenraum? Können wir dann noch mit dem Verständnis der Bevölkerung rechnen?

China, ein totalitärer Staat, hat mit diesen rigiden Maßnahmen begonnen. Eifrig unterstützt und gelobt von der WHO, die Erfolge sehen wollte. Wir eifern dieser rigiden Methode, Menschen einzusperren und das öffentliche Leben lahm zu legen, nun nach.

Warum?

Man kann die ganze Situation tatsächlich rein wissenschaftlich auffassen, wenn man dabei außer Acht lässt, dass Epidemiologen alles außer Acht lassen, was nicht in ihr Fachgebiet fällt, also alle wesentlichen gesellschaftlichen Folgen ihrer Maßnahmen.

Aber können das Politiker auch tun? Einfach so? Dann wie die Kanzlerin die Verantwortung an die Wissenschaftler abgeben? Die werden es uns schon sagen?

Wir haben in der jetzigen Situation nicht nur ein Feldexperiment mit unklarem Ziel und unklarer Fragestellung (welche Frage soll beantwortet werden und wann ist sie beantwortet?).

Plötzlich taucht neben einem neuen Virus ein ganz neues Paradigma auf

Wir haben einen regelrechten und fast schon spontan zu nennenden Paradigmenwechsel in der Öffentlichkeit und der Politik. Eine Mischung aus Wissenschaftsgläubigkeit und ärztlichem Ethos, das recht christlich wirkt.

Dabei lässt sich das neue Paradigma vernünftig nicht erklären. Es lautet nämlich, dass jeder Mensch, der vielleicht an dieser Epidemie nicht sterben muss, den wahrscheinlichen Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems rechtfertigen kann. Ähnlich wird für diese Maßnahmen derzeit in jeder Talkshow argumentiert.

Ist das jetzt die Krönung eines radikalen Individualismus, der das Individuum endgültig über das Wohl aller gestellt hat?

Sind wir psychisch so instabil geworden, dass wir für einen Schrei nach mehr Menschlichkeit, bereit sind, unsere gesamte Gesellschaft stillzulegen und vielleicht in den Abgrund fahren zu lassen?

Genau das besagt nämlich das neue politische und mediale Paradigma. Eine geradezu wahnsinnige Überhöhung des Einzelschicksals, für das ein ganzes Land untergehen, für das die EU in ihren Grundfesten beschädigt werden kann.

Warum kommen wir plötzlich zu einer solchen radikalen Einstellung? Noch wichtiger ist die Frage, warum sich niemand ernsthaft dagegen wehrt? Leben wir in einem totalitären System? Gibt es plötzlich nur noch eine Vernunft? Was ist mit den anderen vernünftigen Erwägungen, eine Erkrankungswelle einfach auszuhalten und als Stresstest für unser Gesundheitssystem hinzunehmen, um nicht mit allen vier Gliedmaßen (Ökonomie, Freizügigkeit, sozialer Frieden und Gesundheit) gleichzeitig im Sumpf stecken zu bleiben?

Auch das ist eine Vernunft, die beispielsweise die englische Regierung bis vor wenigen Tagen vertreten hat. Auf massiven Druck von Wissenschaftlern und Medien ist diese aber eingeknickt und hat sich dem neuen Paradigma angeschlossen, dass eine größere Epidemie in der Bevölkerung nicht riskiert werden darf.

Ein fundamental christliches Paradigma wird gerade zur Vorschrift erhoben

Ähnlich wie bei der Flüchtlingskrise, entscheidet die Kanzlerin erneut aus dem Bauch heraus und gibt als Losung gleich ein ganzes Paket an quasi religiösen Leitsätzen heraus. Wir müssen unsere Alten und Kranken schützen, wir dürfen nicht egoistisch sein und an unsere Arbeitsplätze denken, Gott (in diesem Falle der Staat, der schnell überfordert sein dürfte) wird für alle Sorgen, die unter der verordneten Krise ihre Existenz riskieren oder gar verlieren. Das hört sich an, wie frühe christliche Naivität, aus der wir doch eigentlich schon durch die Aufklärung herausgewachsen sein sollten.

Das Paradigma ist eine Art fundamental christliche Antwort auf eine komplexe Problemlage, bei der man nicht umhin kommt, Opfer zu bringen. Die Antwort ist, nach Merkel, opfert Euch selbst, Eure Existenzen, für Eure Nächsten, denn wir wissen nicht, wie lange wir die verordnete Krise durchhalten müssen. Das werden uns die Wissenschaftler schon sagen.

Wie unrealistisch. Die Wissenschaftler sind selbst orientierungslos und wissen nicht, ob man diese Infektionsketten tatsächlich in absehbarer Zeit entschärfen kann. Sie werden gleichwohl zu Priestern des neuen Paradigmas, das unsere Welt stilllegen will, bis sie wieder in Ordnung ist.

Was für ein gewaltiger Irrglaube dahinter steckt! Die nächste Epidemie wird kommen, vielleicht im nächsten Winter. Dann alles noch einmal? Was für eine Realitätsverweigerung!

Ich habe noch nie unsere Gesellschaft auf einem solchen offensichtlichen Irrweg beobachten können, auch für mich ein absolutes Novum! Als nach Fukushima die Kanzlerin plötzlich von der Atomkraft weg wollte, haben viele in Europa die Köpfe geschüttelt. Jetzt ist das, was auch damals schon ohne Diskussion, als alternativlos deklariert wurde, zu einer Existenzbedrohung unserer westlichen Welt geworden. Die Selbstvernichtung von wirtschaftlicher Prosperität, Wohlstand, gesellschaftlicher Freiheit und europäischer Freizügigkeit wegen einer aggressiven Form der Grippe.

Für mich ein deutliches Zeichen, wie psychisch labil unsere gesellschaftliche Führung, unsere kritische Öffentlichkeit und viele Mitbürger schon geworden sind. Ein noch deutlicheres Zeichen dafür, wie sich moderne Massengesellschaften liberalen Zuschnittes manipulieren und in den Abgrund treiben lassen.

Ein erschreckender Befund. Aber es ist zu spät. Unser Land, Europa und die Welt sind nicht zur Korrektur fähig. Jedenfalls zur Zeit nicht.

Nachschrift: Auch nach einem Corona-Urlaubstag, nach Sichtung aller Literatur, die im Netz bereit gestellt wird, das ist glücklicherweise recht viel, bleiben Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser verordneten Krise. Die hohe Kontagiosität (Ansteckungsgefahr) des Virus, die wohl doppelt bis dreifach so hoch ist, wie bei üblichen Influenza-Viren, ist ein gewichtiges Argument, unser Land lahm zu legen. Die heftige Reaktion anderer europäischer Länder erschwert darüber einen Alleingang, den bisher die Briten versucht hatten.

In der Kombination sind das zwei Gründe, die eine begrenzte Stilllegung des Binnenmarktes und der Handelsbeziehungen zu anderen Ländern rechtfertigen könnten. Allerdings sind die Schäden dieses Shut Down noch nicht abzusehen. Die Hilfsprogramme laufen schleppend an und die Bilanz könnte am Ende verheerend sein. Wenn nämlich die Sterberaten kaum gedrückt werden konnten, die Rezession aber vielleicht Millionen von Arbeitsplätzen gekostet hat und ebenso viele Menschen ins soziale Aus befördert.

Wir werden sehen.