Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Es sieht so aus, als wollte man gemeinsam ein paar Nägel einschlagen und dann fehlte der Hammer. Der Aachener Vertrag, der als Ergänzung zum alten Élysée-Vertrag gemeint ist und dieses erste Vertragswerk zwischen Adenauer und De Gaulle von 1963 nicht ersetzen, sondern modernisieren soll, geht manchen zu weit, manchen nicht weit genug, lässt aber die meisten kalt.

Die Tatsache, dass der Vertrag erst am Tag der Unterschrift in den Medien sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ausgedehnt diskutiert wird, ist symptomatisch. Entweder gab es kein Vertrauen in der Politik, dass die neue deutsch-französische Freundschaft mit deutlichen Akzenten auf mehr Integration beider Länder, in der Bevölkerung zustimmungsfähig ist oder aber es fehlte schlicht das Interesse bei den Medien. Erst, als sich LePen in Frankreich dem Vertragsentwurf annahm, indem sie „Zeter und Mordio“ schrie, dass Frankreich praktisch das Elsass und Lothringen an Deutschland ausliefern würde, stieg das Interesse in Frankreich (auch in Deutschland) etwas.

Das Bestreben, sich gegen die Nationalisten in Frankreich abzugrenzen, führte zu einer ersten öffentlichen Diskussion, die heute am Tag der Unterschrift, auf ihrem Höhepunkt ist und morgen vermutlich niemanden mehr interessiert.

Der Vertrag ist antipazifistisch

Dabei werden wesentlich Punkte der deutsch-französischen Integration in dem Vertragswerk berührt. Es geht um eine verstärkte militärische Zusammenarbeit, die auch gemeinsame militärische Interventionen einschließt und eine gemeinsame Rüstungsindustrie (die mit der Airbus-Defense-Sparte schon längst existiert), die zukünftig auch leichter exportieren können soll. In Frankreich verkauft man Waffen eben mit weniger Auflagen an Drittländer, als in Deutschland. Der deutsche Pazifismus erhält damit einen weiteren Sargnagel, was seine Agonie verstärken dürfte.

Unter dem Deckbegriff einer verstärkten, gemeinsamen Verantwortung, steht die gemeinsame Aufrüstung ganz oben auf der Agenda.

Nun sind die Franzosen, mehrheitlich, nicht gerade für ihren Pazifismus bekannt. Dennoch stellt sich die Frage, ob das Versprechen, künftig gemeinsam in den Krieg zu ziehen, wirklich ein Qualitätsmerkmal der Freundschaft ist, das überzeugt?

Auch in dem Entwurf des Vertrages, der in Form einer Resolution von der Nationalversammlung und dem Deutschen Bundestag vor einem Jahr verabschiedet wurde, kam die außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit vor. Aber doch nicht an erster Stelle!

Es fehlt an Sensibilität

Mit diplomatischer Sprache allein (in dem Vertrag wird in jedem Absatz auf die EU Bezug genommen) ist noch keine Sensibilität für die Belange der Franzosen, der Deutschen und der Europäer hergestellt. Alleingänge in Sicherheitsfragen, in der Harmonisierung der gemeinsamen Wirtschaftsbeziehungen und dem Abbau von Handelshemmnissen, in der gemeinsamen Repräsentanz der EU kommen bei den übrigen 26 Mitgliedsstaaten sicher nicht besonders gut an.

Damit ein zerrüttetes Staatenbündnis wieder mehr zusammenfindet, muss man die Machtverhältnisse mit Frankreich und Deutschland als Führungsmächten, nicht nochmal und nochmal unterstreichen. Genau das tun unsere Regierungen aber mit solchen renovierten Freundschaftsverträgen. Wo bitte, bleibt der Rest?

Die Völker müssen zusammenfinden und nicht die Eliten

Es mag ja schön sein, Bilder zu sehen, auf denen Merkel und Macron sich lieb haben. Bei Sarkozy gab es sogar einen Kosenamen (Merkozy), den sich vor allem die Franzosen ausgedacht haben. Aber wie viele Franzosen waren schon in Deutschland? Wie viele sprechen deutsch und umgekehrt? Wie viele Deutsche interessieren sich für Frankreich, machen ihren Urlaub dort, oder leben gar in diesem göttlichen Land?

