Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Unsere Gesellschaft kracht auseinander. Von Werten kann nicht mehr die Rede sein.

Meist wird über das am intensivsten gesprochen, was am wenigsten existent ist. Wir Westeuropäer reden dabei besonders gern über Werte.

Eigentlich dachte ich, dass wir in eine Baustelle einfahren. Der Verkehr staute sich schlagartig, aber er floss noch weiter. Alles vor mir bemühte sich, auf die linke Spur zu kommen. So näherte ich mich sehr langsam der Unfallstelle.

Schluss war erst, als die ersten Rettungskräfte Notarzt, Feuerwehr und Polizei, sich eine Gasse durch den Stau bahnten, um an die Unfallstelle zu kommen. Bis dahin waren wahrscheinlich schon hunderte Fahrzeuge an den Unfallfahrzeugen vorbeigefahren, in denen ein Toter und ein Schwerverletzter eingeklemmt im Führerhaus eines Kleinlasters hingen.

Erst die Feuerwehr, die sich quer stellte, machte ein Fortkommen auf der linken Spur unmöglich, die Autobahn stand von diesem Augenblick an.

Ich weiß nicht, aber bisher hatte ich gedacht, dass man nur im zweiten Weltkrieg achtlos an Toten und Verletzten vorbeigefahren ist, weil es galt, weiter zu fliehen und das eigene Leben zu retten. Die Tatsache, dass gestern hunderte von Autofahrern auf der „Autobahn der Freiheit“ (A100) wohl nur ihr eigenes Fortkommen retten wollten und sich deshalb auch nicht scheuten, den Strafbestand der unterlassenen Hilfeleistung zu begehen, erinnert irgendwie auch an Krieg, wo Verrohung und Verlust aller menschlichen Werte sich allmählich einschleichen.

So auch bei uns? Welchen Krieg haben wir?

Gerade als die Feuerwehr die bekannten Hütchen vor der Unfallstelle aufstellte und schon zwei Rettungshubschrauber gelandet waren, kam eine polnische Reisegruppe, die in mehreren PKWs unterwegs war, mit ihren Handys und versuchte Bilder vom zerquetschten aber noch belebten Führerhaus des Lasters zu machen. Sie konnten kaum gehindert werden, so zahlreich waren sie.

Die deutsche Fußballnation ist wütend. Wie konnte es die deutsche Weltmeister-Elf wagen, in der Vorrunde auszuscheiden. Viele Angriffe unter der Gürtellinie in den Medien und den sozialen Netzwerken.

Wer sind wir, wenn wir nicht mehr gewinnen?

Mein Sohn hat schon in der zweiten Schule Probleme mit Mobbing. Er reagiert auf Beleidigungen schnell gekränkt und zeigt, dass ihm das weh tut. Das ist sein Fehler. Die anderen Jungen nutzen das aus und beleidigen ihn umso schlimmer. Sie suchen regelrecht nach Opfern. Die Lehrer sehen sich außerstande, dem Einhalt zu gebieten. Zudem sind diese Jungen, die vor allem andere Kinder herabsetzen und kränken, in einer Gang organisiert, die ziemlich dominant in der Klasse ist. (Die wissen jetzt schon, wie man es machen muss.) Wenn sie herumziehen und die Flüchtlings-Mädchen aus der Willkommensklasse beleidigen („Du bist hässlich“) haben die schon Akzeptanz bei ihren Opfern. Eine lächelt sobald diese Jungen vorbeikommen und sagt: „Ja, Ja, ich weiß, ich bin hässlich.“ Ironie oder Kapitulation?

Welchen Krieg haben wir eigentlich, dass wir das Böse nicht mehr eingegrenzt kriegen?

Kürzlich beklagte sich der Bundespräsident über die zunehmende Verrohung in unserer Gesellschaft. Er beklagte extremistische Gesinnung und mangelnde Solidarität. Ich weiß nicht, woran Frank Walter Steinmeier das fest macht. Wir haben viele verrohte Migranten ins Land bekommen aber auch viele Deutsche die verroht sind. Ich weiß aber, dass Steinmeier, als Kanzleramtsminister, einer der entscheidenden Architekten der Agenda 2010 war und frage mich, ober er auch seinen eigenen Beitrag zu dieser Verrohung reflektiert?

Wir haben einen Krieg aller gegen alle und unsere liberale Gesellschaft zerfällt immer mehr in Gruppen, für die die eigenen Normen verbindlich sind, die Normen der Gesellschaft aber nicht.

Egal ob man von Extremfällen ausgeht, wie bei den Reichsbürgern und den Islamisten oder aber von Autofahrern, die inzwischen schon an Toten und Schwerverletzten vorbeifahren, ohne zu helfen.

Schluss mit der Naivität heißt es in Bezug auf Migranten. Aber es hieß auch Schluss mit der Naivität in Bezug auf Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, als die Agenda der SPD kam. In der Schule und bei den Lehrern heißt es schon längst, Schluss mit der Naivität gegenüber den Schülern, man kann froh sein, die Klasse als Ganzes noch im Griff zu behalten. Einzelne Opfer kann man da nicht mehr berücksichtigen.

Wie sieht es aus mit den Werten?

Ganz nüchtern und ohne Naivität hat der gesellschaftliche Autoritarismus viele Vorteile. Die Menschen bekommen Angst, ihr Ego ungezügelt laufen zu lassen, weil sie Bestrafung fürchten. Sie sind eher auf Anpassung bedacht und unterdrücken ihre Tendenz, die „Sau rauszulassen.“ Es behaupte niemand, dass es in autoritären Systemen keine Mobbingopfer gibt. Die gibt es mindestens genauso häufig, wie im Liberalismus. Aber die Aussicht, eins auf die Fresse zu bekommen, scheint für viele Menschen überzeugender zu sein, sich anständig zu benehmen und Moral zu zeigen, als die so genannte politische Korrektheit, die nur für wenige eine Bedeutung hat und oft recht doppelbödig und fadenscheinig daher kommt.

Natürlich gibt es für unseren Werteverfall, der offensichtlich ist, auch noch ganz andere Gründe. Die Bereitschaft der Leistungsgesellschaft, jeden zu diskreditieren, der nicht in ein bestimmtes Menschenbild passt. Die permanente Vorführung des Kapitalismus, dass Geld und Macht, Menschlichkeit und Güte sticht, schließlich die vielen politischen Inszenierungen, in denen der politische Widersacher nicht mehr angehört, sondern hauptsächlich demontiert, diskreditiert und diffamiert wird.

All das wirkt! Die Botschaft ist eindeutig. Es ist besser mächtig und böse zu sein, als ohnmächtig und gut.

Plädoyer für den Autoritarismus

Ich persönlich plädiere immer mehr für ein autoritäres Gesellschaftsmodell, sei es eine Ableitung vom Putinismus oder dem milderen Weg der polnischen Nationalkonservativen. Unser Weg war ein Irrtum. Unter den Bedingungen des Liberalismus entwickeln sich viele Menschen zu unmoralischen Egoisten und man beobachtet immer mehr Entsolidarisierung und zugleich eine immer größere Gleichgültigkeit gegenüber dem Ganzen der Gesellschaft.

Eine autoritäre Gesellschaft ist besser.