Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Das Phänomen des Hasses ist schwer zu ergründen, auch wenn in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung die Notwendigkeit eines tieferen Verständnisses des Hassens besteht.

Eine Anthologie des Hasses würde mehrere Bände füllen, das Phänomen ist vermutlich so alt, wie die Menschheit. Auch wenn wir nicht genau wissen, in welcher Form und wie intensiv in der Steinzeit gehasst wurde, vermuten wir doch, dass diese Seite des Menschen uralt ist. Auch der moderne Mensch ist, trotz aller Fortschritte, immer noch ein leidenschaftlicher Hasser, was einerseits auf unser primitives emotionales Schnittmuster, andererseits aber auch auf unser modernes „Gefangensein“ verweist.

Denn, wer hasst, ist unfrei.

Die Liebe, die im Allgemeinen als das Gegenteil von Hass dargestellt wird, ist übrigens auch kein Ausdruck von Freiheit, sondern viel eher von extremer Gebundenheit an ein Objekt. Liebe macht im wahrsten Sinne des Wortes unfrei, so schön sie ist. Wenn die Liebe dann kippt, so die tiefenpsychologische Interpretation, entsteht Hass auf Grundlage einer Bindung, die noch besteht, obwohl sie nicht mehr gewollt ist.

Hass wirkt dann wie ein „roter Denkzettel“, der die Enttäuschten permanent daran erinnert, sich aus der kränkenden Bindung zu befreien. Wem das nicht gelingt, bleibt in einer abgestorbenen Beziehung gefangen. Ein Phänomen, das sich vielfältig darstellen lässt. Jahrelange Martyrien der inneren Trennung von einem ehemals geliebten Partner, die Unfähigkeit, sich aus der Abhängigkeit zu einem Elternteil zu befreien. Stoff für jede Menge Psychothriller bietet der Hass auf dieser Grundlage. Denken wir an „Psycho“ von Hitchcock, der immer noch mit seiner, inzwischen mumifizierten, Mutter lebt und derweil junge, lebendige Frauen ermordet.

Halten wir also fest, dass Hass zwar der emotionale Gegenpol der Liebe sein mag, aber sich beide Gefühle gleichermaßen auf eine intensive Bindung beziehen, die im Falle der Liebe gesucht und Falle des Hasses bekämpft wird.

Das Gegenteil von Hass ist somit nur in Hinsicht auf die emotionale Tönung, die Liebe. In Hinsicht auf die Bedingtheit durch eine nicht aufgelöste Bindung, ist das Gegenteil von Hass die Ungebundenheit, kurz, die Freiheit.

Wer innerlich frei ist, muss nicht hassen.

Bindung ist allerdings ein ähnlich universeller und zugleich schlecht definierbarer Begriff.

Was ist Bindung?

In der psychoanalytischen Literatur bezieht sich Bindung eigentlich immer auf ein Objekt, das meist von einer anderen Person herrührt, diese nicht unbedingt sein muss, aber im Zusammenhang mit ihr aufgetreten ist. Ein Objekt repräsentiert in diesem Sinne vor allem die Verbindung zwischen der eigenen Psyche und der äußeren Welt und hat eine emotionale Qualität. Ein solches Objekt kann der eigenen Psyche näher oder auch ferner liegen. Sehr nah mit der Psyche verbundene Objekte, werden verschiedentlich als „Selbst-Objekte“ bezeichnet, die eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der eigenen Integrität spielen. Weiter entfernte Objekte wurden, beispielsweise von Sigmund Freud, als libidonös besetzte Objekte bezeichnet, solche also, zu der die Psyche eine triebhafte Bindung aufbaut. Ein typisches Beispiel für ein Selbstobjekt ist die Mutter in der frühen Kindheit, die über die Unversehrtheit des Kindes wacht, während ein typisches Beispiel für ein libidonöses Objekt, das kein Selbstobjekt ist, ein geschlechtsreifer Lebenspartner sein kann.

Unglücklicherweise verfügt unsere Psyche, bauartbedingt, über keine klare Trennung zwischen Selbstobjekten, die schützend unsere Integrität aufrecht erhalten und libidonösen Objekten, die zur Triebbefriedigung gedacht sind, was zu erheblichen Verwirrungen im Beziehungsleben führen kann.

Man weiß dann nie, ob es sich bei Beziehungskonflikten um die Krise einer Bindung zu einem Selbstobjekt oder einem reiferen Triebobjekt handelt. Das schafft Verwirrung! Denn im ersten Fall geht es an die psychische Substanz, im zweiten Fall geht es „nur“ um eine vorrübergehend gescheiterte Triebbefriedigung.

