Skripal Attentat karte

Eine Karte mit den eingetragenen Zeiten und Orten, an denen die mutmaßlichen Skripal-Attentäter in Salisbury am Tattag gefilmt wurden (Gedächtnisbüro 2018)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wer die Geschichte der „public allegations“ in Großbritannien gegen die mutmaßlichen GRU-Offiziere, Alexander Petrov and Ruslan Bochirov in den letzten Wochen mitverfolgt hat, dem kommen langsam die Tränen.

In der eifrigen Suche nach Indizien, dass es sich um die Attentäter von Julia und Sergeij Skripal handelt, leuchtet das Bild eines völlig durchgeknallten, russischen Geheimdienstes auf. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte es ein Stoff für Monty Pythons (noch zu filmende) „Sagenhafte Welt der Geheimdienste“ sein.

Hier die Story nach „Indizienlage“, soweit man die bisherigen Veröffentlichungen so bezeichnen darf:

Zwei Geheimdienst-Offiziere des GRU bekommen den Auftrag, am russischen Ex-GRU-Offizier, Sergeij Skripal (der den russischen Geheimdiensten immer noch in die Suppe spukt und am laufenden Band, gegenüber westlichen Geheimdiensten, russische Agenten enttarnt) ein Exempel zu statuieren.

Der GRU, der in London kaum über Kontakte verfügt und mal gerade die Adresse von Sergeij Skripal herausbekommen hat, nimmt eine gebuchte Reise von Sergeijs Tochter Julia nach London zum Anlass, seine beiden „Assasins“ nach England zu schicken. Denn wenn Julia zu Besuch kommt, dann wird Sergeij doch bestimmt zuhause sein.

Eigentlich war der Plan, Julia ein giftiges Frauenparfum zu schenken, in der Hoffnung, dass sie ihren Papa damit einsprüht. Man hat sich dann aber doch umentschieden (zu unsicher!).

Die beiden GRU-Jungs, die in Wirklichkeit ein schwules Paar sind, besorgen sich ein Business-Visum nach England, obwohl sie offiziell als Touristen einreisen wollen und als Begründung hinterher die Besichtigung der schönen Kathedrale von Salisbury angeben, die über ein Uhrwerk verfügt. Dieses interessiert die beiden „Business-Men”,  in Sachen Kraftnahrung für Bodybuilder, natürlich ganz besonders. Eine Kathedrale und dann noch ein Uhrwerk!

Vielleicht haben sie ja auch den Roman von Ken Follett „Die Säulen der Erde“ gelesen, der die Kathedrale weltberühmt gemacht hat. Aber das ist ja ein Buch aus dem Westen, das russische Agenten natürlich nicht als Begründung für ihr Interesse angeben dürfen. Tatsächlich gibt es  eine russische Ausgabe. Die beiden wissen aber nicht, warum die Kathedrale so berühmt ist und versagen hier in ihrem RT-Interview auf ganzer Linie.

Vorgespiegelte Normalität, im Rahmen einer Geheimdienstoperation, sieht wohl etwas anders aus. Eher Stoff für eine verrückte Story von Monty Pyhtons.

Sie reisen am 2.3. über Gatwick  ein und nehmen in London ein Hotelzimmer. Damit alles gut geht, haben sie zwei Rückflüge gebucht. Am 4.3. und am Morgen des darauffolgenden Tages. Nach ihrer Ankunft gehen sie in London in ein kleines Hotel. Am Tag darauf fahren sie über Waterloo mit dem Zug nach Salisbury und spionieren Skripal aus. Dafür reicht ihnen ein Zeitraum von eineinhalb Stunden vollkommen. Sie kommen um 14.25 in Salisbury an und verlassen die Stadt um 16.11 wieder.

Im Prinzip wissen sie jetzt, wo die Türklinke des verhassten Spions ist, auf die sie es abgesehen haben! Gemeint ist wohlgemerkt nicht die Türklinke von Skripals rotem BMW, die man ziemlich locker und vor allem zielsicher mit einem Kontaktgift hätte besprühen können, sondern die seiner Haustür, die ja auch noch andere Leute hätten anfassen können (Gäste, wie z.B. Julia, Putzfrau, etc).

Aber der GRU will aufs Ganze gehen und mal so richtig auf die „Kacke hauen“, weshalb man eben die Haustürklinke ausgekundschaftet hat. Außerdem fehlt die Manpower, die ganze Observation zu leisten, um herauszufinden, wo der Standort von Skripals BMW ist. Der GRU ist ja nur ein kleiner russischer Geheimdienst mit zwei Dutzend Abteilungen und geschätzt einhunderttausend Mitarbeitern. Schließlich hat man keine Zeit, ist überall auf der Welt aktiv.

Weniger als zwei Stunden für die Observation eines feindlichen Agenten im Vorfeld eines komplizierten Mordanschlages, müssen einfach ausreichen!

