Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Kill! Die Gamer-Szene ist vorwiegend mit töten beschäftigt.

World of Warcraft ist eines der beliebtesten Spiele unter jungen Gamern und es ist weltweit verbreitet. Die Zahl der Spiele, die im Umlauf sind, kann man nur schätzen, aber sie gehen in die Millionen. So viel ist sicher.

Es müssen Aufträge ausgeführt werden, analog zu Kampfsituationen in voller Bewaffnung. Das bedeutet eben auch den Gegner auszuschalten, indem man ihm die Kehle durchschneidet oder erschießt, alles ganz realisitsch.

Sicher sind die Spiele intelligenter und subtiler geworden. Einfach nur ein Massaker anzurichten, gibt keine Punkte, die „Mission“ muss möglichst gut erfüllt werden. Die Analogie zu Kampfeinsätzen von Spezialeinheiten wird immer realistischer. Dumpfer Blutrausch ist nicht mehr angesagt.

Aber Entwarnung gibt es deshalb noch lange nicht!

Je realistischer diese Spiele programmiert sind, desto attraktiver sind sie auch. Sie ersetzten für viele Gamer zunehmend die reale Welt und der Kampfeinsatz wird zum Prototyp der Tagesgestaltung, die online-Beziehungen im Internet werden zur Familie. Eine Familie allerdings, die dem Gamer bei jedem gut gemachten Kill freundschaftlich auf die Schulter klopft.

Wir beklagen uns über Parallelwelten, schlecht integrierbare Bevölkerungsgruppen. Die Gamer gehören definitiv dazu!

Wenn nun ein junger Neonazi, der seine Identität hauptsächlich im Internet entwickelt und der zur Gamer-Szene gehört, einen Anschlag gegen eine Synagoge begeht und dabei Menschen tötet, dann ist dieser Bezug bitte öffentlich herzustellen und zu analysieren.

Bei Menschen, die sich überwiegend im Internet aufhalten, oft junge Männer, aber auch immer öfter junge Frauen, die nur andere Plattformen nutzen und ihre Technik eher mobil gestalten, gibt es zwei ganz offensichtliche Umstände zu konstatieren. Erstens ist der Kontakt zur realen Welt und zu realen Menschen reduziert oder durch spezifische Internet-Beziehungen verzerrt. Zweitens werden Beziehungen zur realen Umwelt vernachlässigt oder gar nicht erst gelernt. Die Mischung aus mangelhafter Beziehungskompetenz und hoher Involviertheit ins Internet erzeugt einen Stau, den man durchaus als emotional bezeichnen kann. Das kann zu gequält sein, Langeweile, Einsamkeit, Hass und Impulskontrollstörungen führen.

Wir hatten noch nie eine so hohe Zahl an Selbstverletzern im Alter von 14-18 Jahren. Viele Eltern können ein Lied davon singen. Alle diese autoaggressiven Jugendlichen sind im Internet überdurchschnittlich involviert. An manchen Schulen gibt es hier regelrechte Epidemien!

Wenn diese Mischung aus Entfremdung und Gefühlsstau, die das Internet (nicht nur das Spielen, sondern auch Youtube und andere soziale Foren) erzeugt, auf fatale politische Propaganda trifft, die diese Emotionen bedient, dann haben wir beispielsweise auch „virtuelle Neonazis oder virtuelle Islamisten“, die sehr schnell real werden können, wie wir in den letzten Jahren gesehen haben. Der Anschlag von Halle ist nur ein Beispiel.

Die Jugend vor den PCs allein zu lassen ist schon das eine Problem, Gamerszenen und extremistische soziale Netzwerke nicht ernst zu nehmen, ist das andere.

Die Deutung, dass der Attentäter von Halle ein normaler Neonazi ist, verfängt jedenfalls nicht, obwohl sie den politisch links stehenden in der Öffentlichkeit am liebsten ist. Wir haben ein generelles Problem mit dem Internet, das soziale Spielregeln eben nicht nur partiell außer Kraft setzt, sondern auch in der Entwicklung von jungen Menschen nicht mehr erfahrbar macht.

Zur Beziehungskompetenz gehört übrigens auch Gewaltkompetenz, die man in World of Warcraft nicht erlernen kann. Dafür braucht man reale Menschen und reale Situationen. Viele enthemmte Gewalttaten, wären früher so kaum denkbar gewesen, weil junge Männer sich nach Regeln auseinandergesetzt, möglicherweise auch geprügelt haben. Die Tabuiserung von körperlicher Gewalt auf dem Schulhof und in der Realität ganz generell, trifft in einer verhängnisvollen Art auf die Enthemmung der Gewalt im Internet.

Das kann nicht gut gehen!

Die Antwort kann ganz sicher nicht nur in einer besseren Überwachung des Internets und ihrer User bestehen. Wir müssen in der Wirklichkeit ansetzen und aufhören, Menschen idealistisch gestalten zu wollen, die dann im Internet zum Ausgleich in den moralischen Keller gehen. Wir müssen aufhören, Erziehung, Politik und öffentliche Diskurse so zu führen, dass nur der halbe Mensch darin vorkommt.

Wir verfügen über eine wunderbare wissenschaftliche Grundlage über Trieb, Aggressionen und die dunkle Seite der Psyche. In einer Leistungsgesellschaft interessiert das nicht.

Sollte es aber!