In vielen umgangssprachlichen Redewendungen finden sich Hinweise auf die schwierige Abgrenzbarkeit von nahen und entfernteren Objektbindungen. Es geht einem etwas zu nah, unter die Haut, es geht schon langsam an die Substanz oder positiv baut einen etwas auf, liegt einem fern oder ganz nah und streichelt die Seele.

Man kann schon sagen, dass Liebe und Hass umso intensiver erlebt werden, je näher die Bindungen dem Kern der Psyche liegen, je mehr also die Objekte, um die es geht, den Charakter von Selbstobjekten haben.

Enttäuschung und folglich auch Hass entstehen besonders häufig dann, wenn bei Menschen noch ein hoher Bedarf auf der Ebene der Selbstobjekte besteht, obwohl diese Ebene eigentlich schon konsolidiert sein sollte. Wenn also eine Psyche darum kämpft sich selbst mit Hilfe der Umwelt zu stabilisieren. In so einem Fall, der gar nicht selten ist, haben Bindungen zu unabhängigen Personen, die hauptsächlich auf der Ebene der Triebobjekte unterwegs sind, unerträglich frustrierende Leiden zur Folge, die dann in Enttäuschung und Hass umschlagen können.

Umgangssprachlich ausgedrückt heißt dies, dass in allem und jedem die „Gute Mutter“ gesucht wird, die dabei helfen soll, sich selbst zu stabilisieren.

Das gilt nicht nur im unmittelbaren privaten Beziehungsleben sondern auch auf der Arbeit, in der Öffentlichkeit und in professionellen Kontakten jeder Art. Es gilt vor allem nicht nur im Umgang mit natürlichen Personen, sondern auch mit Institutionen, mit juristischen Personen, Unternehmen, Gruppen und Vereinen. Es gilt überall!

Wichtig ist hier die eingangs getroffene Differenzierung, dass es sich bei Bindungen um Objektbindungen handelt, die von einer anderen Person herrühren, die selbst aber nicht das Objekt sein muss. Dies bedeutet, dass unsere Psyche häufig keine ganzen Personen als Objekte akzeptiert, zu denen sie eine Bindung aufbaut, sondern meist nur Teile von Personen. Man spricht von Partialobjekten.

Frühe Partialobjekte sind beispielsweise die Mutterbrust oder die glänzenden Augen eines Elternteils. Spätere Partialobjekte können Geschlechtsmerkmale sein, der Po, die breite Schulter eines Mannes oder die Geschlechtsorgane selbst. Davon abgeleitet gibt es unzählige Dinge mit dem Charakter von Partialobjekten, wie Kleidung, Schuhe, Prestigeobjekte oder auch Genuss- und Nahrungsmittel.

Sehr vieles eignet sich als Partialobjekt, aber immer geht es um den Bezug zu wichtigen Personen und um die Bindung zu ihnen.

Wenn vom Schuh ein Absatz abbricht, das Feuerzeug nicht funktioniert oder der Wagen nicht starten will, dann spielt hintergründig immer die augenblicklich gestörte Objektbindung eine Rolle und frustriert die Psyche.

Ein Umstand, der je nach psychischer Konstellation eines Menschen, bereits bei Startschwierigkeiten im Auto zu massiven psychischen Verwerfungen mit Wutausbrüchen bis hin zum Hass führen kann. Szenisch dargestellt, ist das, beispielsweise als Gag in einer Werbung, manchmal ganz lustig, oft aber ein Hinweis auf die Frustration von sehr nahe liegenden Objektbindungen.

Wenn ein Schulmädchen seinen Dessert empört wegschiebt und dabei ausruft: „Ich hasse Rhabarberpudding!!!“ dann ist das auch ein Beleg, wie nahe uns scheinbar belanglose Dinge gehen können, wenn sie die Bindungen an unsere zentralen Objektbeziehungen berühren. Hass kann in den banalsten Situationen auftreten.

Hass kann aber auch entstehen, wenn Menschen nicht hinreichend über stützende Objekte verfügen. Dann wird kein enttäuschendes Objekt gehasst, sondern etwas diffuses und allgemeines. Die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Menschheit oder das Leben an sich. Nicht selten ist das eine Grundlage für Hass-Ideologien und Ausgangspunkt für Zerstörungslust bis hin zum Terrorismus.

