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Transparent der “gilets jaunes” in Paris am Wochenende: Die Verzweifelten töten den Bourgeois

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wer Frankreich kennt, weiß, dass dieses Land, neben allen Vorteilen, die es bietet, zwei Grundprobleme hat: Arroganz und Armut.

Es ist kein Vergnügen in Frankreich arm zu sein, weshalb viele Franzosen ihre Armut, so gut es geht, verstecken.

Gang durch den Supermarkt zeigt Umgang mit Armut

Aber bereits der Gang durch den Supermarkt offenbart, wie die Franzosen die Armut organisieren. In den meisten Märkten finden sich die teuren und qualitativ hochwertigen Lebensmittel auf Augenhöhe. Für viele Menschen allerdings vollkommen unerschwinglich. Sie müssen sich bücken, weil die günstigen Produkte, die Eigenmarken der Supermarktketten, grundsätzlich im untersten Regal liegen. Ein Franzose der von der Sozialhilfe lebt oder Geringverdiener ist, läuft also gebückt durch den Supermarkt.

Das Schlimmste an der Armut ist nicht der Mangel, sondern die Demütigung. Die „Gelben Westen“ haben mit ihren Protestaktionen gezeigt, wo die neuralgischen Punkte liegen. Seit Wochen postieren sie sich an den Mautstellen der Autobahnen und lassen die Autofahrer passieren, ohne zu zahlen. In Frankreich sind die Autobahnen, anders als in Deutschland, privilegierte Wege mit verhältnismäßig wenig Verkehr, weil viele Franzosen diese teuren Straßen meiden müssen. Somit drängelt sich das arme Volk auf den schlechten Nationalstraßen. Eine Fahrt von Lyon nach Marseille kann einen auf der Autobahn mehr kosten, als das Benzin, das man verbraucht. Da es auch in Frankreich immer mehr Pendler gibt, ist dieses „Zwei-Klassen-System“ auf der Straße zunehmend brisant.

Wen trifft in Frankreich die Verschärfung der Abgasnormen für Dieselfahrzeuge? Es trifft natürlich die Armen mit den alten Dieselfahrzeugen, die sich nun nicht nur arm, sondern auch noch schlecht und schmutzig fühlen dürfen. Hilfen gibt es keine nennenswerten, weder von der Regierung noch von der Autoindustrie.

Das alles wird von einer Regierung vertreten, deren Präsident Kritikern seiner unsozialen Politik gern mal vorwirft, sie sollten lieber mehr arbeiten, damit sie sich auch so einen schönen Anzug leisten können, wie er selbst. Das macht Stimmung!

Die Franzosen mögen die Armut nicht

Anders als bei den Briten, die Armut teilweise als heroisches Privileg betrachten, obwohl sie eine distinguierte Klassengesellschaft sind, anders als die Deutschen, bei denen Arme häufig einem sorglosen Hedonismus mit geringen Mitteln frönen und dies, dank Aldi-Kultur, auch können, mögen die Franzosen die Armut nicht.

Ein Land, in dem Lebenskultur eine so große Rolle spielt, legt Wert darauf, dass bestimmte Minima gegeben sind. Gutes Essen, Wein und das „kleine Glück“ auf dem Lande müssen auch für ärmere Familien möglich  sein, sonst bringt das Leben keinen Spaß mehr und vor allen Dingen leidet das Gefühl der Zugehörigkeit, die so genannte Teilhabe für die Franzosen, die es sich nicht leisten können, erheblich.

Folgerichtig findet man unter den „Gelben Westen“ viele ältere Menschen, die sich vom französischen Lebensstil abgehängt fühlen und das auch so deutlich sagen. Es finden sich junge Leute, die, ganz im Gegensatz zu den vollmundigen Vereinnahmungen von europafreundlichen Politikern, an ihre Zukunft in Europa nicht mehr glauben und sich auf ihre Hilflosigkeit am Studienort ein Zimmer zu bekommen und bezahlen zu können, zurückgeworfen sehen. Auch sie begreifen sich, trotz einer guten Bildungsaussicht, inzwischen als Arme.

Diese Mischung ist gefährlich für die Kapitalisten, weil sie schon einmal, im Frühjahr 1968 in Paris, eine Massenbewegung ausgelöst hat, in der sich Studenten und Arbeiter solidarisierten und eine Revolte begannen, die auf halb Europa übergriff. Damals war es eine linke Revolte. Heute dürfen wir da nicht mehr sicher sein. Denn neben Linken, beherrschen auch Rechte in Frankreich die Szenerie der „Gelben Westen“ auf den Straßen.

Wenn Macron scheitert, dann ist in Frankreich keine radikal linke Regierung zu befürchten, sondern eine europafeindliche und radikal rechte Regierung, die von Marine Le Pen angeführt wird.

An den Börsen geht die Angst um

Wegen des vermasselten Weihnachtsgeschäftes sinken an den Pariser Börsen derzeit die Einzelhandelswerte. Allerdings dürfte die Angst sehr viel breitere Wellen schlagen, wenn Macrons Republiqe En Marche nicht die eigene Republik vom Marschieren abbringen kann. Sein revolutionäres Motto, das zu keinem Zeitpunkt ernst gemeint war, könnte ihn jetzt einholen. Der größte Investmentfond in Europa, mit Hauptsitz in den USA fürchtet schon dass nicht nur in Frankreich die kapitalfreundlichen Reformen nun zurückgefahren werden, sondern in ganz Europa. Frankreich als Zünglein an der Waage also. Dann würden laut Blackrock die Investoren einen noch größeren Bogen um Europa schlagen, als jetzt schon.

Ob das Angstmache ist? Ganz sicher.

Die Befürchtungen, dass der Einbruch des Neoliberalismus eine europäische Rezession auslösen könnte, sind aber real. Denn das System lässt sich nicht so schnell von asozial auf sozial umbauen. Zurzeit sind die Massenmärkte in Europa darauf eingepegelt, dass Menschen für wenig Geld billige Waren und Dienstleistungen für andere Menschen mit wenig Geld anbieten. Genau dieser Markt bildet seit Jahren eine langsame Spirale nach unten aus und dürfte weiterhin zur Verarmung führen. Auch die Integration von Migranten in die europäischen Arbeitsmärkte, dürfte diese Abwärtsspirale eher beschleunigen, als dämpfen.

Im Windschatten dieser Armutsmärkte finden die europäischen Exportindustrien günstige Bedingungen vor, um preiswert auf dem Weltmarkt verkaufen zu können. Das äußerst billige Geld der EZB trägt dazu bei, dass der Euro global konkurrenzfähig bleibt und zugleich, dass die unteren Bevölkerungsschichten kein nennenswertes Geld mehr zusammensparen können.

Das System, auf dem Rücken der Armen, die Globalisierung gewinnen zu wollen, ist an seiner Grenze angelangt, auch in Frankreich, wo Macron und die „Gelben Westen“ stellvertretend für dieses System aneinandergeraten sind. Welche Politik das soziale Gleichgewicht in Europa wieder herstellen kann, ohne einen wirtschaftlichen Absturz zu provozieren, steht derzeit vollkommen in den Sternen.