gj rodriguez1

Video von Jerome Rodriguez, der bei der Explosion einer “Schockgranate” (Screenshot) der Polizei gestern auf dem Place de la Republique, sein rechtes Auge verlor.

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Was hatte es auf sich, mit der schnellen und äußerst brutalen Räumung des „Place de la Republique“ durch die französischen Sicherheitskräfte?

Eigentlich sollte es eine friedliche, abendliche Versammlung werden, die von der Präfektur sogar bis 22.00 genehmigt wurde. Die gelben Westen hatten die „nuit jaune“, die gelbe Nacht auf dem symbolträchtigen Pariser Platz ordnungsgemäß angemeldet. Doch dazu kam es nicht.

Was als Richtungswechsel zu einem friedlichen und dauerhaften Protest gedacht war, der die „grand debat“ die große Debatte, die Macron mit großem medialen Aufwand gestartet hatte, auf die Straße tragen sollte, damit auch die Gelben Westen daran teilnehmen können, wurde, trotz Genehmigung, von der Polizei verhindert.

Bereits die Zugänge zum Demonstrationsort wurden von der Polizei weitgehend blockiert, so dass im Laufe des frühen Abends nur wenige Demonstranten dorthin gelangen konnten. Ab 19.00 sagte die Polizei die Veranstaltung ab und begann mit der Räumung des Platzes. Zuvor hatte es bereits mehrere Scharmützel mit Demonstranten und Sicherheitskräften gegeben, bei denen auch Gummigeschosse und sogenannte Schockgranaten, die schwere Verletzungen verursachen können, zum Einsatz kamen. Ein Video zeigte, wie ein bekannter Journalist der Gelben Westen, Jerome Rodriguez, durch ein Geschoss schwer verletzt wurde.

Warum die Kundgebung so rigoros aufgelöst wurde, bevor sie eigentlich begonnen hatte, ist noch offen.  Angeblich seien Feuer angezündet worden, die von der Polizei mit Wasserwerfern sofort gelöscht wurden, was allerdings am Nachmittag geschah. Ein Video weist zumindest darauf hin. Im Rahmen der abendlichen Auseinandersetzungen, die allerdings durch die aggressive Räumungsstrategie der Sicherheitskräfte ausgelöst wurde, wurde dann auch ein Polizeiwagen verbrannt.

gj62

Eigentlich eine friedliche Atmosphäre unter den Demonstranten, die dennoch rigoros vertrieben wurden. Warum?

Der Innenminister gab passend zur Räumung gegen 19.00 einen Tweet heraus, in dem er die Gewalt der Randalierer aufs Schärfste verurteilt.

Christophe Castaner‏Verifizierter Account @CCastaner 15 Std.Vor 15 Stunden

Je condamne avec la plus grande fermeté les violences et dégradations commises ce samedi encore, à Paris comme en province, par des casseurs camouflés en gilets jaunes.

Im Prinzip zeigen die Videos, dass eine überschaubare Zahl von Demonstranten etwa zwei Stunden lang von der Polizei permanent über den Platz gejagt wurde und schließlich beim « Monument de la Republique » mehr oder weniger eingekreist wurde. Dabei gingen Zehnergruppen von Sicherheitskräften permanent durch die Reihen der Demonstranten hindurch und demonstrierten auf diese Weise, dass die Gelben Westen dort kein Versammlungsrecht hatten. Dennoch war der Platz bis 20.00 von mehreren hundert Gelben Westen gefüllt.

Die Wut der Gelben Westen war entsprechend groß. Sie skandierten Ihr Spottlied und forderten Macrons Rücktritt :

« Emmanuel  Macron , Grosse Tête de Con, on vient te chercher chez Toi. » (Macron, großer Vollidiot, wir kommen bei Dir vorbei !)

Neben dem Hinweis auf gewaltbereite Demonstranten, gibt es jedoch noch eine andere mögliche Erklärung, warum der « Place de la Republique » auch nicht den friedlichen Gelben Westen überlassen wurde.

« Point-Rond » auf dem « Place de la Republique » zu symbolträchtig für Macron

Die französische Regierung könnte den « point-rond », wie er von den Gilets Jaunes als friedlicher Treffpunkt und als Protestzentrum geplant ist, zu bedrohlich erscheinen. Derzeit marodieren, die Gelben Westen aus Sicht der Regierung durch Paris, konnten sich aber nirgendwo festsetzen. Da möchte, Macron sicher nicht, dass sie ausgerechnet den Place de la Republique, als « point-rond » für sich erobern. Denn damit könnte der Protest zu einem Dauerprotest, zu einer « manifestation permanente » werden, die sich institutionalisert.

Sicher ist der Maijdan in Kiew, der ja von den europäischen Regierungen unterstützt wurde, das abschreckende Beispiel für Macron und seine Regierung. Einen Pariser Maijdan will man bestimmt nicht !

Möglicherweise der gewichtigere Grund, die « nuit jaune » mit massiver Gewalt zu sabotieren und schließlich aufzulösen, bevor sie begonnen hatte.

Wie stark diese gewaltsame Auflösung auf die Gilets Jaunes gewirkt hat, zeigen Verlautbarungen, der Gelben Westen, die heute durch die französischen Medien gehen :

Ein Sprecher der Gilets Jaunes fordert nun  einen Aufstand ohne Beispiel, « un soulèvement sans précédent », ob dies zu einer weiteren Eskalationsstufe im Kampf mit der Regierung führt, darf abgewartet werden.