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Screenshot Live-Bericht auf Facebook (hier Paris, Arc de Triomphe am 12.1.2019)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

30 000, 50 000, 84 000, 92 000 – So lauteten die offiziellen Zahlen der frankreichweiten Teilnehmer an den Protesten der Gelben Westen am heutigen Samstag.

Am letzten Wochenende waren es noch 50 000 Teilnehmer in ganz Frankreich, die Bewegung scheint wieder zu wachsen.

Der Tag ließ sich auch im Internet dank der vielen Live-Übertragungen mittels Smartphone auf Facebook, die von den Aktivisten selbst online gestellt wurden, ganz gut verfolgen.

Gegen 9.00 war noch nicht klar, wo sich der Schwerpunkt der Proteste abspielen würde. Im Netz gab es Unklarheiten und Diskussionen, ob die Hauptdemonstrationen nach Bourges etwa 100 km südlich von Paris verlagert werden sollten. Die Befürchtungen vieler Gelber Westen, dass die Polizei die Zufahrten nach Paris abriegeln würde, sprachen für das kleine und sehr zentral gelegene Bourges. Tatsächlich kam dort heute bis 14.00 etwa 5000 Demonstranten zusammen. Außerdem gab es um Bourges herum diverse Straßensperren durch die Aktivisten, aber auch durch die Polizei. Die Demonstration in der Innenstadt von Bourges war im Vorfeld von der Präfektur verboten worden.

In vielen Städten in Frankreich erreichten die Zahlen der Demonstranten nur knapp 1000 Teilnehmer, teilweise nur einige Hundert. In Paris waren es aber gegen 14.00 über 6000 Gelbe Westen, in Toulouse und Bordeaux jeweils 5000 und in Marseille, Avignon, Nimes und anderen Brennpunkten der Gilets Jaunes etwas weniger. Gegen 14.00 sollten es insgesamt 32 000 gewesen sein. Die Tatsache, dass sich diese Zahl bis zum Abend auch nach offiziellen Schätzungen, die durch die französischen Medien noch annähernd verdreifacht hat, kann auch mit der starken medialen Berichterstattung zusammenhängen.

Solidarisierungseffekte nach hoher Aggressivität der Sicherheitskräfte

Provokativ für viele Sympathisanten der Gelben Westen könnte die offizielle Zahl von über 80000 Sicherheitskräften gewirkt haben, die den ganzen Tag durch die französischen Medien ging. Was eigentlich einschüchtern sollte, hat ganz offensichtlich erheblichen Zulauf bei den Demonstranten im Tagesverlauf bewirkt.

Tatsächlich gingen die Sicherheitskräfte, zu denen, neben der Polizei, auch die sogenannte BAC zählte, eine Sondereinheit, die nur mit Armbinden gekennzeichnet, die Demonstrationszüge infiltrieren sollte, in ganz Frankreich sehr aggressiv vor. In Paris wurden die wichtigsten Straßen der Innenstadt gesperrt, die Champs-Elysees waren für die Aktivisten nicht erreichbar und wenn sie dennoch durch die Absperrungen kamen, wurden sie von der Polizei eingekesselt. Der Arc de Triomphe wurde in einem inneren Ring von der Polizei abgeschirmt. Die Gelben Westen, die das Rondell um das Monument herum dominieren konnten, waren wiederum durch einen äußeren Ring massiver Polizeikräfte eingekesselt. Die Demonstranten wurden mehr oder weniger unablässig mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern angegriffen. Die Schlacht dauerte bis zum Abend an.

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Die BAC ist an den roten Armbinden mit Aufschrift Police zu erkennen und wird von den Gelben Westen aufmerksam verfolgt und bei Bedarf isoliert

Mediale Infrastruktur der Gelben Westen fast perfekt

Von allen Schauorten der Proteste gab es Live-Übertragungen, die von den Gelben Westen geteilt und verfolgt wurden. Einige dieser Bürgerjournalisten waren in den Demonstrationszügen schon so bekannt, dass sie mit großem Hallo begrüßt und mit ihrem Namen angesprochen wurden. Diese Live-Reporter der Gilets Jaunes, die kostenlos arbeiten, ermöglichen eine schnelle Orientierung, wo Brennpunkte sind und wo mehr Solidarität gefragt ist. Diese schnelle Informationsstruktur hat sich heute bewährt. Die Teilnehmerzahlen stiegen genau dort an, in Bordeaux, Paris und Toulouse, wo die Demonstranten von der Polizei stark unter Druck gesetzt wurden.

Auf der anderen Seite hatten es professionelle Journalisten mancherorts schwer, direkt aus der Demonstration zu berichten, da sie von vielen Aktivisten wenigstens verbal, teilweise auch körperlich angegriffen und an den Rand der Demos vertrieben wurden. Dies war ganz besonders dort der Fall, wo die Spannungen mit den Sicherheitskräften ausgeprägt waren, insbesondere in Bordeaux und Paris.

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Stress löste bei den Demonstranten besonders die aggressive Taktik der Polizei aus

Gegen Abend zahlreiche Diskussionen in den französischen Medien

Für die Talkshows sind die Gelben Westen ein Mirakel und zugleich eine extreme Herausforderung. Selten sind Aktivisten persönlich bei den Diskussionen eingeladen, der Bewegung fehlen die führenden Köpfe, welche sie repräsentieren könnten, was allerdings auch gewollt ist.

Ein Schlagwort macht derzeit in Frankreich ganz besonders Karriere und wird häufig diskutiert. Der Begriff der Meritokratie. Damit ist die gesellschaftliche Vorherrschaft einer durch Leistung und Verdienst ausgezeichneten Bevölkerungsschicht gemeint, welche die anderen Bevölkerungsgruppen dominiert oder sogar unterdrückt. Genau gegen diese gesellschaftliche Schicht richten sich die Proteste der Gilets Jaunes.

Macrons Bewegung, Republique en Marche, ist nun mit einer echten Bewegung konfrontiert

Zum anderen ist es Emanuel Macron nicht gelungen, sich selbst aus der gesellschaftlichen Schusslinie zu nehmen. Stattdessen provoziert er immer wieder mit Aussagen, wie der kürzlich geäußerten Meinung, dass die Franzosen nicht mehr bereit seien, sich anzustrengen. Macrons Partei, die sich lange in den Medien als Bewegung stilisiert hat, ist inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung genau die Interessensvertretung der Meritokratie, also der Leute, denen es in Frankreich noch gut geht.

Dagegen marschieren die sozial Abgehängten, zusammen mit einer gut gebildeten Jugend, die ihre demokratischen Rechte einfordert. „Prenons nos droits“ lautet ein Motto der Bewegung, die für die Einrichtung einer permanenten Volksabstimmung (RIC) kämpft.

Für die NGO aus der Retorte, La Republique En Marche (LREM) von Macron bedeutet das, dass sie nun mit einer echten Bewegung konfrontiert ist.

Die Republik marschiert, aber eben gegen Macron, dem es auf ungewollte Weise gelungen, ist, die Franzosen zu einigen.

Auf allen Demonstrationen werden die französischen Fahnen geschwenkt, überall wird die Marseillaise gesungen, die französische Nationalhymne also.

Auf einer vergleichbar großen Demonstration in Berlin im letzten Herbst waren deutsche Fahnen offiziell unerwünscht und wer die deutsche Nationalhymne auf der Straße singt, gilt als rechtsradikal.

Das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich.

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Screenshot Facebook: Äußerer Polizei-Ring um den Arc de Triomphe am 12.1.2019