Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wenn der Westen, gemeint sind unsere liberalen Demokratien, die derzeit in manchen Ländern schon deutliche Dämpfer erfahren, an sich gut wäre, könnte man Putin tatsächlich böse finden.

Ein Aufruf zum politischen WM-Boykott (den nicht einmal Merkel realisieren möchte), erschien heute als Kommentar in der Welt.

Dort werden Russlands Sünden der letzten Jahre aufgezählt, was in dieser Zusammenfassung etwas ungewollt Verräterisches bekommt.

Es wird dem Leser nämlich deutlich, dass für jede russische Sünde eine Westliche steht, die vorangegangen ist.

Die Ukraine-Krise begann mit einer westlich initiierten „Revolution“ in Kiew. Ein gewählter Präsident (Janukowitsch) wurde gewaltsam entmachtet und eine westlich orientierte Schattenregierung stand schon bereit. Die Tatsache, dass Russland dann die Ukraine mit „Metzger-Methoden“ zerlegt hat und heute zwei Theaterrepubliken auf ukrainischem Territorium existieren, die russlandhörig sind, ist böse, aber den Anfang haben die USA, die EU und eine Reihe von ukrainischen und internationalen Oligarchen (darunter George Soros) gemacht.

Der versehentliche Abschuss der Passagiermaschine MH17 über der Ost-Ukraine durch eine russische BUK-Rakete geht klar auf das Konto der russischen Besatzer. Sehr, sehr böse, aber Folge der Ukraine-Krise.

Der Syrienkrieg, der Putin vorgeworfen wird, begann ebenfalls mit starken westlichen Aktivitäten, unter anderem der massiven Unterstützung (finanziell, propagandistisch und militärisch) islamistischer Rebellen, die den Bürgerkrieg überhaupt erst eskaliert haben. Natürlich war auch Erdogan mit von der Partie, viele wollten Assad loswerden, auch die  Ajatollahs im Iran, aber der Westen hat den entscheidenden Beitrag zu Kriegsbeginn geleistet. Vielleicht die USA etwas mehr als die EU, aber das sind Feinheiten. Die dann folgende bedingungslose Unterstützung Assads durch den Kreml (relativ spät im Kriegsverlauf) war sicherlich sehr böse. Aber wer war der Brandstifter? Putin doch nicht!

Die Giftgaseinsätze in Syrien gehen klar auf das Konto von Assad, der schnell und ressourcenschonend gewinnen will. Welchen Ärger ihm das, hinter den Kulissen, mit dem Kreml eingebracht hat, wissen wir nicht. Aber auch diese Giftgaseinsätze sind indirekte Folge der westlich betriebenen Eskalation in Syrien, in der Hoffnung Assad und die russische Präsenz am Mittelmeer zu beseitigen.

Das überflüssige Attentat auf Skripal und seine Tochter geht ebenfalls sehr wahrscheinlich auf das Konto des Kremls. Es gibt zu viele Indizien, die darauf hinweisen, auch wenn die Russen empört dementieren. Dankbar sind sie hinter den Kulissen für die Abschreckung, an ehemals russische „Verräter“ in Großbritannien schon. Die russischen Staatsmedien konnten das nach dem Attentat kaum verbergen. Sehr böse und vielleicht ein Grund, der WM fern zu bleiben. Aber eben bisher nicht bewiesen.

Fazit:

Wer von uns ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Unsere liberalen Demokratien haben sich zu tumorösen Expansionen in andere Länder hinreißen lassen und kontrollieren diese politische Willkür nicht mehr. Das nennt sich Softpower, womit auch Subversion gemeint ist. Genau diese Subversion wird nun Putin vorgeworfen, was ihn verantwortlich für den Zerfall der EU und die Wahl Trumps in den USA machen solle. Das allerdings war bisher die Spezialität der Brandstifter aus dem westlichen Lager.

Die mögen dann bittersehr wirklich nicht zur WM fahren!