In der ausländischen Bevölkerung stehen die Franzosen bei uns mit 130000 Einwohnern gerade mal auf Platz 20 der Ausländerliste, die von den Türken angeführt wird. Umgekehrt waren es 2017 gerade einmal 84000 Deutsche, die in Frankreich leben. Nicht gerade viel!

Der Zauberspruch der deutsch-französischen Freundschaft flirrt seit über fünfzig Jahren durch die Medien. Die einst verfeindeten Völker sollten nun, per Vertrag von oben, Freunde sein. Wer Frankreich mag, steht auch dahinter, vielen aber ist das egal. Auch der neue Aachener Vertrag gibt vor, etwas für die Völkerfreundschaft zu tun und will unter anderem das Ablegen des französischen Abiturs in Deutschland erleichtern, die Zweisprachigkeit fördern. Leider bleiben diese Maßnahmen aber auf einen kleinen Teil unserer Bildungsschichten begrenzt und werden kaum zu mehr Völkerfreundschaft beitragen.

Nicht einmal die neue französische Revolution der Gelben Westen, die von vielen mit Sympathie betrachtet wird, will bei uns Fuß fassen. Liegt es nur daran, dass wir orangefarbene Westen in den Autos haben?

Man kann sehr viel darüber sinnieren, wie man Bevölkerungen zueinander bringt. Eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Vorlieben im Urlaub oder enge wirtschaftliche Beziehungen und ein intensiver Kulturaustausch gehören sicherlich dazu. Nur welche dieser Faktoren sind zwischen Franzosen und Deutschen gegeben?

Bei aller gegenseitigen Faszination berühren sich die Köpfe, wie auf den Fotos von Merkel und Macron, die Körper aber nicht. Wir sind zwei sehr unterschiedliche Völker und werden das auch bleiben. Denn von der Ästhetik, der Sprache, dem Denken und der Demokratieauffassung bis zur Lebensart gibt es gewaltige Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen.

Gemeinsamkeiten müssen regelrecht gesucht werden, die Faszination aber nicht, denn die beruht ja gerade auf der Verschiedenheit der beiden Völker.

Es gibt viele Wege zueinander

Man sollte allerdings nicht die Symbiose suchen, wie in dem heute unterzeichneten Vertrag, sondern schlicht den Kontakt.

Die Liebe zu Frankreich ist dabei vielleicht auch eine Generationenfrage und muss möglicherweise erneuert werden. Die angestrebten Austauschprogramme könnten dabei helfen.

Eine gute Übersicht über die Vertragsinhalte gibt die Huffington Post. Interessanterweise eine Zeitung, die eher russlandnah berichtet*. Es sieht fast so aus, als würde man im Kreml die Achse Paris-Berlin immerhin nicht als Bedrohung wahrnehmen, obwohl doch in diesem Vertrag in jedem zweiten Satz die EU erwähnt wird, die den Russen überhaupt nicht mehr gefällt. Auch mit diesem Hintergrund ist der Artikel lesenswert.

*(Anmerkung des Autors) Die Huffpost, wie sie neuerdings heißt, gibt sich als eher linksliberales internationales Medium, hat aber ihre Wurzeln, beim verstorbenen Medienmacher, Andrew Breitbart, der auch die ultrakonservative und russlandfreundliche Website „Breitbart“ , welche die Präsidentschaftskampagne von Trump 2016 stark unterstützte, schuf. Chef von Breitbart und ehemaliger Präsidentenberater von Trump war Steve Bannon, der wegen seiner Russlandkontakte in Amerika unter massiver Kritik steht. Huffpost, die keine direkten Verbindungen zu Bannon hat, wohl aber ein Breitbartmedium war, berichtet seitdem eher freundlich distanziert über den Putinismus in Russland und unterscheidet sich darin erheblich von der überwiegenden Zahl links-liberaler Medien in den USA, aber auch in Europa.