Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Politik scheint immer gesundheitsschädlicher zu werden. Heute sind gleich zwei Bundestagsmitglieder im Plenum zusammengebrochen und mussten ärztlich versorgt werden. Aus der Fraktion die Linke, Domscheit-Berg, kam die Kritik, dass auch Wasser trinken im Bundestag verboten sei, obwohl die Sitzungen theoretisch acht Stunden und mehr ohne Pause stattfinden. Heute sei so ein Tag gewesen.

Was soll es, möchte man meinen. Im Meinungskrieg aller gegen alle, gibt es halt Opfer und natürlich dort, wo besonders hart gekämpft wird. Da braucht man schon eine stählerne Gesundheit. Wer erinnert sich noch an die Zitteranfalle von Merkel (dreimal in diesem Jahr)?

Natürlich kann man den Abgeordneten erlauben, Wasser aus Plastikflaschen zu trinken. Wenn diese geworfen werden, gibt es wohl kaum Verletzungen. Macht man aber nicht, weil der Mensch eben im Bundestag ein Übermensch zu sein hat, genauso wie unsere Kanzlerin und die Kassiererin bei Aldi. Wieso, darf die auch nicht an der Kasse trinken? Nee, darf sie nicht, bei Aldi Süd zumindest nicht!

Was ist das Prinzip, das dahinter steht, das vielleicht im Bundestag und bei Aldi an der Kasse gleich ist? Pure Menschenfeindlichkeit doch wohl hoffentlich nicht.

Die Kassiererin und der Bundestagsabgeordnete sind Aushängeschilder. Sowohl einige Supermarkt- und Drogerieketten betonen dies und begründen damit das Trinkverbot an der Kasse. Im Bundestag will man ebenfalls keine konsumierenden Abgeordneten, das Glas Wasser steht nur auf dem Rednerpult bereit, im Saal wäre das ungehörig. Schließlich ist auch hier die Öffentlichkeit präsent.

Warum also ist es Sitte, von ganz oben bis ganz unten, den Menschen übermenschliches abzuverlangen, damit sie in der Öffentlichkeit akzeptiert werden? Übrigens auch Richter, Polizisten und Staatsanwälte trinken nicht im Saal.

Der Mensch soll hinter seiner Rolle verschwinden und er soll mürbe werden im Anpassungsprozess, der von ihm erwartet wird. Der Politiker soll nach Fraktionszwang abstimmen, die Kassiererin soll klaglos tausende von Produkten über den Scanner ziehen und der Richter soll sich nur an das Gesetz halten und nicht an persönliche Einschätzungen.

Menschen in existentielle Bedrängnis zu bringen ist eine einfach Disziplinierungsmethode, die bei uns noch überall angewendet wird.

Wer aufbegehrt, wird zumindest zurechtgewiesen. Sicher ist die Atmosphäre im Bundestag menschenfeindlich, weshalb die Abgeordneten auch nur ins Plenum gehen, wenn sie unbedingt müssen. Das gleiche gilt für Mitarbeiter bei Aldi Süd, die auch nur an die Kasse gehen, wenn sie es müssen.

Ach ja und die Chefvisite hat im Krankenhaus neulich mal wieder ziemlich lange gedauert. Vier Stunden im Stehen ohne Getränke und Pinkelpause – irrational – aber so üblich. In dieser Not sagt niemand ein Wort zu viel, alle wollen fertig werden. Ein Disziplinierungsinstrument.

Wir könnten unseren Streifzug durch die Arbeitswelt beliebig fortsetzen und würden immer wieder auf diese Art der Unterdrückung einfachster menschlicher Bedürfnisse stoßen, die brave und angepasste Arbeitnehmer erzeugt.

Wenn wir tatsächlich eine so freie und liberale Gesellschaft wären, wie immer wieder behauptet wird, gäbe es diese Art der Unterdrückung am Arbeitsplatz nicht mehr.

Allein wir sind es in Wahrheit nicht.

Wir sind eine Gesellschaft, die darauf geeicht ist, im Verhältnis zwischen Dienstleistern und Konsumenten eine Vertikale aufzubauen, in der der Dienstleister, in der Regel Arbeitnehmer, bedürfnislos bleibt, während der Konsument seine Bedürfnisse geltend macht. Dieses Rollenspiel soll die Bedürfnisse des Konsumenten über die des Arbeitnehmers stellen und stellt faktisch die Profitbedürfnisse des Arbeitgebers auch über die einfachsten Bedürfnisse des Angestellten, der am Ende der Gekniffene ist, der für wenig Geld Selbstverleugnung betreiben darf, bis die Gesundheit streikt.

Eine Gesellschaft der schönen Fassade, die heutzutage nicht mehr bröckelt, wie früher, wo Leute auch mal sehr unhöflich werden konnten, sondern plötzlich und unvermittelt zusammenbricht, weil Menschen die Selbstverleugnung nicht mehr aushalten.

Diese Gesellschaft des schönen Scheins beruht auf Unterdrückung und das wird zumindest symbolisch durch die Verweigerung von Grundbedürfnissen der Arbeitenden durch die Arbeitgeber bis hinauf in den Bundestag überall in unserer Arbeitswelt deutlich gemacht, mehr oder weniger bewusst deutlich gemacht.

Ob beim Friseur oder im Bordell. Die Leute bekommen etwas zu trinken angeboten, aber der Dienstleister trinkt nicht mit. Ein untrügliches Zeichen für die Dienstleistungs-Vertikale.

Mein Vorschlag:

Trinken Sie mit jemandem etwas, denn dann befinden sie sich vermutlich in einem echten zwischenmenschlichen Kontakt und sind für ein paar Minuten aus unserem ökonomisch motivierten Zwangssystem ausgebrochen.

Wer miteinander trinkt, signalisiert, dass er gleich ist.