Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Kann man Wahrheit demokratisch ermitteln? Wohl kaum. Der Versuch, das zu tun, führt zu allerlei absurden Situationen.

In Nizza auf dem „Boulevard des Anglaise“, der die Stadt vom Meer trennt, erlebt man sommers täglich ein schönes Beispiel. Ob die Ampel, die über die breite Straße führt, rot oder grün ist, das entscheiden die Fußgänger mit den Füßen. Ab einer bestimmten Zahl von Fußgängern wird der Verkehr einfach neu geregelt. Ein paar Mutige gehen vor und bringen den Autoverkehr zum Stillstand, dann gehen die Massen mit Strandmatten bei „Rot“ rüber.

Genau genommen ist das aber nicht rot, auch wenn das Ampelmännchen rot aufleuchtet, es ist grün! „Demokratisches Grün“.

Wer es nicht glaubt, fahre im Sommer nach Nizza und erlebe es jeden Tag neu.

Diese Neuregelung der Regeln, die sich an die alten Regeln hält (die Leute gehen tatsächlich an der Ampel über die Straße), sie aber einfach umdreht, weil aus rot plötzlich grün wird, erfordert eine gewisse kritische Masse. Dann schlägt, wie Marx es schon sagte, die Quantität in eine neue Qualität um. In der Nachsaison funktioniert die Sache nicht mehr so gut und die wenigen Menschen, die dort auf den Übergang warten, tendieren eher zur „Wahrheit“ und nicht zum demokratischen Grün.

Tatsächlich, das wissen wir nicht nur aus der Geschichte, ist eine kritische Masse ohne weiteres in der Lage, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen oder völlig neue Wahrheiten zu schaffen. So hängt die Glaubwürdigkeit der Klimatheorie, nach der wir Menschen die Hauptschuldigen der aktuellen und künftigen Klimaerwärmung sind, davon ab, wie viele Menschen und Medien diese „Wahrheit“, als Wahrheit, kommunizieren.

Das kann so weit gehen, dass einzelne Wetterphänomene, wie der äußerst nasse Sommer im letzten und der äußerst trockene Sommer in diesem Jahr, einen Beweis für die menschgemachte Klimaerwärmung darstellen, wenn es genug Medien gibt, die das so verkaufen. Da können seriöse Meteorologen so lange mit dem Kopf schütteln, wie sie wollen.

Je nach favorisiertem, politischen Lager kann man sich solche demokratischen Wahrheiten die ganze Woche über unablässig an den Kopf werfen, was auch tatsächlich so geschieht.

Dabei ist die wissenschaftliche Substanz von Behauptungen fast schon unerheblich. Die SPD steckt voller Linksradikaler und die AfD voller Nazis. Kann zwar beides nicht gehalten werden, aber zumindest für so lange, wie sich Leute hinter der einen oder anderen Position aufstellen und laut mitrufen.

So funktioniert moderne Massenkommunikation: Immer weit, weit an der Wahrheit vorbei!

In den siebziger Jahren wurden wissenschaftliche Behauptungen (Club of  Rome) aufgestellt, dass unsere fossilen Ressourcen (Erdöl und Erdgas) in zwanzig bis dreißig Jahren aufgebraucht sind. Da redet heute, fast vierzig Jahre später, keine Mensch mehr von. Damals war es für die Medien die Wahrheit schlechthin. Waldsterben? Fehlanzeige, weil ein eher lokales Phänomen.

Kommunismus und Kapitalismus als erfolgreiches System in einem Land. Denkbar oder nicht? In unserer polarisierten Welt vor vierzig Jahren war das nicht denkbar, weder im konservativen noch im sozialistischen Lager unserer Republik. Aber was ist heute mit China? Ist China ein kommunistisches oder kapitalistisches Land? Eine Melange doch wohl, die sich vorher niemand vorstellen konnte. Sind also unsere kapitalistischen Demokratien, die sich immer mehr aufdröseln in liberale, konservative, nationale und gelenkte Demokratien, der Weisheit letzter Schluss? Die Leute werden es mit den Füßen entscheiden, indem sie entweder weiter brav zur Arbeit oder aber auf die Straße gehen. Wo und wofür als Erstes, lässt sich nicht voraussehen, genauso wenig, wie die Frage, wann die Leute in Nizza über die Ampel gehen.

Natürlich sind das alles politische Fragen bei denen die erwähnten Gesetze der Masse gelten, die alles andere als physikalisch sind. Trotzdem leben wir in Systemen, die keine absoluten Wahrheiten kennen und eher bestrebt sind aus labilen Gleichgewichtszuständen in Stabile zu wechseln.  Aber nicht einmal diese Wahrheit stimmt. Denn wir betrachten heute eine Welt, die instabiler ist, als je zuvor, wo doch eigentlich ein System, der Kapitalismus, seinen globalen Siegeszug längst hatte. Also tendieren Systeme auch von sich aus zur Instabilität.

Wir landen bei Einstein: Die Wahrheit ist vom Standpunkt des Betrachters abhängig. Absolute Zeit und absoluter Raum – Fehlanzeige, alles verbiegt sich bei Bedarf. Auch die Wahrheit verbiegt sich – bis in ihr Gegenteil.

Bleiben wir also bei Descartes und halten uns dort vorläufig fest: „“Dubito, ergo sum“ – Ich zweifle, also bin ich!