Über das Kontaktgift, das die beiden mitgebracht haben, freuen sie sich ganz besonders. Es ist in einer Parfumflasche von „Nina Ricci“ mit einem Aufsatz, der gezielte „Applikation“ ermöglicht. Abends in ihrem Hotelzimmer machen die beiden ihre Späße damit und hinterlassen dabei „nichttoxische“ Spuren von Novichoc. Die Jungs sind echte Draufgänger, wie man sie aus manchen Agentenfilmen kennt.

Monty Pythons hätten an den „Novichoc-Spielchen“ zweier „schwuler, russischer Agenten“ abends in einem Londoner Hotelzimmer wirklich ihre Freude gehabt. Idealer Stoff, „stupid stuff“ eben. Man kennt das doch, „Russisches Roulette“, „du nimmst ein Tröpfchen und ich nehme ein Tröpfchen und wir schauen, wer als erster umfällt“.

Am Sonntag den 4.3.2018, natürlich mit einem kleinen Novichoc-Kater, kommt dann der große Auftritt.

Die beiden kommen um 11.48 am Bahnhof von Salisbury an und verlassen die Stadt via London um 13.50. Sie werden heute auf den Überwachungskameras an folgenden Orten gesehen.

11.58 Shell-Tankstelle, Wilton-Street, 13.08 Fisherton Street unweit der „United Reform Church“ und dreihundert Meter von der Kathedrale von Salisbury entfernt.

Natürlich ist der GRU ein bisschen naiv und man kennt sich mit Überwachungskameras nicht aus. Also produziert man „öffentliche Bilder“ unweit des Hauses der Skripals. Warum auch nicht, man will ja offiziell nur die Kathedrale von Salisbury besichtigen und vielleicht noch ein bisschen „Stonehenge“. Da käme doch niemand auf die Idee, dass zwei russische „Touristen“ mit Strickmütze und finsterer Visage dahinter stecken könnten.

Stonehenge klappt schließlich nicht. Wie die beiden in ihrem RT Interview am 13.9.2018 zerknirscht zugeben, war ihnen der Schneefall viel zu stark, um noch weiterfahren zu können. Nichts fuhr mehr, so starke Schneeverwehungen habe es überall gegeben. Die Zeitschrift „The Sun“ hat diesen Dilettantismus in der Alibibeschaffung (der schon aus den schneearmen, öffentlichen Überwachungsbildern hervorgeht) trefflich analysiert. Monthy Pythons müssten diesen verrückten GRU jetzt einfach nur mit etwas schwarzem Humor in Szene setzten und wir hätten einen herrlichen russischen Geheimdienst-Klamauk!

Wie kommt es, bei einer ernst gemeinten „Indizienkette“ zu einem derart absurden Bild des russischen Militärnachrichtendienstes?

 

Kognitionspsychologische Probleme

Die Ursache dieses skurrilen Narratives liegt vor allem darin, dass eine Vorfestlegung immer einen Tunnelblick erzeugt. Dieser führt dazu, dass nur Faktoren und Informationen berücksichtigt werden, die zu der Lieblingshypothese passen. Das Phänomen wird in der Fachliteratur auch als „Anchoring“ beschrieben. Die voreingenommene Öffentlichkeit kommt da nicht heraus, weil sie auf die Version, dass Russland hinter dem Skripal Attentat steckt, fixiert (verankert) ist.

Das Szenario, das an die Öffentlichkeit gebracht wird, besteht dabei immer nur aus sogenannten „Down-Hill-Facts“ (siehe die Arbeiten von Daniel Kahnemann und Amos Tversky „Judgement under Uncertainty“), also solchen Fakten, die mühelos das Szenario glaubwürdig erscheinen lassen. „Up-Hill-Facts“, also solche Informationen, die der geläufigen Version widersprechen, die nur mühevoll zu integrieren und die möglicherweise auch schwer zu bekommen sind, werden dabei ignoriert.

Der Witz der Geschichte entsteht dadurch, dass das Szenario immer lächerlicher und unglaubwürdiger werden kann und niemand es bemerkt, weil alle nach weiteren Indizien suchen, die die Geschichte stützen.

Die Skripal-Recherchen sind tatsächlich an einem Punkt angekommen, an dem ein einzelnes Passfoto, von vor fünfzehn Jahren, der Öffentlichkeit beweisen soll, dass es sich bei Ruslan Borishov um den russischen GRU-Offizier, Colonel Anatoliy Chepiga handelt, ohne, dass eine direkte Verbindung zu Borishov nachgewiesen werden kann. Die investigative Plattform Bellingcat wird hier vielfach, auch in den seriösen Medien, zitiert.

Was derzeit in der Öffentlichkeit tatsächlich fehlt, ist ein seriöser Bericht der britischen Strafverfolgungsbehörden. Hier gibt es zwar bereits einen Haftbefehl gegen die beiden „verrückten Touristen“ die ein Fläschchen Frauenparfum für ihren Anschlag benutzt haben sollen (und unprofessioneller Weise hinterher in einen Park geworfen haben), aber es gibt keinen zusammenhängenden Bericht, keinen Auslieferungsantrag und keine stimmige Anklage. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.

Solange das so ist, ist der Fall Skripal ein Fall für Monty Python.