Formulierungen von Unbedingtheit und Absolutheit können Hass triggern

Manchmal reicht es schon, einen Satz mit den Worten „Ich hasse…“ zu beginnen, um das Gefühl von Hass auszulösen. Die so genannte „Hate-Speach“ in den sozialen Netzwerken zeigt eindrucksvoll auf, dass vollkommen banale Ereignisse, wie die Kleidungswahl einer Prominenten, Hasstiraden erzeugen können. Die Sprache bleibt dabei immer gleich und ist der eigentliche Trigger des Hasses. Die Formulierungen haben dabei in der Regel etwas unbedingtes und absolutes, wie „vollkommen“ daneben,“ total“ geschmacklos, „absolut“ unanständig und so weiter.

Bereits sprachlich landet man bei unbedingten Formulierungen, die alle anderen Deutungsmöglichkeiten ausschließen, auf der Ebene der Selbstobjekt-Bindungen, die für die Psyche existentiell notwendig sind und nicht in Frage gestellt werden dürfen.

Es entsteht nicht selten die absurde Situation, dass unerwartetes oder nicht-konformes Verhalten Einzelner bei völlig unbeteiligten Personen Hass auslösen kann, obwohl es sie überhaupt nicht betrifft.

Der Türöffner für diese unmotiviert wirkenden Hassreaktionen ist häufig die Sprache. Einer fängt an und beschreibt das Verhalten als unangenehm unter Nutzung von absoluten Begriffen und Formulierungen. Die Dynamik wird dann durch die Sprache gesteuert und vielleicht sogar eskaliert (Shit-Storm).

Die tiefenpsychologische Grundlage aber ist die vermeintlich bedrohte Bindung zu existentiell wichtigen Objekten, wenn die Eingrenzung der Situation durch die Psyche nicht gelingt. Das ist häufig der Fall!

Einen Sonderfall stellen idealistische oder ideologische Objektbindungen dar, die ihre Brisanz dadurch bekommen, dass bestimmte sprachliche Wendungen über Liebe oder Hass entscheiden können. Meist handelt es sich bei solchen Konstellationen um narzistische Stabilisatoren, wenn ein starker Mangel an lebendigen Selbstobjekten besteht. Dann treten Ideale und Ideologien, an welche die Betroffenen sich klammern, in diese Lücke. Da Ideale und Ideologien meist auf der psychischen Bedürfnisebene enttäuschen müssen, sind solche Individuen sehr anfällig für einen pathologischen Hass, einen Hass also, der tragender Bestandteil der Persönlichkeit geworden ist. Auch hier ist verabsolutierende Sprache der eigentliche Trigger des Hasses.

Das Zauberwort gegen Hass ist psychische Reife

In bestimmten Phasen der Kindheit werden absolute Begriffe, die in den existentiellen Bereich der Objektbindungen verweisen, recht häufig benutzt. Total, absolut, völlig, ganz sicher, alles, nichts, sind Begriffe, die keinen Widerspruch dulden und unbedingte Folgsamkeit verlangen, etwa so, als würde ein Säugling nach der Mutterbrust schreien. Sie verweisen also auch auf nicht relativierbare Bedürfnisse und zielen somit direkt in das Zentrum der psychischen Bindungen, wie man sie im Säuglingsalter kennt.

Der exzessive Gebrauch dieser Begriffe findet aber bekanntlich erst bei Ablösung der Kinder von den Eltern, in etwa beginnend mit dem zwölften Lebensjahr, statt. Die Absolutheit der Sprache ist in diesem Alter also kein Instrument, die bestehenden Bindungen (zu den Eltern) zu festigen, sondern im Gegenteil, sich von den Eltern zu lösen und unabhängig zu werden. Der Hass der dann häufig entsteht, ist ein Kampf gegen die Bindung an die Eltern. Die Sprache ist ein wichtiges Instrument in diesem Kampf. Sie soll etwas sehr starkes gegen etwas sehr beharrliches setzen, den Wunsch nach Ablösung gegen die Bindung der Psyche an ihre Selbstobjekte. Das führt fast regelhaft in die Krise! Selbstobjekte werden nämlich gebraucht, um stabil und unversehrt zu bleiben. Sie müssen vom Einfluss der Eltern gelöst und endgültig in den Dienst der eigenen Psyche gestellt werden.

Solche Ablösungsprozesse gehen dann nicht nur mit Hass bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern einher. Der reaktive Hass entsteht, wenn einem wichtige Bindungen entzogen werden und das ist natürlich auch bei den Eltern der Fall.

Häufig wird empfohlen nach Gemeinsamkeiten außerhalb dieses „Kriegsschauplatzes“ zu suchen, um schon für die spätere und reifere Bindung etwas Substanz bereit zu stellen. Für die Zeit also wenn die schlimmste Krise, der gröbste Hass abgeklungen sind.

Man erkennt also, dass Hass eben auch notwendiger Bestandteil von Reifungs- und Ablösungsprozessen ist. Wer nicht hasst, kann nicht reifen.

Übertragen auf gesellschaftliche Prozesse bedeutet das, dass Toleranz gegenüber Hass ein wichtiger Faktor für eine Reifung der Gesellschaft ist, für eine politische Reifung also. Eher als reaktiver Hass, ist die Suche nach Gemeinsamkeiten mit dem Teil der Gesellschaft, der sich entwickeln möchte, angeraten.

Analogien zum gesellschaftlichen Leben stimmen nicht immer

Wenn man Toleranz lehren möchte, muss man Absolutheit, und zwar in jeder Form, kritisieren. Das ist nicht nur für den Schutz unserer seelischen Stabilität und eine sauberere Abgrenzung unserer Objektbindungen auf der Skala von näheren bis zu ferneren Objekten erforderlich.

Ganz sicher aber ist es ein schwerer Fehler, vollkommene oder absolute Toleranz als Wert dazustellen. Das verstößt massiv gegen grundlegende psychische Schutzmechanismen, die für jedes Individuum in unserer Gesellschaft erforderlich sind.

Auch Freiheit ist kein absoluter Wert und darf nicht so dargestellt werden, denn absolute Freiheit gibt es, zum Glück für unsere Psyche, die Bindungen braucht, nicht.

Tatsächlich ist Freiheit auf individueller Ebene ein Prozess und kein Zustand, es gibt also nur eine relative Bewegung hin zu mehr Freiheit. Diese Bewegung erfolgt in dem Maße, in dem Bindungen relativiert werden können. Zwischenstadien und Krisen sind immer auch mit Hass verbunden.

Verabsolutierende Sprache ist also auch dann ein Risiko, wenn sie mit positiven Werten wie Freiheit und Toleranz verbunden ist. Sie erzeugt Reaktanz und sogar Hass, weil sie zu tief in die Psyche eindringt und als bedrohlich erlebt wird.

Wenige reife und gut abgegrenzte Individuen können mit absoluter Sprache umgehen und sie relativeren, die allermeisten Menschen reagieren darauf aber mit Reaktanz und Verabscheuung auf der einen Seite oder bedingungsloser Gefolgschaft, die dann im krassen Gegensatz zu den erwähnten Begriffen von Freiheit und Toleranz steht.

Die Hater nicht zu hassen, wäre klug

Schließlich sind diejenigen in einer Gesellschaft, die im hohen Maße absolute Sprache als Ausdruck absoluter und tiefgehender (auch ideologischer) Bindungen benutzen,  in der Krise! Sie stellen die instabilen Faktoren in einer Gesellschaft dar, haben aber gleichzeitig einen hohen Anteil an der gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik.

Es muss für eine stabile Gesellschaft immer genug reife Menschen geben, die in der Lage sind, Begriffe zu relativieren und somit die Emotionen im Zaum zu halten. Traditionell ist das der konservative Bevölkerungsanteil, der neuerdings in unseren westlichen Ländern unter Beschuss steht. Konservative stehen, nicht zum ersten Mal, aber auf breiter politischer und medialer Front, den Verabsolutierungen scheinbar fortschrittlicher Gruppen gegenüber, die diese in stillschweigender Verbindung mit rechtsradikalen Nationalisten sehen. Ähnliche Krisen gab es auch schon in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren, als den Konservativen latenter Nazismus vorgeworfen wurde.

Solche verabsolutierende Angriffe erinnern an pubertierende Jugendliche und verwundern sehr, wenn sie aus der linken bürgerlichen Mitte kommen, wo ja eigentlich reife Erwachsene vorherrschen sollten.

Üblich ist dabei tatsächlich auch Hasssprache, die eben nicht reaktiv beantwortet werden sollte. Besser und reifer ist es, die sachliche und inhaltliche Substanz in den Vordergrund zu stellen, um das Feld der verletzbaren und häufig auch verletzten Psyche zu verlassen.

Das ist dann ein aktiver Beitrag gegen den gesellschaftlichen Hass, welcher nie auszurotten ist, wohl aber vernünftig eingedämmt werden kann.